Ich habe ihm öfter ein paar Groschen geliehen, wenn er sich eine Fanta oder Sprite an der Bude kaufen wollte. Die hat er mir nur ganz selten zurückgegeben. Bis jetzt habe ich darüber hinweggesehen, weil ich ihn liebe; aber in Zukunft werde ich darauf bestehen, dass wir in Geldangelegenheiten, wie meine Mutter sagt, „Ausländer“ sind. Vor allem wird das wichtig, wenn die Beträge, die er sich bei mir leiht, größer werden.
Die Tage hat er sich bei mir 10 DM geliehen, um sich dafür bei der Aktiengesellschaft, die einige Klassenkameraden und Klassenkameradinnen in unserer Schule gegründet haben, zwei Aktien zu kaufen. Denn erst der Besitz von wenigstens zwei Aktien berechtigt zum Handel mit den Getränken und Süßigkeiten, die der Vater eines Klassenkameraden zum Großhandelspreis jeden Morgen vor Schulbeginn anliefert. Unsere ganze Klasse ist dann schon da und nimmt die Ladung in Empfang. Wir leeren unsere Büchertaschen in unserem Klassenzimmer, laufen zum Lieferwagen und packen die Fanta- und Colaflaschen, die Kaugummis und Fruchtbonbons, die Schokoladentafeln und Lakritzstangen in unsere Taschen und spurten dann in andere Klassen unseres Gymnasiums, um die bereits sehnsüchtig erwarteten Leckereien mit einem kleinen Aufschlag gewinnbringend zu verkaufen.
Die Gründung der Aktiengesellschaft war ursprünglich eine Schnapsidee von unserem geschäftstüchtigen Klassenkassenverwalter Cherry. Wir hatten nämlich im Erdkundeunterricht gelernt, wie eine “Aktiengesellschaft“ funktioniert, und er hatte sofort den Einfall das Defizit in unserer Klassenkasse damit zu beheben. Dafür wollten die Anderen aber nicht arbeiten, sondern wollten nur in ihre eigene Tasche wirtschaften. So haben wir 30 Schüler und Schülerinnen jeweils zwei Aktien zu 5 DM gezeichnet und hatten damit 300 DM, um damit einzukaufen. Unsere Ware ging reißend weg und schon stiegen unsere Aktien um das Doppelte im Wert. Wir gaben also neue Aktien für 10 DM aus und konnten jetzt für 600 DM einkaufen. Und auch dieser Einkauf war im Nu vergriffen. Unsere Schule zählt immerhin fast 1000 Schüler und Schülerinnen. Und wieder stiegen die Aktien um das Doppelte.
Jetzt wollten auch Schüler aus anderen Klassen in das Geschäft einsteigen, denn die Beträge, die wir auf den Einkaufspreis aufschlugen, wanderten natürlich in unsere Taschen und diejenigen, die mehr Aktien hatten als die Anderen, bekamen auch mehr Waren und machten somit auch höhere Gewinne. Die Aktien waren also sehr begehrt und stiegen immer weiter im Wert. Wir konnten bald täglich für 1000 bis 1200 DM einkaufen und wurden dennoch alle unsere Waren los. Bei diesen satten Gewinnen, die wir mit dem Verkauf von Aktien und dem der Waren machten, erklärten wir uns auch bereit, einen Teil der Gewinne aus den Aktienverkäufen in unsere Klassenkasse zu stecken, um dieses Geld bei der nächsten Klassenfahrt für Sonderausgaben zu haben.
Leider kam unser Geschäft nach einigen Wochen in eine Krise, denn die Aktien kosteten mittlerweile 50 DM und für einen neuen Aktionär dauerte es dann zu lange, bis er seine Unkosten wieder heraus hatte, geschweige von Gewinnen sprechen konnte.
Von da an fielen die Preise für unsere Aktien fast genauso schnell, wie sie gestiegen waren, ja sie sackten sogar unter den Ausgabepreis, auf 2.50 DM. Die Geschäfte liefen zwar noch, aber die vielen Aktionäre machten sich gegenseitig so viel Konkurrenz, dass auch die Gewinne nicht mehr der Rede wert waren. Viele wollten daher ihre Aktien loswerden und fanden keine Abnehmer mehr. Unter den Verkaufswilligen waren einige, die 50 DM und mehr für die Aktie bezahlt hatten.
Darunter auch mein Klaus Dieter. Und so begeistert sie für das Geschäft gewesen waren, als noch die Gewinne sprudelten, so verärgert waren sie jetzt, da sie feststellen mussten, dass sie erhebliche Verluste gemacht hatten. Klaus Dieter, der mir versprochen hatte, mir einen Anteil an seinen Gewinnen zu geben und mir die 10 DM, die ich ihm geliehen hatte, wieder voll zurückzuzahlen, sagte mir jetzt, ich hätte Anteil an seinen Gewinnen gehabt, also müsste ich seine Verluste auch mit ihm teilen, so könne er mir auch die 10 DM nicht zurückzahlen. Im Übrigen hätte ich meine Aktien noch mit Gewinn verkauft, als sie angefangen hätten zu fallen, und so hätte ich ja das, was er verloren hätte, als Profit gewonnen und hätte meinen Einsatz für ihn doppelt und dreifach herausbekommen, so dass ich auf seine Rückzahlung nicht angewiesen sei!
„Nachtigall, ich hör‘ dir trapsen“. Meine Mutter hat mich nicht umsonst vor der Unberechenbarkeit der Männer gewarnt! Ich werde mir das merken, obwohl ich ihn so sehr liebe, dass ich ihm seine Verluste gerne ersetzen würde, aber dann wäre er in seiner Ehre getroffen, weil ich dann als die Geschäftstüchtigere dastünde, wo er sich doch vorgenommen hat, Millionär zu werden.
Die Rückkehr des Vaters und die Schüleraktiengesellschaft
Heute stand mein Vater ganz unerwartet vor der Tür. Ich habe ihn zunächst gar nicht erkannt, als ich ihm am frühen Nachmittag die Tür geöffnet habe, weil er seinen Hut weit ins Gesicht gezogen hatte. Er wollte wohl von niemandem gesehen werden. Die Presse stürzt sich ja auf solche Geschichten, wenn der international bekannte Industrielle seine ehemalige Geliebte und mittlerweile geschiedene Ehefrau besucht.
Er war aber ganz nett und fragte mich: „Bist Du Betty von Stahl?“, und als ich bejahte, sagte er: „Ich habe dich als kleines Mädchen gekannt mit Zöpfen und Matrosenkleidchen. Jetzt bist Du ja schon fast eine große Dame!“ Ich freute mich über das Kompliment und führte ihn, als er mich bat, meine Mutter sprechen zu dürfen, ins Wohnzimmer.
Meine Mutter, die dort mit der Reinigung ihrer Schmucksachen beschäftigt war, erkannte meinen Vater sofort und begrüßte ihn überrascht mit den Worten: „Thilo, Du hier?“ Mein Vater sagte hierauf: „Ja, liebe Ate, ich hätte schon viel eher kommen sollen, aber alle diese falschen Rücksichten, die mir als künftigem Konzernchef schon mit der Muttermilch eingeflößt worden sind, haben mich daran gehindert.“ „Und natürlich die Rücksicht auf Deine neue Frau, die es Dir aber nicht gedankt hat! Man sagt, sie treibe sich mehr in New Yorks Nachtlokalen herum als in Deiner luxuriösen Villa!“ stellte meine Mutter etwas schadenfroh fest. „Ich hatte nicht genug Zeit für sie, wie ich nicht genug Zeit für dich hatte. Ich bin ein Sklave meiner Firma! Aber darüber wollte ich nicht mit Dir sprechen! Ich bin gekommen, um über Kai und Betty mit Dir zu reden!“ antwortete mein Vater hierauf.
„Also hast Du dich doch noch daran erinnert, dass Du Kinder hast“, erwiderte meine Mutter ziemlich spitz. „Lass bitte diese polemischen Töne“, forderte darauf mein Vater. „Du weißt, ich bin krank, ich habe keine Energie mehr für unnütze Auseinandersetzungen, lass uns wie zwei vernünftige Erwachsene und gute Freunde miteinander reden. Ich weiß selber, dass ich Fehler gemacht habe. Ich habe dafür einen hohen Preis bezahlt. Jetzt sollten wir ein nützliches Gespräch über eine sichere Zukunft für unsere Kinder nicht durch das Aufwärmen vergangener Geschichten unmöglich machen.“ „Verzeih“, sagte hierauf meine Mutter, „ich will dir keine Vorwürfe machen, aber meine Gefühle, die, wie Du dir denken kannst, nicht frei von Bitterkeit sind, brechen alle meine guten Vorsätze. Ich will mich aber, so gut es geht, zusammennehmen und dir keine Szene machen!“ „Dann darf ich also ablegen, mich setzen und dich um einen starken Kaffee bitten“, sagte hierauf mein Vater. „Du kannst dich hier, wie früher schon einmal, ganz zu Hause fühlen!“ antwortete meine Mama und gab mir einen Wink, um meinem Vater Mantel und Hut abzunehmen. Mein Vater überhörte die erneute leichte Spitze, gab mir seine Klamotten und setzte sich in einen unserer Ledersessel.
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