„Ich bin so müde“, gestand sie eines Morgens ihrem Mann von der Bettkante. „So schrecklich müde, dass ich ...“ Sie wollte sagen: dass ich mich nach der langen Ruhe sehne, wie Tote sie haben müssen.
„Was soll das?“ fragte er unwirsch. „Du hast doch die ganze Nacht geschlafen!“
Daraufhin hat sie es vorgezogen, nicht mehr davon zu sprechen. Sie erhob sich unter Mühen und ging daran, ihre Aufgaben zu erledigen und den Mann nicht spüren zu lassen, wie schwer ihr das alles fällt.
Was wird er dann zu dem Besuch der Pastorin Wohlgethan und ihrem Anliegen sagen? Als würde es um etwas Belangloses gehen, beginnt Amalie stockend und leise zu erzählen.
Jendrik sitzt tief über seinem Teller, beide Arme seitlich davon aufgestützt und ohne irgendwelche Anzeichen, dass er ihr wirklich zuhört.
Wenn er kaut, dann kann sie sogar Muskeln an seinem Hals spielen sehen. Früher hat sie der Anblick solcher Kraft erregt. Vorsichtig, weil es nicht schicklich ist, hat sie sich ihm genähert, hat solche Stellen mit den Fingerkuppen berührt, bis der Funke auch auf ihn übergesprang. Jetzt erregt sie das nicht mehr. Sie sieht die Muskeln spielen, aber sie können das, was in ihr eingeschlafen, vielleicht schon abgestorben ist, nicht mehr wecken. Von unten herauf blickt sie ihren Mann an und wartet, dass er endlich etwas zu dem Besuch sagt.
Gemächlich erhebt er sich schließlich. Er gähnt und streift sich die herabhängenden Hosenträger wieder über die Schultern. Leicht geduckt schaut er zum Fenster hinaus. „Ja, wenn die Pastorin dir eine Mitarbeit in diesem Verein zutraut, dann kannst du ihr das nicht abschlagen. Es sollte uns ehren, Malchen, dass sie uns solche Aufgaben anträgt, und dass wir mit solchen Herrschaften ...“ Er dreht sich jäh um. „Möchtest du es denn, Malchen?“
„Ich weiß es nicht.“
Der Mann wendet sich ihr zu. Auf seinem Gesicht liegt immer noch der Ausdruck von Abwesenheit. „Wenn du es möchtest, dann solltest du es auch tun, Malchen.“
„Eigentlich möchte ich nicht“, sagt die Frau gequält. „Sie werden mir Arbeiten zutrauen, die ich nicht erledigen kann.“
„Was sind das für Arbeiten, die du nicht erledigen kannst?“
„Wenn sie mir mit dem ganzen Schreibkram kommen ...“
„Aber du kannst doch schreiben und lesen!“ ruft er.
„Wenig, Jendrik, ganz wenig.“ Sie wendet sich ab und beginnt vor Verlegenheit mit dem Schürzenzipfel über den Tisch zu wischen. „Ich muss es dir ehrlich sagen: ich kann nicht schreiben. Nur meinen Namen, nicht mehr.“
„Nicht schreiben? Aber lesen kannst du doch!“
„Auch das nur wenig. Wenn ich in ein Buch schaue, in die Bibel oder in das Gesangbuch, dann möchte ich nur den Eindruck erwecken, als könnte ich lesen. Die anderen sollen glauben, dass ich es kann. Das ist es, was mir den Entschluss schwer macht, Aufgaben im Hülfsverein zu übernehmen. Nichts anderes. Ich hätte es gerne gelernt, aber dazu fehlte uns Kindern damals die Zeit. Und außerdem hatten meine Eltern nicht das Geld, die teuren Schulbücher zu kaufen.“ Amalie steht traurig da, beschämt, dass sie ihm diesen Betrug, diese Last gestanden hat.
„Und wenn du an deine Eltern geschrieben hast?“
„Dann war das auch nur Täuschung. Kein Mensch hätte das lesen können. Es ergab keine Wörter, und schon recht keinen Sinn. Ich habe meine Briefe schreiben lassen.“
„Du hast auch mich hinters Licht geführt?“
Die Gleichgültigkeit ist aus dem Gesicht des Mannes gewichen. Ungläubig steht er vor ihr, die Arme vor der Brust verschränkt, als wollte er mit ihr einen Kampf aufnehmen. Für Sekunden, so meint die Frau, glimme in seinen Augen etwas wie Enttäuschung und Verachtung auf. Er fragt noch einmal: „Mit deiner Schreiberei hier an dem Tisch hast du auch mich an der Nase herumgeführt?“
„Nein“, antwortet sie kaum hörbar. „Ich habe es für mich getan, Jendrik. Es war so schön, dazusitzen und so etwas wie Buchstaben auf ein Blatt Papier zu malen, auch wenn es keine richtigen waren. Aber es war schön.“
„Malchen! Du bist ja eine ganz Abgefeimte!“ ruft der Mann und biegt sich vor Lachen. „Und all die Jahre habe ich geglaubt, dass ich an dir eine gebildete Frau habe! Und dabei war es nichts weiter als Täuschung ... Als gekritzelter Unsinn!“
Mit hängenden Armen blickt sie zu ihm auf. Ihre Augen werden feucht. Die Frau fühlt sich, als hätte sie sich vor ihm ausgezogen. „Es war schön“, sagt sie noch einmal. „Auch wenn es nicht leicht gewesen ist. Denn immer saß mir die Angst im Nacken, dass ich mit meiner Täuscherei auffalle.“
Er nimmt sie in die Arme und drückt sie an sich, obwohl eines der Kinder in der Tür steht und zusieht.
„Ja, es könnte sein, dass sie dich einmal zur Schriftführerin des Vereins machen wollen“, sagt er an ihrem Ohr. „Oder sie bitten dich, einen Brief zu schreiben ...“
„Darum möchte ich es nicht machen“, sagt sie.
Der Mann hält sie an den Schultern etwas von sich, wie um sie besser ansehen zu können. Mit verschlagenem Gesicht meint er: „Malchen, bei mir ist dir die Finte gelungen. Meinst du nicht, dass du die Pastorin mit ihrem Verein ebenfalls ...“
„O Gott! Nein, nein!“ ruft sie entsetzt. „Jendrik, das würde mich so sehr verunsichern, dass ich nicht einmal mit denen reden könnte! Ich würde alles falsch machen. Alles! Jendrik, ich säße zitternd und mit rotem Kopf da und würde jeden Moment das Unglück erwarten.“ Sie lächelt ihn schwach an. Mit dem Handrücken wischt sie sich die Augen. „Jetzt weißt du, warum sich alles in mir sträubt, im Hülfsverein mitzuarbeiten.“
„Nun ja“, sagt er nicht mehr ganz so sicher wie vorhin und er reibt sich dabei das Kinn. „Du könntest die Pastorin bitten, dich wegen der Kinder und der Arbeit in diesem Hause mit Schreibarbeiten zu verschonen. Hin und wieder würdest du einen Besuch machen, oder etwas Ähnliches ...“
„Meinst du, dass das gehen wird?“ fragt die Frau. Denn das Angebot der Pastorin hat schon einen gewissen Reiz für sie.
„Du solltest es versuchen“, rät der Mann. „Weißt du, wenn sie etwas von dir verlangen, was du nicht tun kannst, dann, Malchen, ziehst du dich ganz einfach aus diesem Verein zurück. Gründe werden sich immer finden lassen. Aber du hast deinen guten Willen gezeigt!“
„Ja, Jendrik, ich werde mir das durch den Kopf gehen lassen.“
„Für dich und für unser Ansehen wäre es gut“, er nickt überzeugt. „Jetzt, da wir expandieren ...“
„Ja.“
„Versuche es.“
„Ich muss mir das überlegen.“
„Ich, Malchen, gebe dir die Zeit. Aber ob die Pastorin Wohlgethan sie dir geben wird? Ich denke, die wird schon in den nächsten Tagen hier auftauchen und dich wieder bedrängen.“
„Ja, das denke ich auch. Aber ich brauche Zeit.“
„Hast du ihr das gesagt?“
„Nein.“
„Du hättest sie gleich an deine Arbeiten erinnern sollen.“
„Ich habe nicht daran gedacht.“
„Ja, ja.“
Es scheint dem Mann Freude zu bereiten, dieses von seiner Frau zu wissen. Er lacht sie an und schüttelt manchmal ungläubig den Kopf. Dann reißt er sie an sich. „Malchen“, sagt er. „Ich habe dich immer für eine Wölfin oder für eine Bärin gehalten, für eine gutmütige und sanfte Bärin, aber doch stark und mir in manchem weit überlegen. Und jetzt muss ich erfahren, dass du ein Reh bist, voller Angst und voller Schrecken!“
„Das darfst aber nur du wissen“, sagt sie an seiner Brust. Und dann: „Du musst etwas Geduld mit mir haben, Jendrik. Vielleicht lerne ich es noch, Briefe zu schreiben und zu lesen. Und manches andere auch.“
„Ja, willst du es denn lernen?“
„Ich möchte schon. Aber wie kann man das lernen?“
„Ich werde darüber nachdenken“, sagt er. „Denn hier können wir keinen Menschen danach fragen.“
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