Als die Kirchenglocke zum Vaterunser läutete, wechselten wir uns ab. Jetzt lag ich auf dem Rücken und sie bäuchlings auf mir. Als die Glocken den Segen und damit das Ende des Gottesdienstes verkündeten, sagte Rahel: „Das war der erste Teil von meinem Geschenk. Wenn du mehr davon willst, dann komm zu mir und wir tun es wieder.“
Ich lachte und bedankte mich und Rahel lachte mit. Wir waren beide erleichtert, weil es so einfach gewesen war. Es war nichts. Kinderkram. Wir lagen in unseren Kleidern auf Rahels Bett. Einer von uns lag unten und trug das Gewicht des anderen. Nach einer Weile tauschten wir. Das war alles. Wir waren so erleichtert, weil wir nichts getan hatten, wofür wir uns schlecht fühlen mussten.
Vor uns lagen fast zwei Wochen Weihnachtsferien. Das Haus war groß und die Familie war groß. Wir konnten immer wieder mal für eine Weile verschwinden, ohne aufzufallen. Ganz so einfach wurde es dann aber doch nicht, denn wir konnten nicht genug bekommen. Kaum war ein Schäferstündchen beendet, drängte es uns auch schon zum nächsten. Am liebsten hätten wir Tag und Nacht pausenlos aufeinandergelegen. So feierten Rahel und ich Silvester und Neujahr. Wir waren so erfüllt von dem, was wir miteinander erlebten, dass wir nicht nur unsere tote Mutter vergaßen, sondern auch alle, die am Leben waren.
Bei uns im Pfarrhaus herrschte ein sicherer Zusammenhalt aller untereinander. Daneben gab es natürlich Beziehungen, die viel stärker und enger waren als andere. Wir verwendeten das Wort Geist, um diese Nähe zwischen einzelnen Familienmitgliedern zu bezeichnen. Zum Beispiel hatten Jakob und ich schon immer einen speziellen Geist, weil wir gleichaltrige Jungen waren und keinerlei Berührungsängste voreinander hatten.
Seit Renate mit ihren Kindern zu uns ins Pfarrhaus gezogen war, hatte sich zwischen Esther und Mirjam eine innige Beziehung entwickelt, obwohl sie drei Jahre auseinander waren. Sie hatten jetzt auch ihren eigenen Geist.
Damals, als Benjamin zur Welt gekommen war, hatte die vierjährige Mirjam ihr Brüderchen „adoptiert“ – von Anfang an und für immer. Sie hörte tatsächlich nie auf, ihn zu bemuttern, während Benjamin umgekehrt immer noch total auf Mirjam fixiert war. Dieser Geist war besonders mächtig.
Rahel war ein Sonderfall, zwei Jahre jünger als Mirjam und zwei Jahre älter als Benjamin. Sie war ein typisches jüngstes Mädchen mit älterem Bruder: unabhängig, frühreif und individualistisch. Sie hatte mit unserem Vater Thomas Beck einen gemeinsamen Geist, was ihr eine starke Position in der Familie gab. Niemand glaubte, sie würde sich jemals mit einem anderen von uns verbinden.
Bevor unsere Mutter gestorben war, hatten Rahel und ich wenige Berührungspunkte gehabt. Sie hatte mich kaum beachtet. Nun trieben wir schon seit vier Jahren Reitsport zusammen und hatten uns mit Ansgar und Astrid befreundet. Im Augenblick orientierten wir uns nicht nur aufeinander zu, sondern ebenso weg von der Familie. Man hatte uns nur zwingen müssen, Hand in Hand durch den Winterwald zu spazieren, um diesen fremdartigen magischen Geist aus seiner Flasche zu befreien.
Sie war kein fremdes Mädchen und ich kein fremder Junge. Wir kannten weder Abstand noch Ausweichen. Wir begegneten uns nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen. Wir verbrachten unsere Zeit miteinander. Wir akzeptierten uns mit den geheimnisvollen Seiten ebenso wie mit den gewöhnlichen. In dieser Alltäglichkeit geschah die intime Annährung zwischen Rahel und mir wie von selbst. So war es möglich, dass mich Rahel mitten im Kreis der Familie während der Heiligabendfeier zu sich einlud: „Ich warte oben auf dich.“
Wie wir den Übergang von den Weihnachtsferien zum gewohnten Schulalltag schafften, kann ich mir heute kaum vorstellen. Es könnte zuerst eine Pause eingetreten sein, die für Rahel und mich mit Erleichterung verbunden war. Denn am Ende der Ferien waren wir ausgelaugt gewesen. Nicht das Aufeinanderliegen hatte uns gerädert, nicht die halbe Stunde, in der wir still verharrten, sondern die Abstände dazwischen. Unsere Sinne waren ständig überreizt, weil wir unablässig am Auskundschaften waren, was im Pfarrhaus geschah. Wir mussten wissen, wie viele Familienmitglieder zu Hause und womit sie beschäftigt waren. Wir waren dauernd am Kombinieren, um herauszufinden, wann sich das nächste Treffen einrichten ließ. Im Grunde genommen taten wir zwei Wochen lang nichts anderes, als miteinander auf dem Bett zu liegen und danach den nächsten günstigen Zeitpunkt abzupassen. In den Zeiträumen dazwischen waren wir unruhig und angespannt. Wir hielten das Warten, bis wir uns wieder nahe sein würden, nur schwer aus.
Als wir wieder zur Schule gehen mussten, sahen wir uns morgens nur kurz beim Frühstück. Beim Abendessen saßen wir so, dass wir uns weder berühren noch anschauen konnten. Thomas und Renate reagierten beunruhigt. Sie glaubten, wir trügen auf diese Weise einen unlösbaren Konflikt aus, womit sie ja irgendwie sogar recht hatten. Rahel und ich ahnten bereits, dass unsere Sehnsucht eine Flamme war, die plötzlich zu einer Feuersbrunst ausarten konnte, die uns aufzehren würde, wenn wir nicht auf die Flamme achteten. Wir mussten das Feuer immer wieder begrenzen, was uns Dank unseres Spiels mit der vorgetäuschten Distanz tatsächlich leichter fiel. Vielleicht ahnten wir auch, dass die Flamme unser Geist war, der uns der Verlockung und der gegenseitigen Anziehung aussetzte.
Später dachte ich oft über diese Magie in unserer Beziehung und über das Paradoxon der Sehnsucht nach. Normalerweise empfinden wir Sehnsucht, wenn ein bestimmter Mensch unerreichbar ist. Die Sehnsucht wächst zusammen mit der Unerreichbarkeit und löst sich mit zunehmender Erreichbarkeit wieder auf. Unsere Sehnsucht, Rahels und meine, war anders geartet. Sie verhielt sich genau umgekehrt. Je näher wir uns kamen, desto durchdringender wurde die Notwendigkeit, noch näher und inniger beieinander zu sein. Wenn wir dabei waren, miteinander zu verschmelzen, wuchs der Wunsch nach Nähe zum anderen ins Unendliche. Hingegen verschwand die Sehnsucht, wenn wir uns aus dem Weg gingen.
Das meine ich mit dem Paradoxon der Sehnsucht. Man glaubt, jemanden zu vermissen, den man fest in den Armen hält. Und man vermisst ihn nicht mehr, wenn man ihn nicht in die Arme nehmen kann. In jenen Weihnachtsferien, als Rahel und ich mehrmals täglich, eben so oft wir konnten, aufeinanderlagen, wuchs unsere Sehnsucht über uns hinaus, sodass wir ganz winzig wurden und darin verloren gingen. Doch genau das wollten wir, in der Sehnsucht verloren gehen. Deshalb kam es einer Rettung gleich, als die Ferien zu Ende waren und die Schule wieder begann.
In dem Zeitraum zwischen Dreikönigstag und Karfreitag praktizierten wir das Aufeinanderliegen nur noch am Wochenende und jeweils nur ein Mal. Am Freitagabend also wurde Rahel allmählich wieder erreichbarer und mein Verlangen nach ihr begann zu drängen. Wir schauten uns wieder an und setzten uns am Tisch nebeneinander. Ich bekam Herzklopfen und einen heißen Kopf, Rahels Augen wurden glasig und ihr Körpergeruch stärker. Aber wir sprachen weiterhin kein Wort miteinander. Wenn wir bis Sonntagabend durchhielten, war das Erlebnis besonders süß und schwer. An einem Wochenende im Februar fanden wir keine ruhige Lücke, in der wir hätten verschwinden können. Am Sonntagabend waren wir kurz davor durchzudrehen. Doch dann flüsterte mir Rahel ins Ohr, ich solle warten, bis alle im Bett seien.
Das Pfarrhaus war dunkel und still, als ich gegen Mitternacht zu ihr hinüberging. Natürlich trugen wir um diese Uhrzeit unsere Schlafanzüge. Dieses Zusammensein übertraf alle vorherigen. Wir trafen uns, während die anderen schliefen. Es war schon fast mit Händen zu greifen, dass wir vor der ganzen Familie ein Geheimnis hatten und dass wir alles daransetzen würden, dass es ein Geheimnis blieb. Wir waren zwar nicht nackt, aber es war doch ein ganz anderes Gefühl, dass uns nur die Schlafanzüge trennten. Das Erlebnis traf uns mit einer solchen Wucht, dass wir uns Versprechungen machten.
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