Rahel sagte zu mir: „In der Heiligen Nacht habe ich dir versprochen, dass du zu mir kommen kannst, wenn du mehr davon willst. Ich schwöre dir, dass das die Wahrheit ist und nichts als die Wahrheit.“
„Und ich schwöre dir, dass ich immer zu dir komme, solange ich lebe“, erwiderte ich.
Von da an trafen wir uns nur noch um Mitternacht von Sonntag auf Montag. Manchmal stelle ich mir vor, wir hätten uns an unsere Schwüre gehalten. Sonntag für Sonntag und Jahr für Jahr. Sogar in diesem Moment träume ich davon, wir würden unser Ritual immer noch auf die gleiche Weise praktizieren wie damals, vor 25 Jahren.
Mit den Knospen kam der Frühling. Auch Rahels Leib entsprossen die zwei kleinen Knospen, aus denen ihre Brüste werden sollten. Sie verlor kein Wort darüber, sondern wartete, bis ich sie von selbst bemerkte, die kleinen Spitzen, die sich durch ihr Nachthemd abzeichneten. Unwillkürlich streckte ich meine Hand aus und strich sanft darüber. Rahel lachte.
„Möchtest du sie sehen?“, fragte sie. Ich nickte.
Sie streifte das Nachthemd über ihren Kopf und stand nackt vor mir. Rahels Haut war fein und blass. Um die Brustwarzen war sie fast durchsichtig. Die kleinen Brüste sahen tatsächlich aus wie zarte weiße Knospen, die bald aufbrechen und zu blühen beginnen würden. Ich starrte sie an und spürte, wie mich ihr Anblick bewegte. Ich hatte eine Empfindung, die genau so blass und zart war wie Rahels Brüste, eine Empfindung, die noch heute manchmal über mich kommt. Die volle Bedeutung dieses Moments, als sich Rahel vor mir entblößte, um mir zu zeigen, dass sich ihr Körper veränderte, verstand ich damals nicht. War es der Anfang davon, dass sie aufhörte, die kleine Schwester für mich zu sein?
Sie errötete und fragte leise: „Findest du, es sieht doof aus?“
„Was soll daran doof sein?“
„Ich weiß nicht. Wie findest du sie?“
„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Sie sind richtig süß. Total niedlich.“
„Gefallen sie dir?“
„Sie sind etwas ganz Besonderes und passen genau zu dir.“
Rahel kaute auf ihrer Unterlippe.
„Sag mir, ob du sie magst!“
„Oh ja! Sehr sogar! Ich möchte sie richtig anfassen.“
Rahel schüttelte den Kopf. Sie hob das Nachthemd auf und verschwand in ihrem Zimmer.
Einige Tage später, als ich von der Schule nach Hause kam, erwartete sie mich.
„Ich habe die Mens.“ Es klang so erwachsen.
„Zum ersten Mal?“ Ich hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen. Es war so klar. Sie hatte auf mich gewartet, damit es vor mir keiner erfuhr. Ich wusste ja, dass sie bis dahin noch keine Blutungen gehabt hatte. Doch sie sagte nichts, sondern zeigte mir nur eine lange Nase.
„Tut es weh? Ist es schlimm?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Freust du dich?“
Sie nickte. Dann umarmte sie mich. Ich hielt sie fest und drückte sie an mich.
„Dann freue ich mich mit dir.“
Diesmal hatte ich das Richtige gesagt, denn Rahel drückte mir schnell einen Kuss auf den Hals.
Es vergingen ein paar Tage, bis ich darüber nachzudenken begann. Ich hatte wohl verstanden, dass Rahels Brüste zu wachsen begannen und dass sie zum ersten Mal ihre Monatsblutung bekommen hatte. Aber ich hatte nicht realisiert, was das bedeutete. Es war ein merkwürdiger Moment, als ich es begriff. Er glich dem Schrecken, wenn einem einfällt, dass man etwas Wichtiges vergessen hat, und der darauffolgenden Verwunderung darüber, dass einem etwas so Wichtiges überhaupt entgangen sein konnte. Ich suchte nach einem Wort für das, was mit Rahel geschah. „Geschlechtsreif“ war alles, was mir einfiel. Ein Wort mit einem Missklang, der meine Gedanken durcheinanderwirbelte. Sie wird Kinder kriegen. Sie wird dem Baby ihre Brust geben. Dann fiel mir nichts mehr ein. In Wirklichkeit wollte ich nichts davon wissen. Rahel als erwachsene Frau war für mich ein beängstigendes Thema. Ich war den Schlussfolgerungen nicht gewachsen. Aber so weit dachte ich erst gar nicht nach.
Um mich sicherer zu fühlen, ließ ich meinen Intellekt in einer anderen Richtung suchen. Wie funktionierte das alles? Was genau geschah dabei? Aus dem einen Kind wurde eine Frau, aus dem anderen Kind ein Mann. Es gab Spermien und Eizellen, das wusste jeder. Aber wie sah es im Unterleib einer Frau aus und wozu diente was? Was wusste ich als Sechzehnjähriger eigentlich darüber? Ich kramte in meinem Gedächtnis nach den Fetzen, die ich aus Büchern und Zeitschriften, aus Biologiestunden und Gesprächen mit Ansgar gesammelt hatte und die ich nun zu einem Ganzen zusammenzusetzen versuchte.
Dass es im Pfarrhaus alle Arten von Aufklärungsliteratur gab, war kein Geheimnis. Bücher für Heranwachsende und für junge Paare, für die zweite Lebenshälfte und für das Vorschulalter. Es gab sogar solche mit kunstvollen Fotografien von nackten Liebespaaren sowie von werdenden und gebärenden Müttern. Das Richtige für mich, dachte ich mir, wäre ein Atlas von den menschlichen Geschlechtsorganen. Nachdem ich das Gesuchte gefunden hatte, vertiefte ich mich in die Schautafeln und Texte. Ich lernte bis tief in die Nacht hinein wie für ein Examen. Tatsächlich würde ich nach meinem Selbststudium bis zum Abitur von allen Mitschülern am besten Bescheid wissen, nicht nur über die Fortpflanzung, sondern auch über sämtliche Möglichkeiten, eine Schwangerschaft zu verhüten. Natürlich war mir nicht bewusst, dass ich mich keineswegs mit Gynäkologie befasste, sondern mit etwas, wofür es keine Bezeichnung gab, außer allenfalls Rahelogie. Ich hatte einen Anatomieatlas auswendig gelernt, dabei interessierte ich mich ausschließlich für die Scheide, Gebärmutter und Eierstöcke meiner vierzehnjährigen Schwester.
Die Jungen in meiner Klasse waren ständig in Aufregung darüber, dass es nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen gab. Es gab die verschiedenartigsten Mädchen. Schöne, kluge, umgängliche, freche, reife Mädchen und viele andere mehr. Alle meine Klassenkameraden hielten ständig nach ihnen Ausschau, wie Weltraumteleskope nach fernen Galaxien. Sie schlichen ihnen nach, wagten es kaum, sie anzusprechen, hätten aber gern eines der Mädchen zur nächsten Party eingeladen, mit dem Ziel, es anzufassen und zu küssen, falls es sich nicht wehrte. Alle Jungen, die ich kannte, waren entweder mit Anbaggern beschäftigt oder aber damit, eine Abfuhr zu verdauen.
Was war nur mit mir los? Ich fand den Umgang mit Mädchen nicht komplizierter als denjenigen mit Jungen. Nur hatte ich bei manchen Mädchen das Gefühl, es könnte schön sein, mit ihnen zu schmusen. Weil ich ihnen gerne in die Augen schaute. Weil ich ihren Geruch gerne roch. Weil ihre Haut so rein und so weich aussah. Ich war nicht schüchtern und glaubte zu wissen, wie ich vorgehen müsste. Wenn ich „ihr“ über eine gewisse Zeit Aufmerksamkeit schenkte, würde sie sich einladen lassen und mit mir irgendwo hingehen, wo wir uns umarmen und streicheln konnten. Ob das Mädchen meiner Wahl mich mögen würde, fragte ich mich nicht. Doch ich zweifelte auch nicht daran. Jedenfalls mochte ich Mädchen gerne, sah jedoch keinen Grund, mich näher mit ihnen einzulassen. Immer wieder zerbrach ich mir den Kopf darüber, warum alle Jungen hinter den Mädchen her waren, nur ich nicht.
Hätte mich jemand gefragt: „Hast du schon ein Mädchen?“, dann hätte ich verneint. Ich hatte tatsächlich kein Mädchen, keine, mit der ich ging. Es war alles wie immer. Ich war noch nie verliebt gewesen. Ich hatte noch keinen Kuss erlebt. Ich sehnte mich nicht einmal nach einer Freundin. Doch den Grund dafür zu erkennen, war mir damals einfach verwehrt. Nichts lag mir ferner als die Vorstellung, Rahel und ich könnten ein Liebespaar werden.
Eines Abends ging ich zu Rahel hinüber. Sie saß an ihrem Schreibtisch und lernte für die Schule. Das erstaunte mich ein wenig. Es war die letzte Schulwoche vor den großen Ferien und sie hatte ihr Zeugnis schon bekommen.
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