Rahel zog das Spekulum heraus, ließ sich zurückfallen und streckte sich auf dem Rücken aus. Sie streckte mir ihre Arme entgegen.
„Komm, Jona, komm!“
Wir waren nackt. Das war nicht mehr unser Ritual. Als ich auf ihr lag, schloss ich sie in meine Arme, sehr zärtlich und sehr bestimmt. Auch Rahel schlang ihre Arme um mich und hielt mich fest. Nach ein paar Minuten wurde der Schlag unserer Herzen wieder langsamer. Dann begann die Kirchenglocke, das Vaterunser zu läuten. Wir schwiegen und lauschten. Als sie wieder verstummt war, flüsterte mir Rahel ins Ohr: „Vater unser, vergib uns unsere Schuld!“
Sie kicherte und fügte hinzu: „Bleib auf mir liegen, bis zum Ende.“ Sie meinte das Ende des Gottesdienstes.
Es war Mitternacht. Noch den ganzen Tag hatte ich Rahels Haut auf meiner gespürt. Es war höchste Zeit, um nach ihr zu sehen. Das ganze Pfarrhaus lag in schlafender Stille. Ich huschte zu ihrem Zimmer und lauschte. Kein Geräusch. Lautlos drückte ich die Klinke hinunter und stieß die Tür auf. Jetzt konnte ich ihre Atemzüge hören und ihr Geruch stieg mir in die Nase.
„Rahel!“, flüsterte ich, „Rahel!“
Keine Antwort. Ich schlich zu ihrem Bett und kniete mich am Kopfende hin. Gleichmäßige, friedliche Atemzüge. Es war stockdunkel. Ich schloss die Augen und stellte mir die Umrisse ihres Körpers unter dem Federbett vor. Ich hätte sie gerne berührt, ihr Gesicht gestreichelt, ihre Hand genommen. Aber ich wollte sie nicht aufwecken. Ich ging in mein Zimmer zurück, legte mich ins Bett und hing meinen Gedanken nach.
In den nächsten Tagen würde Rahel zu Oma Beck aufs Land fahren und so lange dortbleiben, bis sie genug von den Äckern, Obstbäumen und Beerensträuchern hatte. Indem Rahel den Bauern in den Obstgärten half, konnte sie sich ein gutes Taschengeld verdienen. Die Erntezeit hatte schon begonnen. Die Kirschen waren reif und vor allem die Beeren. Rahel liebte Beeren und würde beim Pflücken so viele davon naschen, dass sie Bauchschmerzen bekäme. Ich wusste nicht, wann sie wieder zurückkommen würde. Sie wusste es ja selbst nicht. Letztes Jahr war sie bei Oma Beck geblieben, bis die Schule wieder losging. War Rahel nicht bei mir, das wusste ich aus Erfahrung, dann vermisste ich sie nicht. Ich dachte zwar dauernd an sie, aber ich hatte nicht dieses Gefühl, ich wolle lieber sterben, als auf unser Wiedersehen zu warten. Es war vielleicht das Richtige, dass Rahel für eine Weile verreiste, nach dem, was wir heute getan hatten. Jedoch nicht nur heute, sondern die ganze Zeit, all die Monate seit Heiligabend. Bestimmt würde ihr ein wenig Abstand guttun. Ich für meinen Teil brauchte eine Denkpause. Jedenfalls redete ich mir das ein und kam mir dabei sehr vernünftig vor.
Wir waren eine neunköpfige Familie und konnten es uns nicht jedes Jahr leisten, in Urlaub zu fahren. Mir war das recht, denn ich fand Ferien mit der ganzen Bande ziemlich anstrengend. Auch Rahel fuhr lieber allein zu Oma Beck. Ich hatte nichts Konkretes geplant. Aber Ansgar und Astrid hatten seit Pfingsten eigene Reitpferde und wir konnten uns bei der Pflege und beim Training ein wenig abwechseln. Mit diesen Gedanken schlief ich ein.
Jemand rüttelte an meiner Schulter. Rahels Stimme gellte in meinen Ohren. „Aufstehen! Schnell! Du kommst zu spät zur Schule! Jona, wach endlich auf!“
Völlig verwirrt versuchte ich, mich aufzurappeln.
„Was für ein Tag ist heute?“, stieß ich hervor.
„Heute ist Montag. Heute ist der erste Ferientag“, rief Rahel und begann, schallend zu lachen. Ich konnte mich nicht dazu durchringen, ihren Scherz komisch zu finden. Mit saurer Miene wartete ich darauf, dass sie sich wieder beruhigte. Doch je griesgrämiger ich dreinschaute, desto mehr musste sie lachen. Nach einer Weile versuchte ich ein Lächeln.
„Okay, du hast mich reingelegt. Guter Trick.“
Rahel legte einen Zeigfinger an ihren Mund.
„Hör zu, Jona. Wir gehen zusammen weg. Du begleitest mich zu Oma Beck. Sie hat vorhin angerufen und sich erkundigt, wann ich komme. Sie hat gefragt, ob ich alleine käme oder ob noch jemand von uns mitkommen möchte.“
Ich begriff nichts. Gewiss hatte ich mich verhört. Rahel schaute mich an und brach wieder in Gelächter aus.
„Raus aus dem Bett, Jona! Du musst deinen Koffer packen. Nach dem Mittagessen fahren wir los, nur du und ich, zu Oma aufs Land.“
Von einer Sekunde zu andern war ich von unbändiger Freude erfüllt. Ich erglühte innerlich. Plötzlich fühlte ich mich ganz leicht und ganz warm. Wir würden Tage und Wochen miteinander verbringen, vielleicht die ganzen Ferien. Ohne Thomas, ohne Renate, ohne Geschwister. Nur Oma Beck und Rahel und ich.
„Aber was geschieht dort?“, fragte ich mich dann. „Was werden wir tun? Haben wir das überhaupt noch im Griff?“ Doch ich brachte keinen Ton über die Lippen.
Sie musste schon wieder lachen. „Du bist ja kalkweiß im Gesicht. Hast du Schiss vor mir?“
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