„Danke für den Tipp“, sagte ich. „Ich werde schon morgen meine Spielaktien verkaufen und mir meine Spielgewinne sichern! Vielleicht schaffe ich noch einmal den ersten Platz in unserer Gruppe! Dann gibt es für den Sieger sogar 200 Mark!“ „Wie wäre es, wenn Du Betriebswirtschaft studieren würdest?“ fragte mein Vater. „Bei deinem Riecher für gute Geschäfte könntest Du dann meine Nachfolgerin werden!“ „Nein, nein“, sagte ich. „Für uns Frauen gibt es wichtigere Dinge im Leben als gewinnbringende Geschäfte zu machen!“ antwortete ich. „Und die wären?“ fragte mein Vater.
„Liebe, Kinder, Glück!“ antwortete ich. Darauf erwiderte mein Vater: „Aber dafür braucht man auch Geld. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass eine Frau mit vier Kindern glücklich sein kann, wenn sie mit einem arbeitslosen Mann in einer Gartenlaube leben muss und vor Armut nicht weiß, wie sie ihre Kinder am nächsten Tag satt kriegt!“ „Man darf eben keinen Arbeitslosen heiraten!“ antwortete ich. „Mein Klaus Dieter will alles tun, um Millionär zu werden! Was für ein Risiko bleibt dann?“ „Dann steht deinem Glück allerdings nichts mehr im Wege!“ gab mein Vater zu. „Ich sehe, Kai und Du, Ihr habt beide aus meinem Schicksal gelernt und stellt das Lebensglück über den Dienst für den Erfolg einer Firma“, fuhr er fort.
„Vielleicht seid Ihr weiser als ich, aber auch Ihr könnt mit euren Plänen scheitern. Und deswegen möchte ich doch den eigentlichen Grund meines Kommens nicht verschweigen, denn ich wollte über meine Nachfolge in der Firma mit euch reden, das heißt in erster Linie mit Kai! Denn ich will schon Rücksicht darauf nehmen, dass ihr Frauen Wichtigeres im Leben zu tun habt als eine Firma zu führen. Zur Sicherheit werde ich mir aber erlauben, dich in meinem Testament mit einem solchen Vermögen zu bedenken, dass Du nie fürchten musst, mit vier Kindern und einem arbeitslosen Mann in einer Gartenlaube zu landen!“
Mir stockte bei diesen Worten der Atem, ich hatte einen Vater, der sich um meine Zukunft sorgte, der meine Zukunft absichern wollte, der mir ein schönes Leben ermöglichen wollte. Ja, ich hatte mich über das Kommen meines Vaters gefreut, ich hatte mich für ihn interessiert und mir alle seine Worte gemerkt. Ich hatte ihn als meinen Vater angenommen und betrachtete ihn mit viel Sympathie, aber ich hatte kein Entgegenkommen von ihm erwartet, kein Engagement für mich. Und jetzt hatte er gezeigt, dass er mich mochte, dass er an mich dachte und für mich sorgen wollte.
Ich konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. Und jetzt geschah wirklich das Wunder, dass mein Vater mich in die Arme nahm, mich drückte und beruhigend streichelte, ja sogar einen scheuen Kuss auf mein fettiges Haar hauchte. Ich spürte diesen Hauch und es war ein Lebenshauch, ein Hauch wie Gott ihn einstmals bei der Erschaffung der Menschen der Eva eingehaucht haben musste, um sie zum Leben zu erwecken. Es war der Hauch, der mich mit meinem Vater so eins werden ließ, wie ich es durch die Nabelschnur mit meiner Mutter geworden war, und niemand und nichts würde diese Einheit und Zugehörigkeit mit und zu meinen Eltern mehr zerstören können. Ich umarmte meinen Vater und küsste ihn auf den Mund; und der spröde, beziehungsarme Mann ließ es geschehen und erwiderte meinen Kuss.
Meine Mutter hatte das Geschehen sichtlich beeindruckt und tief berührt. Sie wischte sich unauffällig ein paar Tränen aus den Augen und schnäuzte sich. Dann aber gewann ihre lebenspraktische Seite die Oberhand und sie wandte sich an ihren ehemaligen Mann mit der etwas steifen und förmlichen Floskel: „Thilo, ich danke dir, dass Du unsere Kinder auf solch fürsorgliche Art legitimierst! Vielleicht kannst Du Kai auch noch eine Chance geben, deine Nachfolge anzutreten. Er ist begabt genug für eine solche Aufgabe. Nur müsste er das Gefühl haben, dass er nicht nur als ein leistungsfähiger Funktionär von dir für deine Nachfolge vorgesehen ist, sondern als dein Sohn!“
„Du siehst, dass ich mich um ihn kümmere“, erwiderte mein Vater und zog einen Brief aus seiner Brusttasche und gab ihn meiner Mutter. „Die Antwort des Leiters von dem österreichischen Internat, in dem Kai sein Abitur machen kann“, erklärte er. „Es war übrigens nicht so leicht für Kai eine neue Schule zu finden“, fuhr er fort. „Die meisten Internate, die ich angeschrieben habe, haben eine Aufnahme von Kai abgelehnt! Dieses Internat war bereit, Kai alle Freiheiten zuzugestehen - sogar ein externes Wohnen - und natürlich spontane Bergtouren! Die Lehrer sind sogar bereit - gegen eine angemessene Bezahlung natürlich - Kai den Lernstoff, den er durch sein Fehlen versäumen sollte, in Privatstunden näher zu bringen. Was kann ich mehr für ihn erreichen und tun?“
„Dass Du persönlich mit ihm umgehst, eine Beziehung zu ihm aufbaust, ihm deinen Betrieb zeigst, ihn mit auf Geschäftsreisen nimmst“, antwortete meine Mutter. „Deswegen bin ich hier“, entgegnete mein Vater. „ Ich würde ihn gerne auf eine Geschäftsreise mit nach Mexiko nehmen, die ich in den nächsten Wochen unternehmen werde. Dort kann er sich bei seinem Interesse für alte Kulturen nebenbei noch die Denkmäler der Azteken, Mayas, Tolteken und Olmeken anschauen und zeichnen, fotografieren oder filmen, wenn er will. Er hätte völlige Freiheit sich sein Programm auszuwählen. Allerdings sähe ich es gerne, wenn er bei den drei wichtigsten Geschäftsabschlüssen anwesend wäre, allein um unsere Partner persönlich kennen zu lernen. Ich wollte dich auch für dieses Projekt um deine Unterstützung bitten. Denn ich kann natürlich nicht erwarten, dass Kai darauf positiv reagieren wird, wenn ich ihm bei seiner Rückkehr auf die Schulter schlage und ihn auffordere mit mir nach Mexiko zu reisen.“
„Du wirst ihn erst mal behutsam ins Gespräch ziehen müssen, auch seinen Berichten von seiner Wanderung zuhören müssen und solltest dich auch für seine Bilder, seine Fotos und seine Gedichte interessieren. Wenn er dann merkt, dass Du ihn ernst nimmst und respektierst, kannst Du zunächst seine schulischen Angelegenheiten mit ihm regeln und erst dann könntest Du das Thema auf Reisen und Mexiko bringen und ihn eventuell für eine solche Reise begeistern. An meiner Unterstützung für dieses Vorhaben soll es nicht fehlen, denn ich bin sehr dafür, dass er deine Nachfolge antritt, denn dann verspreche ich auch mir eine größere finanzielle Ausstattung und gesellschaftliche Rolle, als Du sie mir bis heute zugestanden hast. Denn von dir habe ich in deinem Testament wohl nichts zu erwarten! Menschliche Verpflichtungen spielen in deinen Plänen wohl keine Rolle!“ fügte sie noch etwas spitzer hinzu.
Ich sah wieder, wie die scharfen Furchen zwischen Vaters Augenbrauen deutlich bemerkbar wurden, und befürchtete schon eine barsche Antwort, aber die Furchen glätteten sich wieder und Vater gab Mutter sogar sein Bedauern zu verstehen, als er sagte: „Ich habe zu lange auf meine Mutter gehört, die mir jeden Kontakt zu dir untersagt hat. Immer wenn ich deine Apanage erhöhen wollte, hat sie mich an die Million erinnert, mit der Du abgefunden worden seiest und zwar weit über deine Ansprüche. Dass diese Million aufgebraucht sein könnte, war mir nicht bewusst. Ich setzte schließlich deine Apanage durch und übernahm die Kosten für Kais Ausbildung. Damit glaubte ich genug getan zu haben. Aber jetzt, da ich mich von meiner zweiten Frau scheiden lasse, sollst Du für die ausgestandenen Nöte entschädigt werden. Ich werde dich selbstverständlich in meinem Testament bedenken, so dass Du ein sorgenfreies und unabhängiges Leben führen kannst.“ „Wenn Du denn dein Versprechen ausnahmsweise mal wahr machst“, grantelte meine Mutter, „ich erinnere Dich nur an die Villa am Chiemsee, die Yacht im Hamburger Hafen, das Ferienhaus in Marrakesch, die Million auf einem Konto der Deutschen Bank!“ „Die Million hast Du bekommen und das andere hättest Du als meine Frau mit genossen, als ich diese Objekte erworben hatte; aber zu diesem Zeitpunkt warst Du ja nicht mehr meine Frau.“
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