Er hat dann sogar eine Woche lang ein T-Shirt ohne Kragen angezogen, damit alle seinen Knutschfleck sehen konnten, und war dann gar nicht mehr so traurig darüber, dass unsere Aktiengesellschaft ein plötzliches Ende fand. Denn sowohl die hohen Preise für die Aktien und ihr Wertverlust, wie die nach Meinung einiger Eltern ungesunden Waren, wie Cola und Bonbons, hatten zu Beschwerden bei der Schulleitung geführt. Diese hatte bis dahin von unserem Treiben noch gar nichts mitgekriegt, weil unser Handel unter höchster Geheimhaltung gelaufen war. Wir transportierten die Waren nur in unseren verschlossenen Aktentaschen und achteten darauf, dass auch unsere Kunden sie sofort in ihren Aktentaschen verschwinden ließen. Die Geheimhaltung hatte deswegen so gut geklappt, weil beide Parteien, die Verkäufer und die Kunden, das gleiche Interesse daran hatten, dass die Geschäfte weiterliefen. Wir empfanden die Aktion auch als eine Verschwörung gegen die Erwachsenen, die uns die ungeliebte Schulmilch aufdrängten, die auch nicht billiger war als unsere Cola.
Die Schulleitung hat dann auch schnell und diktatorisch gehandelt und die Aktiengesellschaft und ihre Geschäfte von heute auf morgen verboten. Wir fanden das ziemlich unfair, weil die Aktien sich gerade wieder etwas erholten und den Ausgabewert der ersten Aktien wieder erreicht hatten. Trotzdem wurden alle Aktionäre, die danach Aktien gekauft hatten, um die Chance gebracht ihre Verluste zu vermeiden oder wenigstens zu verringern. Außerdem hatten wir erwartet, dass die Schulleitung zumindest mit uns gesprochen hätte, bevor sie ihre Entscheidung traf. Aber Gewalt geht wie so oft vor Recht und wir mussten uns den Stärkeren beugen. Ich habe Klaus Dieter die Schulden erlassen, weil ich gemerkt habe, dass er mich echt gern hat. Er hatte sich auch nach Kräften bemüht, gute Geschäfte zu machen. Die Schließung unserer Aktiengesellschaft war ein Akt „höherer Gewalt“. Dafür konnte Klaus Dieter nichts. Wir haben aber sofort neue Projekte beschlossen. Wir werden demnächst in unserer großen Aula an den Wochenenden eine Schülerdisco veranstalten und dazu laden wir auch die Jugendlichen von anderen Schulen ein! Wetten, dass wir damit noch größere Geschäfte machen als mit der Aktiengesellschaft!
Wir haben auch überlegt, ob wir eine Band gründen sollen oder eine Theatertruppe. Mit Musik und Theater kann man auch ganz schön Geld verdienen. Ohne viel Aufwand könnte man auch auswendig gelernte Gedichte vortragen. Dann zahlte sich das Lernen wenigstens einmal aus. Jeder von uns könnte drei bis vier Gedichte lernen, am besten Balladen, die würden am besten laufen, schreibt sein Angebot dann auf eine kleine Tafel, die er sich um den Hals hängt, so dass die Kunden sehen können, was er zu bieten hat, und notiert auch je nach Länge der Gedichte gestaffelt die Preise daneben. Am Samstag auf dem Markt und am Sonntag vor oder nach dem Gottesdienst bilden wir dann einen Chor und singen dann das eine oder andere Gedicht, das Schubert oder Schumann vertont haben, gratis, um Werbung für unsere Gedichtvorträge zu machen – und wenn dann die Kunden in Massen auf uns zuströmen, dann bieten wir unsere Gedichtvorträge an. Das müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn die meisten Leute nicht wenigstens ein Gedicht von jedem von uns hören wollten.
Ich habe diese Geschäftsideen mit Papa besprochen und er war ziemlich begeistert von unseren Aktivitäten. Er meinte, dass wir Lied- und Gedichtvorträge mit Gitarrenbegleitung auch passend für Kindstaufen, Hochzeiten, Beerdigungen und Geburtstage zusammenstellen und über selbstgemalte Plakate anbieten könnten. Es gäbe sicherlich eine große Nachfrage für solche Programme für viele kultivierte Menschen, die ihre Familienfeiern nicht nur mit Festessen und alkoholischen Getränken veranstalten wollten. Vielen seien professionelle Bands und Sänger zu teuer. Wir könnten mit akzeptablen Preisen da in eine echte Marktlücke stoßen. Wenn wir wieder eine Aktiengesellschaft hierfür gründen würden, so wolle er sich sogar als Hauptaktionär bei uns beteiligen und seine Gewinne weiter in uns investieren. Ich bin vor Glück fast umgefallen, als er das sagte, denn Mama wäre nie auf solche Gedanken gekommen, und habe ihm versprochen, kräftig bei meinen Klassenkameraden für diese Idee zu werben.
Es haben sich auch sonst viele Berührungspunkte zwischen Papa und mir auf geschäftlicher und sportlicher Ebene ergeben. Es zeigte sich, dass er was von Pferden versteht, weil er in seiner Jugend sehr viel geritten ist und sogar ein eigenes Pferd hatte. Ich habe ihm von unserem Reitverein erzählt und ihn auch zum Vereinsturnier mitgenommen. Ich bin bei der Dressur Dritte geworden, beim Springen aber leider vom Pferd gefallen, weil das Pferd den Sprung über den Oxer verweigert und aus vollem Galopp gebremst hat und zum Stand gekommen ist. Da hat sich mein Vater große Sorgen um mich gemacht und wollte in die Reitbahn laufen, um mich aufzuheben, aber ich bin von alleine wieder hochgekommen und habe ihm zugerufen, dass ich unverletzt sei.
Als ich mit ihm nach Hause fuhr, fragte er mich, ob es am Pferd gelegen habe, dass ich gestürzt sei, oder ob ich einen Fehler gemacht hätte. Ich habe meinen Fehler zugegeben. Denn ich hatte den richtigen Abstand für den Absprung verpasst und dann konnte das Pferd natürlich nur noch bremsen. Ich versicherte ihm auch, dass mein Pferd eines der besten Springpferde sei, das der Verein besitze, und dass wir beide, das Pferd und ich uns gut verständen. Er meinte nämlich schon, dass er mir ein gutes Pferd kaufen müsse, wenn mein Vereinspferd nichts tauge und es mich gefährde; aber ich konnte ihm solche Flausen ausreden und habe ihn aufgefordert, zuerst einmal an seine eigene Gesundheit zu denken und sein Geld dafür auszugeben.Mutter war zu Hause geblieben, um da zu sein, wenn Kai zurückkäme. Und so war es auch. Immer wenn er keine sauberen Klamotten zum Anziehen mehr hatte, kam er nach Hause. Das war meistens nach einer Woche der Fall. So auch heute. Er saß bereits in der Badewanne, als wir ankamen, und schmetterte seine Folksongs. Sein Rucksack stand wie üblich unausgepackt in der Diele und wartete darauf, dass Mutter oder ich sich seiner erbarmten. Mutter hatte Kai noch nicht gesagt, dass Vater zu Besuch war. Erst, als er Vaters Stimme hörte, ging ihm ein Licht auf. Er hörte sofort auf zu singen und fragte, ob es einen besonderen Grund für Vaters Besuch gebe.
Mutter sagte: „Du kannst dir schon denken, warum Vater gekommen ist!“ Darauf sagte Kai: „Na klar! Schulversagen! Das ist doch das einzige Mittel, um Vater herzuzaubern!“ „Na, na“, sagte Vater „ich habe dich auch schon zu Rock Konzerten abgeholt!“ „Zugegeben“, tönte Kai aus dem Badezimmer, „aber das war nur zwei Mal! Jetzt habe ich aber die Masche gefunden, um dich öfter hierher zu locken! Schulversagen kann ich unendlich wiederholen. Das macht mir überhaupt keine Schwierigkeiten!“ „Nun werde mal nicht übermütig“, warf meine Mutter ein. „Schulversagen ist keine Heldentat, mit der man sich noch brüsten muss. Im Übrigen hast Du mir bis heute noch kein Wort davon gesagt!“ „Na ja, ich wollte dich schonen, Rücksicht auf deine angegriffenen Nerven. Du wärest doch gleich wieder ausgerastet, wenn ich dir die Schose mitgeteilt hätte!“ antwortete Kai. „Ich kann auch gleich noch ausrasten und dir die Meinung geigen, wenn Du aus deinem Bunker herausgekommen bist“, antwortete Mutter. „Fühl dich mal nicht zu sicher!“
„Gott sei Dank ist Vater da“, erwiderte Kai. „Der wird dich schon daran hindern auszurasten!“ „Aber ich lasse mich nur beruhigen, wenn man vernünftig mit dir über deine Zukunft reden kann!“ „Abgemacht, Mutter, ich ziehe mich an meinen Ohren aus der Wanne. Die sind dann groß genug, um auf euch zu hören. Mir ist es auch lieber, wenn ich noch eine Chance auf eine bürgerliche Zukunft habe!“ Nach diesen Worten kam Kai aus dem Badezimmer und umarmte erst einmal Vater, dann Mutter, dann mich, dann unseren Hund und war so charmant und gut gelaunt, dass überhaupt keine schlechte Stimmung aufkommen konnte. Darauf griff er sich seinen Rucksack, der noch immer in der Diele lag, und verschwand in seinem Zimmer.
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