Er gab mir die gewünschte Auskunft und wir tauschten unsere dürftigen Erfahrungen aus. Doch ich argwöhnte, dass er mir etwas verheimlichte, und bedrängte ihn, damit herauszurücken. Es war nicht weiter schwierig. Offenbar wartete er nur darauf, das Geheimnis zu lüften.
„Pass mal auf!“, sagte er. „Es geht um deine große Schwester. Aber du musst dichthalten. Gib mir dein Ehrenwort!“
Er bekam es umgehend.
„Ich gehe zu Esther, wenn ich einen Ständer habe, und zeige ihn ihr. Meistens tut sie so, als ob sie sich davor ekelt, oder sie behandelt mich einfach wie Luft. Aber manchmal fasst sie ihn an. Sie nimmt ihn in die Faust und drückt zu.“
„Tut das nicht weh?“, fragte ich. Er grinste breit.
„Deine Schwester ist stark und gemein. So schnell lässt sie nicht wieder los. Aber davon wird meiner riesengroß. So dick krieg ich ihn selbst nicht hin, und es geht nicht mehr weg, bis zu einer Stunde, ich habe die Zeit gemessen. Es ist echt der Hammer!“
„Das ist verboten!“, schrie ich aufgebracht. Damals hielt ich alles Sexuelle für Sünde. Jakob tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn und lachte mich aus.
„Verboten? Meine Cousine ist deine Blutsschwester. Bei dir tut sie es bestimmt nicht.“ Er amüsierte sich großartig.
Das traf mich unvorbereitet und ich bekam die Sache in den falschen Hals. Als ich nämlich darüber nachdachte, welche Mitglieder unserer neuen Großfamilie wie miteinander verwandt waren, traf es mich wie der Blitz, dass Renate nur meine Tante und Stiefmutter war. Zuerst war es nur ein Pickel auf der Seele. Doch unmerklich begann ein Ausschlag die ganze Haut zu überziehen, aufzubrechen und zu schwären. Es endete damit, dass ich mir ausmalte, wie ich zu Renate ins Badezimmer schlich, um ihr meine Morgenlatte oder meinen Gutenachtständer zu zeigen, und wie sie mich bei meinem Geschlecht packte und mich nicht mehr freigab.
Ende August 1990, kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag, erfüllte ich mir einen lang gehegten Wunsch. Es war ein normaler Wochentag und wir mussten alle zur Schule gehen. Es sollte einer der letzten heißen Tage werden, bevor der Herbst dem Sommer den Garaus machen würde. Nach der großen Pause verließ ich die Klasse und schwänzte die letzten Unterrichtsstunden. Ich wusste, dass Thomas nicht zu Hause war, Renate aber wohl. Ich rechnete damit, dass sie im Garten auf einer Liege lag und ein Sonnenbad nahm. Esther hatte fest behauptet, dass sie den Bikini auszog, wenn sie allein war. Ich schlich ins Haus, in die obere Etage und in das Zimmer mit der besten Sicht auf ihre Sonnenliege. Ich hatte schon morgens alle Jalousien herabgelassen und schräggestellt, sodass ich bequem darunter hindurchspähen konnte. Eine Stunde lang lag sie direkt unter meinen Augen, zuerst von vorn, dann von hinten und zum Schluss wieder von vorn. Ich hielt mich zwar in Deckung, aber dass sie mich trotzdem bemerkte, war durchaus möglich. Genau das machte, zusammen mit dem Anblick ihres entblößten Geschlechts, den Bann dieser Situation aus. Noch tagelang rätselte ich daran herum, wie sie sich verhalten hätte, wenn sie mich gesehen hätte. Es gab unzählige Varianten, die ich mit einer Mischung aus Erregung und schlechtem Gewissen alle durchspielte.
Wegen meiner erotischen Gefühle für Renate wurde meine Beziehung zu Thomas noch komplizierter. Ich verstand das alles nicht. Ich wusste nicht, dass vor allem Neid und Eifersucht im Spiel waren. Ich missgönnte Thomas die Lust, mit der Renate sein Begehren erwiderte. Insgeheim wollte ich ihm den Platz streitig machen, den sie ihm in ihrem Herzen, aber auch in ihrer Scheide einräumte. Diese Dinge durchschaute ich jedoch erst, als ich erwachsen geworden war.
Man ist nicht das, woran man sich erinnern kann. Ich war und bin bis heute das, was ich nicht mehr sein konnte, das Kind meiner Mutter. Ich ging nicht zu ihrer Beerdigung, wohl weil ich insgeheim glaubte, dass sie noch lebte und irgendwann zurückkäme. Ich müsste nur lange genug auf sie warten. Doch hätte sie wirklich zurückkommen können? Sie hätte den Ehemann in den Armen ihrer Schwester vorgefunden. Im Pfarrhaus hätte sie sechs, mit Zarah sogar sieben statt dreier Kinder angetroffen. Mich hätte sie aufgespürt, als ich in den Anblick ihrer nackten Schwester vertieft war. In Tat und Wahrheit hatten wir Angelika die Rückkehr längst versperrt. Deshalb war ich fortan bei ihr, dort in der Unendlichkeit. Doch mich an diesen Zustand zu erinnern, war mir immer unmöglich, damals wie heute.
Die Vorweihnachtszeit ertrug ich nicht. Niemand im Pfarrhaus ertrug die Vorweihnachtszeit. Die Beklemmung wuchs von einem Adventssonntag zum nächsten. Vom Heiligen Abend bis zur Neujahrsnacht fehlten nur noch sieben Tage. Genau eine Woche. Jedes Jahr kehrte diese Nacht zurück. Die Nacht, in der der katastrophale Autounfall geschehen war. Trotzdem, oder gerade deswegen, gestalteten wir die Vorweihnachtszeit so festlich wie möglich und besonders an den Adventssonntagen rückten wir alle näher zusammen. Gemeinsam schmückten wir das ganze Pfarrhaus mit Zweigen von Stechpalme, Efeu und Weißtanne. Überall hingen Lichterketten und in den Fenstern große, rote Sterne, die von einer Glühbirne im Innern erleuchtet wurden. Wir bastelten wie die Verrückten und backten Unmengen von Weihnachtplätzchen. So versuchten wir, die bösen Geister zu vertreiben. Ich kann mich nicht an die verschiedenen Jahre oder an einzelne Tage erinnern, sondern nur an Beklemmung und Betriebsamkeit als Ganzes. Die einzige Ausnahme ist der 2. Dezember 1990.
Nach dem Mittagessen fragten Thomas und Renate, ob jemand von uns Lust auf einen Sonntagsspaziergang habe. Esther, Jakob, Mirjam und Benjamin redeten sich heraus, sie müssten an ihren Weihnachtsgeschenken weiterarbeiten. In Wirklichkeit war es ihnen zu kalt für einen Spaziergang. Rahel ging mit, weil sie an Thomas hing und umgekehrt, weil sie sein Liebling war. Ich schloss mich an, weil ich es offenbar nicht lassen konnte, Renate ein wenig den Hof zu machen, seit ich sie beim Sonnenbad beobachtet hatte.
Thomas trug in seiner Freizeit fast immer einen Fotoapparat mit sich. Als wir nun durch den Wald stapften, kam ihm die Idee zu einem Bild. Es sollte wohl nach Hänsel und Gretel aussehen, jedenfalls sollten Rahel und ich händchenhaltend vorausgehen. Der Weg folgte einer Biegung und verlor sich zwischen den Bäumen. Der Betrachter mochte glauben, wir würden immer tiefer in den Wald hineinlaufen und nie mehr nach Hause zurückfinden. Wir fanden die Idee schrecklich und erhoben ein Protestgeschrei. Nie im Leben würden wir uns händchenhaltend ablichten lassen! Als Kompromiss boten wir an, nebeneinander zu gehen, aber ohne uns anzufassen.
Wenn Thomas eine seiner Bildideen umsetzte, machte er das meistens sehr umständlich. Er tüftelte mit Kameraeinstellungen und Bildausschnitten herum und strapazierte unsere Geduld. Auch für dieses Hänsel-und-Gretel-Bild brauchte er eine Ewigkeit. Rahel und ich liefen auf dem Wegstück hin und her, aber Thomas war unzufrieden und bat uns ein ums andere Mal, uns doch die Hände zu reichen. Schließlich sah mir Rahel in die Augen und zuckte die Schultern. Sie hatte genug und wollte, dass ich gute Miene zum bösen Spiel machte. Dann ging es auf einmal ganz schnell. Rahel und ich entfernten uns Hand in Hand. Hinter uns hörten wir das Klicken der Kamera und die Dankesrufe von Thomas.
Wir liefen immer weiter den Weg entlang und ließen die anderen hinter uns zurück, bis wir allein waren. Zuerst dachte ich noch darüber nach, wie ich Rahels Hand wieder loswürde, aber zugleich hatte ich Angst, sie könnte es missverstehen, denn ich wollte nicht schroff zu ihr sein. Dann fragte ich mich, ob sie meine Hand überhaupt freigeben würde, denn inzwischen hatte sie ein paar Mal nachgefasst und ihren Griff sogar noch verstärkt. Ich erschrak, als ich mir vorstellte, Rahel würde mich nie mehr loslassen. Mit der Zeit spürte ich immer deutlicher, dass sie an meiner Hand ging, weil sie an meiner Hand gehen wollte. Nach einer Weile spielte es gar keine Rolle mehr, dass es Rahel war. Außer uns gab es weit und breit niemanden, der uns hätte sehen können. Ich malte mir aus, die ganze Menschheit wäre ausgelöscht und die Welt gehöre Rahel und mir. Wir wären frei und wann immer wir wollten, würde uns die Hand des anderen trösten. Irgendwann vergaß ich, dass ich Rahel immer noch an der Hand hielt. Ich ließ sie erst wieder los, als wir zu Hause angelangten. Wir hatten die ganze Zeit weder gesprochen noch uns angesehen. Thomas und Renate waren schon eine halbe Stunde vor uns im Pfarrhaus eingetroffen.
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