Die kleine Maria wurde ein tapferes Mädchen, sie bekam noch drei Geschwister, einen Bruder, der zwei Jahre jünger war, und über ein Jahrzehnt später noch eine Schwester und einen Bruder. Als Älteste von drei Geschwistern fühlte sie sich stets zuständig und wurde auch, wie es damals bei Bauern und nicht nur dort üblich war, teilweise als Ersatzmutter eingesetzt. Jedenfalls fühlte sie sich verantwortlich für die Jüngeren und den ganzen Bauernhof. Sie hatte die Rolle der „Vernünftigen“ inne, sie nähte für ihre jüngeren Geschwister und dann auch für deren Puppen und Stofftiere und kümmerte sich um deren Wohl.
Und wenn ihr selbst beim Spielen, beim Erkunden der Um- bzw. Mitwelt ein kleines Missgeschick passierte, dann hatte sie immer Schuldgefühle, ein Gefühl der Angst, nicht angenommen zu sein. Ihre Eltern waren rechtschaffene Bauern, christlich-protestantisch geprägt mit alttestamentarischen Interpretationen, d.h., im Zusammenhang mit ethischen Normen und der Welt des Guten und Bösen kam auch der Teufel vor und manchmal ein gnädiger oder aber auch ein strafender Gott.
Sie gehörten als wohlhabende westpreußische, protestantische Bauern zu einer deutschen Minderheit in Polen. Dies war immer schwierig und irgendwie auch angstbesetzt gewesen. Schließlich war Maria zwischen zwei Weltkriegen geboren. Der Erste war noch nicht überstanden, der Zweite Weltkrieg war irgendwie schon spürbar, auch wenn niemand darüber sprechen konnte, denn die Kriegsgefahr war vielen Zeitgenossen damals nicht bewusst.
Als Maria einmal als Vierjährige den Kopf durch den Zaun gesteckt hatte, weil sie, neugierig, auf diese Weise einen Perspektivenwechsel erfahren wollte, konnte sie nicht mehr zurück. Da hat ihr Vater zu den Knechten (den damaligen Mitarbeitern) gerufen: „Holt doch ´mal die Axt!“ Meine Mutter schrie sehr laut und dachte, man wollte ihr den Kopf abschlagen. Dabei ging es doch nur um die Zaunlatte! Jedenfalls war es nicht weit her mit Marias Urvertrauen!
Als sie sich vor lauter kindlicher Freude und Übermut auf dem Nachhauseweg von der Schule an den Schulranzen eines Klassenkameraden gehängt hatte, um ihrem kindlichen Gemüt Ausdruck zu verleihen, da riss der Riemen des Ranzens entzwei und der Junge verpetzte meine Mutter bei seinen Eltern, die erbost zu meinem Großvater gingen und den Ranzen ersetzt haben wollten. Marias Vater regelte das und sie hatte seitdem das Gefühl, sie dürfe nicht ausgelassen und unbeschwert sein. In ihr entwickelte sich eine schleichende, verdeckte Angst und ein Misstrauen gegen die Umwelt.
Marias Vater, also mein Großvater, den ich auch noch kennenlernen durfte, überlebte den Ersten Weltkrieg und eine hartherzige Stiefmutter, indem er als Jugendlicher in die USA auswanderte und nach eineinhalb Jahren wiederkehrte. Einer seiner vielen Brüder war ein Wanderprediger, der vor allem als Sterbebegleiter in die Familien in der westpreußisch ländlichen Region gerufen wurde. Maria sprach immer voller Achtung von Onkel Oskar und das tut sie auch heute noch.
Neben Marias ernsthaftem Dasein als Älteste der Geschwister erzählte sie mir erst kürzlich im Seniorenheim von einem herausragend lustigen Ereignis für sie. Es war die Geschichte mit ihrer Cousine, die im gleichen Alter wie meine Mutter war. Als Maria und ihre Cousine viereinhalb Jahre alt waren, erlebte Maria zusammen mit ihrer Cousine bei deren Eltern eine große „Sensation“. Marias Tante und Onkel hatten eine große Bäckerei in einem Nachbardorf und die Kinder durften dort manchmal ein paar Tage übernachten. Maria spielte gern mit ihrer Cousine und eines Tages liefen die beiden in die Backstube, in der ein großer Bottich mit Teigresten stand. Dieser war ungefähr eineinhalb Meter hoch und hatte zwei Meter Durchmesser. Jedenfalls durften die beiden Mädchen in diesen Bottich klettern, Marias Tante half ihnen dabei, und so standen sie in diesem Riesentopf in voller Lebensgröße und durften die Teigreste auslecken. Das machte den beiden einen großen Spaß, und besonders Maria erlebte eine ihr fremde Ausgelassenheit und
Leichtigkeit.
Zuhause war Maria, als sie älter wurde, immer fleißig, sie arbeitete auf dem Bauernhof, fütterte Enten, Hühner und Küken und konnte irgendwann auch Tiere schlachten, kochte wunderbar, buk Brot und Kuchen und verzierte die schönsten Torten.
Einmal, als Besuch kommen sollte, was sehr häufig und üblich in dieser östlich ländlichen Region war, hatte sie eine wohl verzierte Torte kreiert und diese zum Kühlen in den Keller getragen. Als nun der Besuch gekommen war und Maria ihr „Kunstwerk“ holen wollte und dafür eigens in den Keller ging, war die Verzierung verschwunden, die Torte war sozusagen nackt. Ihr Kater saß neben der Kellertür und leckte sich genüsslich die Schnauze. Sie konnte ihm nicht böse sein.
Maria sang im Gemeinde-Kinderchor und Gustav, mein Vater, ebenfalls. Er stand während des Probens immer hinter Maria und flüsterte ihr eines Tages während des Singens ins Ohr – Gustav war elf Jahre alt und Maria sieben: „Du oder keine!“ Und so war es denn auch.
Sie jagten sich beide im Winter auf dem Dorfteich beim Schlittschuhlaufen, Gustav übergoss Maria zu Ostern mit viel Wasser, ein österlicher Brauch der Polen, und Weihnachten sangen sie zusammen als „Engel“ im Chor im Gebetssaal des Dorfes.
Maria war befreundet mit Gustavs Schwester Frieda, die mit ihr im gleichen Alter war. Gustav war häufig dabei, denn als Nachbarskinder hatten sie es nicht schwer,
einander zu begegnen.
Als Maria und Gustav älter waren, ritten sie beide mit ihren Schwerblutpferden aus. Manchmal waren sie auch zerstritten und dann hatte Gustav andere Freundinnen und Maria andere Verehrer. Aber sie wussten genau, dass sie beide für einander bestimmt waren, also versöhnten sie sich auch immer wieder und unternahmen viel miteinander: Sie fuhren zum Beispiel mit der Kutsche in die benachbarte Stadt zu einem jüdischen Schneidermeister, der ihnen jedes Mal köstlichen Tee aus einem Samowar zubereitete. Er nahm Maß und Maria bekam die wunderschönsten Kleider genäht und Gustav brillierte mit seinen Maß geschneiderten Anzügen. Sie versuchten einander möglichst häufig zu sehen, und wenn Maria auf dem Hof arbeitete und Gustav ging vorbei, dann nahm sie ihre Schürze ab und stolzierte hin und her, damit Gustav auf sie aufmerksam würde. Und er wiederum ging möglichst oft an Marias Bauernhaus vorbei, um einen Blick von ihr zu einzufangen. Und irgendwann wurden sie ein Paar, stritten und versöhnten sich und empfanden einander als die große Liebe.
Maria besuchte eine „Höhere-Töchter-Schule“ in einer naheliegenden Stadt. Hier lernte sie, ergänzend zu ihren hervorragenden bäuerlichen Kochkünsten, die internationale Küche kennen, erfuhr, wie frau mit Säuglingen, Kindern und alten Menschen umgeht. Sie lernte nähen, was sie ja schon vorher konnte, und Benimmregeln, allerdings auch solche wie: „Eine Frau weint nicht, höchstens dann, wenn der Liebste im Krieg gefallen ist!“
Das waren die Vorbereitungen auf den Zweiten Weltkrieg und das, was mittendrin passierte. Jedenfalls war Maria irgendwann die Verlobte von Gustav. Sie liebte ihn unendlich! Das zuerst einmal zu meiner Mutter.
Und mein Vater? Gustav stammt auch aus einer protestantischen Bauernfamilie, deren Vorfahren genau wie die von Maria zu Zeiten Katharina der Großen aus Schwabenland nach Polen gekommen waren, um dort das Land urbar zu machen. Auch sie gehörten zu der deutschen Minderheit in Polen und grenzten sich mit ihrem praktizierten Protestantismus gegen die Polen ab, die alle durchweg katholisch waren. Das hatte mehr mit dem Minderheitenbewusstsein zu tun als mit einer Religionsspaltung, denn sie kamen gleichzeitig gut mit den Polen aus und waren mit vielen auch befreundet gewesen.
Gustavs Großvater war Kirchenbaumeister und hatte in der gesamten Region Ostpreußens einen außerordentlichen Ruf. Gustavs Vater war ein sehr wachsamer tüchtiger und guter Bauer und seine Mutter eine spirituelle, bescheidene, liebe Frau. Gustavs Großmutter war so etwas wie eine Heilerin gewesen, sie kannte viele Heilkräuter und Heilweisen, so dass viele Menschen, z. B. Mütter mit ihren Babys, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ihren Leiden und Gebrechen zu ihr kamen, und sie konnte ihnen in der Regel immer helfen.
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