Wir lebten schließlich nicht auf dem Packeis. Im Gegenteil, in unserer Kinderstube mit den drei Jungen und den drei Mädchen ging es immer heiß her. Der tragische Verlust hielt uns nicht von den wildesten und erfinderischsten Spielen ab. Wir Kinder hielten bedingungslos zusammen. Jedes einzelne war für alle anderen da. Dass wir oft miteinander in ein Bett krochen, um zu zweit oder zu dritt darin zu schlafen, das habe ich nicht vergessen. Diese Art von Trost war überlebenswichtig für uns. Überhaupt waren es nicht die Erwachsenen, sondern allein wir selbst, die uns in unserer Trauer selbstverständlich und ohne viel Worte gegenseitig stützten und nährten. So entstanden übermächtige Bindungen zwischen uns Kindern. Umso verwunderlicher, dass ich heute keinen Kontakt zu meinen Geschwistern habe. Manchmal ist es nicht zu verhindern, dass gerade die innigsten Beziehungen sich in nichts auflösen.
Der Trost meiner Geschwister war nicht der Grund dafür, dass ich nicht geschrien habe. Was wirklich mit mir los war, das erkannte ich erst viele Jahre später. Ich fand die Lösung des Rätsels, als ich wieder einmal darüber nachdachte, weshalb ich mich geweigert hatte, an der Beerdigung teilzunehmen. Ein Teil von mir akzeptierte die Wahrheit nicht. Mama lebte noch! Während ich mit den Meinigen weiterlebte, entwickelte ich insgeheim eine zweite Persönlichkeit, die auf Mamas Rückkehr wartete. Meine Seele führte ein Doppelleben. Tief in meinem Inneren glühte die Gewissheit, dass Mama zurückkehren würde. Damit sie auch tatsächlich zurückkommen konnte, musste ich ihr treu bleiben und ihr Andenken bewahren. Meine Liebe würde ihr den Heimweg weisen. Ich ging davon aus, dass es lange dauern würde bis zu ihrer Rückkehr. Umso besser. An der Größe meiner Geduld würde sie die Größe meiner Liebe erkennen. Auf meine Mutter zu warten, war mein wichtigstes und mein einziges Vorhaben. Mit allem, was ich mit meinen Geschwistern oder mit Ansgar und Astrid unternahm, schlug ich nur die Zeit tot. Ich konnte mich schließlich nicht hinsetzen, nichts tun und einfach nur noch warten, denn ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja gar nicht, dass ich nur noch lebte, um zu warten. So spaltete ich mich auf in einen ewigen Muttersohn, der sich in der Totenwelt verbarg, und in einen heranwachsenden Pfarrhaussohn, der Rahel zum Reitsportzentrum begleitete und dort seinen Freund Ansgar traf.
Von meinen Stimmungsschwankungen weiß ich nur, weil Renate später manchmal darüber sprach. Sie hätten kurze Zeit nach dem Unglück begonnen und seien nach vier Jahren wieder verschwunden. Ich war schon vorher ein ruhiges Kind gewesen. Doch nun durchlebte ich Phasen, in denen ich mich völlig in mich selbst verkroch, mich für nichts interessierte und mich an nichts erfreuen konnte. Ich wurde dauernd gefragt, was mich denn beschäftige. Wenn ich darüber nachdachte und nach einer Antwort suchte, wurde mir klar, dass ich an nichts dachte. Stattdessen fühlte ich diese Leere in mir, die mich vollkommen ausfüllte.
„Es ist nichts“, erwiderte ich dann. Doch Thomas, der Pfarrer, berichtigte mich, indem er Kierkegaard zitierte:
„Ja, es ist Nichts, aber nicht nichts, sondern das Nichts.“
Er wiederholte das so oft, dass es mir in Erinnerung geblieben ist.
Die Stimmungsschwankungen kamen und gingen in Zyklen. Ich war wochen- oder monatelang präsent, bis ich ohne Vorankündigung in düsteres Brüten versank und während einer längeren Episode nichts fühlte außer der Leere und Schwärze in mir. So wirkte es sich aus, dass ich Mutters Tod leugnete und meine Existenz ganz dem Warten auf ihre Rückkehr widmete. Aber das konnte niemand wissen, die Erwachsenen nicht und ich selbst war am allerwenigsten in der Lage, es wahrzunehmen.
Als Thomas und Renate heirateten, sprachen wir Beck-Kinder manchmal über die Unterschiede zwischen unserer Mutter und unserer Stiefmutter. Wir zählten alle möglichen Vorzüge und Fehler der beiden Schwestern auf. Wir stellten uns viele Fragen, auf die wir keine eindeutigen Antworten fanden. Wer hatte es besser getroffen? Die Beck-Kinder oder die von Wedels? War es von Vorteil, Angelika zur Mutter und Renate zur Tante zu haben? Oder umgekehrt? Esther behauptete, Thomas und Maximilian hätten mehr Gemeinsamkeiten als Angelika und Renate. Die beiden Männer seien sich im Temperament, in ihren Interessen und sogar vom Aussehen her sehr ähnlich. Die beiden Schwestern dagegen seien wie Tag und Nacht.
Ich bin heute so alt wie Renate damals und betrachte die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Meine Tante war mit Mitte vierzig eine auffallend jugendliche Frau, immer charmant, oft auch kokett, eine attraktive Frau mit sinnlicher Ausstrahlung. So war sie schon vor dem Unglück gewesen und danach war sie nicht anders. Als Zwölfjähriger hatte ich noch kein Gespür für diese Art von Weiblichkeit. Mein Augenmerk galt auch nicht ihr, sondern Thomas, denn er war nicht mehr derselbe. Da ich mich nicht mehr an die Zeit unmittelbar nach dem Unglück erinnern kann, weiß ich nicht, was Angelikas Tod bei Thomas auslöste. Esther hat es mir später erzählt. Er habe regelrecht unter Schock gestanden und sei ungefähr ein Jahr lang schweigsam und niedergeschlagen gewesen. Im Übrigen hätte ich selbst ähnlich reagiert wie er, halb erstarrt und halb betäubt.
Ich hatte noch nie Erwachsene gesehen, die sich wie Teenager benahmen. Doch hier handelte es sich nicht um irgendwelche Erwachsenen, sondern um den Pfarrer Beck mit der Witwe seines besten Freundes beziehungsweise mit der Schwester seiner unlängst verschiedenen Ehefrau. Ihre Anzüglichkeiten gaben mir das Gefühl, alle Familienmitglieder wären in das Böse verstrickt und würden für diesen unabwendbaren Sündenfall bestraft und verdammt. Ich befand mich in einem Traum, in dem man fieberhaft nach dem Rückweg in die Wirklichkeit sucht, bis man endlich erwacht. Aber dann stellt man fest, dass das Erwachen bloß ein Teil des Traums ist und das Grauen weitergeht.
Ich war dazu verdammt zuzuschauen, wie Thomas Renate anfasste und küsste, wie er ihr Zeichen gab, woraufhin sie im Schlafzimmer verschwand und er ihr Minuten später folgte. Ich konnte sehen, wie gierig er war, als hätte er all die Jahre seiner Ehe unter Entbehrungen gelitten. Vorher war er mein Vorbild gewesen, jetzt war er mir fremd. In meinen Gebeten hatte ich mir immer gewünscht, so zu werden wie er. Von Neujahr 1987 an betete ich ohnehin nicht mehr. Das Beten war einfach unpassend geworden. Es hatte seine Grundlage und seine Bestimmung verloren. Hätte ich noch gebetet, dann hätte ich mir vermutlich gewünscht, nicht so zu werden wie Thomas, jedenfalls nicht so, wie ich ihn neuerdings erlebte.
Esther war schon in der Pubertät und wollte genau wissen, was vor sich ging. Sie beobachtete und belauschte das Paar so schamlos, wie sie konnte, ohne dabei entdeckt zu werden. Alle paar Tage versammelte sie Jakob, Mirjam und mich um sich, um uns das Liebesleben von Thomas und Renate in allen Farben zu beschreiben. Rahel und Benjamin ließ sie aus dem Spiel. Esther schien erklären zu können, warum sich die Erwachsenen so unanständig benahmen. Seltsamerweise war ich ihr dafür dankbar, obwohl es mich nicht wirklich erleichterte, im Gegenteil. Einerseits steckte sie mich mit ihrer Sensationslust an, andererseits nahm auch bei mir die Geschlechtsreifung ihren Verlauf. Esthers Aufregung bildete den Nährboden, auf dem meine erotische Fantasie zu keimen begann.
Eines Morgens im Frühjahr 1988, als die von Wedels schon bei uns im Pfarrhaus lebten, erwachte ich mit einer Erektion. Es war das erste Mal und ich brauchte ein paar Minuten, bis ich das Phänomen einordnen konnte. Bald erwachte ich täglich mit einer „Morgenlatte“. Die Bezeichnung hatte ich von Jakob, der sie von Esther hatte, wie er freimütig zugab. Als Nächstes bekam ich jeweils vor dem Einschlafen einen Ständer. Da ich nicht aufhören konnte, mit meiner Eichel zu spielen, kam es irgendwann zu meinem ersten Samenerguss. Bei der nächsten Gelegenheit fragte ich Jakob: „Du, sag mal, wie machst du das, dass bei deinem Schniedel Saft herauskommt?“
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