Alles andere, was diesem Vitalitätsgedanken, diesem Vitalismus nicht entsprach, sollte von Menschenhand ausgerottet werden.
Dieser Ausrottungsgedanke wurde zum Teil bereits im 1. Weltkrieg verwirklicht und ist auf subtile Art immer noch ein Thema im 21. Jahrhundert.
Die deutschen Wissenschaftler entwickelten im Ersten Weltkrieg ein Giftgas, das nicht nur in Frankreich verheerende Wirkungen hatte und unzählig viele Menschen vernichtete.
Jedenfalls sollte zur Zeit des Nationalsozialismus´ in Deutschland alles, was krank, morbide, traurig, krumm, schwarzhaarig, braunäugig, nicht sesshaft, besonders kreativ (die Expressionisten), besonders genial (Sigmund Freud), klein (Liliputaner), homosexuell, besonders gläubig und kämpferisch (Bonhoeffer), individualistisch, freiheitsliebend, kommunistisch, jüdisch oder zigeunerhaft war, ausgerottet werden – alles, was anders war, was der Norm des arisch-germanischen Menschen nicht entsprach, musste weg. Auf diese Weise, mit dieser Eugenik, würde die Welt dann besser werden, gäbe es dann den „neuen Menschen“, perfekt nach einem Maß gestaltet wie Anzüge von der Stange.
Jedenfalls diese Theorien existierten in mehr oder weniger moderaterer Form auf der ganzen Welt bis hin nach Neuseeland und sonst wo. In Deutschland waren sie am stärksten ausgeprägt und wurden auf unvorstellbar grausame Art in die Tat umgesetzt. Sechs Millionen Menschen, es waren die Juden, die Zigeuner und die Andersseienden und -denkenden, wurden nach einem „perfekt“ ausgeklügelten Plan ausgerottet.
Übrigens: der kleine Wahnsinnige war selbst klein, schwarzhaarig, braunäugig, wahrscheinlich nicht heterosexuell, sicher nicht arisch und anders denkend.
Die bekannte Psychoanalytikerin und humanistische Psychotherapeutin Alice Miller deutete diesen Irrsinn als Selbsthass Hitlers, der so groß war, dass dieser sich selbst sechs Millionen Mal umbringen ließ. Der bekannte indische Philosoph des 20. Jahrhunderts, Osho, sagte: „Im hässlichen Gesicht des anderen siehst du immer nur dein eigenes!“
In jener Zeit verbrachten Maria und Gustav ihre Jugend. Die christliche Erziehung und die Werte der Barmherzigkeit und Liebe trugen Marias und Gustavs Familie durch diese Epoche der Angst, der Verdrängung, der Todeserschrockenheit, des Todes und der Vertreibung und erhellten diese dunklen Momente zum Teil.
Maria wollte ursprünglich Diakonissin werden, und besonders dann, wenn sie sich mit Gustav gestritten hatte. Maria hatte in ihren Handlungsweisen etwas alttestamentarisch Dualistisches. Das „Gute“ wird belohnt das „Böse“ wird bestraft. Das ist eine Geisteshaltung, die viel Angst erzeugt und große Anstrengung und Kraft kostet.
Jedenfalls war da viel Angst, die vor allem auch durch ein Terror-Regime geschürt wurde, das mit KZ-Haft und Todesstrafe drohte, wenn die Normen nicht eingehalten wurden und zu denen der Nazi-Gruß, der Arier-Ausweis und das Nazi-konforme „Wohlverhalten“ zählte. Alle anders Artigen, anders Denkenden, Fühlenden und Aussehenden wurden durch das Terror-Regime diskriminiert, ausgegrenzt und denunziert…
Die Deutschen in Ostpreußen und Polen durften nun auch nicht mehr mit den polnischen Mitbürgern befreundet sein, sich nicht mit ihnen in der Öffentlichkeit treffen – mit Juden durfte das erst recht nicht geschehen, allerdings gab es dort auch kaum noch welche.
In Marias und Gustavs Familie zählten nun die christlichen Werte, also setzten sie sich über die unsinnigen Verbote hinweg und pflegten ihre Freundschaften zu den Menschen, die ihnen nahe waren, ob es sich nun um Polen, Deutsche oder Zigeuner oder sonst wen handelte.
Die Zeiten waren also unvorstellbar wirr, vielschichtig und dunkel.
Marias und Gustavs tiefe Liebe zueinander machte all das lichter und erträglicher. Aber da gab es die Angst, die über allem schwebte, den anderen nicht wiederzusehen. Meine Eltern lernten schon hier die Lektion des Abschiednehmens.
Die Verliebten warteten auf die Rückkehr ihrer Geliebten, die Ehefrauen auf die ihrer Ehemänner. Die Mütter weinten um ihre Söhne, die aus dem Krieg nicht zurückkamen, weil sie getötet wurden, oder sie bangten um die Söhne, die noch lebten und an irgendeiner Front als Soldaten eingesetzt waren, um dem „Vaterland“ mit seinen wahnsinnigen Zielen und Werten zu dienen.
So beteten Marias und Gustavs Mütter für ihre Söhne, packten Pakete und schrieben Briefe, von denen niemand wusste, ob sie jemals ankommen würden. Besonders Gustavs Mutter betete dreimal täglich und sang die Lieder, die auch meine Mutter heute wieder in ihrem kleinen Zimmer im Seniorenheim singt – die aus dem christlichen Gesangbuch.
Auch Maria schrieb Briefe, sehnsüchtige Liebesbriefe, und packte Pakete für Gustav, mit den besten Lebensmitteln, mit Schinken, Speck, Brot, Kuchen, warmen, selbst gestrickten Socken – und immer dabei waren die Sehnsucht und die bange Angst um das Wiedersehen.
In dieser Zeit war nun auch Maria gezwungen gewesen, eine BDM-Führerin zu werden, also eine leitende Funktion im Bund Deutscher Mädchen zu übernehmen. Sie wurde es nicht aus Überzeugung, sondern aus der Verpflichtung einem diktatorischen Staat gegenüber.
Der Zwang, Mädchen zu den Unwerten wie „Zucht“, „Ordnung“, Intoleranz, Ausschließlichkeit, Muttertier-Sein (falsch verstandene Mütterlichkeit) oder einem Gemeinschaftssinn, ohne den Respekt vor dem anderen, zu erziehen, fühlte sich, wenn es gegen die eigene Überzeugung war, beängstigend an und führte unweigerlich zu einem schizoiden Verhalten. Es wurde erwartet, das man etwas anderes tat und sagte, als das, was man selbst tun wollte und fühlte. Es lief alles gegen die innere Gesinnung.
Jeder Mensch in Deutschland war den Zielen des kleinen Wahnsinnigen mehr oder weniger untergeordnet …
Jedenfalls bedeutete dies einen großen Druck für Marias Seele, natürlich auch für Gustav und für all diejenigen, die diese Zeit durchlebten und die Unwerte als solche erkennen konnten.
Die, die heute noch leben, so wie Maria und Gustav, die nun in einem ländlichen Seniorenheim im Norden Deutschlands wohnen, tragen die Folgen dieser Zeit der Repressionen und Idiotien in Form von Traumata, schizoiden Verhaltensweisen, schweren Jammerdepressionen, Angst- und Panikattacken oder Demenzerkrankungen, weil die Seele sich zurückzieht, da sie so viel Unwahrhaftiges und Traumatisches nicht verkraften kann.
Jedenfalls hatte Maria damals als BDM-Führerin eine Vorgesetzte, die ein überzeugter Nazi war. Deshalb musste Maria vorsichtig mit ihren eigenen christlichen Überzeugungen sein, die denen der Nazi-Anhängerin völlig entgegengesetzt waren.
Nun war es Pflicht, dass diese Vorgesetzte an einem Sonntag zum Mittagessen eingeladen werden musste. Sie wartete im Wohnzimmer darauf zum Essen gebeten zu werden. In dieser Zeit besah sie sich ein Bild, das an einer Wand im Wohnzimmer über einem Buffet hing. Sie schwieg und wirkte nachdenklich, so erzählte mir meine Mutter, die sie zum Essen bat und sich einen Moment lang neben sie stellte. Maria meinte, ein verändertes, nachdenkliches Gesicht bemerkt zu haben. Die Nazi-Anhängerin las einige Sprüche, die in das Bild integriert waren. Es handelte sich um das Bild „Der breite und der schmale Weg“ nach einer Idee und dem Original von Charlotte Reihlen (1888) und einer Ausführung von Paul Beckmann. Es ist eines der vielen Andachtsbilder, die im Laufe der Jahrhunderte zur Illustration der christlichen Werte und des Weges in Kontemplation und der Gotteserfahrung gemalt wurden und den folgenden Vers des Neuen Testamentes, Matthäus 7, Vers 13 bis 14, anschaulich machten:
„ Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.“
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