Kestel stöhnte in Gedanken auf und blickte stoisch durch die Windschutzscheibe. „Gut, Herr Doktor. Es gab viel zu tun. Essen machen, Essen verteilen und so weiter.“ Dann schwieg er und starrte weiter auf die Straße.
Friesgart, der mehr erwartet hatte, ließ lediglich ein kurzen ‚Aha‘ vernehmen. Dieser Kestel war wirklich kein großer Redner. Wie würde das erst auf den Kongressen werden, wenn man ihm Fragen stellte? Oder wenn er von seinen Eindrücken in Bezug auf die Therapie berichten sollte?
Die Tage reihten sich aneinander und für Tobias Kestel stellte sich eine gewisse Routine ein. Frühstück, Reinigungsarbeiten, sowie die Aufgaben in Bezug auf das Mittagessen - hier hauptsächlich die Speisen verteilen und sich das Meckern der Leute anhören - füllten seine Arbeitstage aus. Als eine Bewohnerin es besonders schlimm trieb und sie ihn mit unflätigen Schimpfworten wegen des angeblich schlechten Essens bedachte, raunte ihm Mila einmal im Vorbeigehen zu: „Da darfste nichts drum geben, Tobias. Die Leute sind zum größten Teil dement. Die reden nicht extra so. Also hör einfach nicht hin, die meinen es nicht persönlich.“
Tobias Kestel nickte lediglich. Er hätte der Alten in seinem ‚Atelier‘ damals schon das Schimpfen ausgetrieben. Aber das durfte er niemanden erzählen, das war sein Geheimnis und den Raum im Keller des verfallenen Bauernhofes gab es bestimmt nicht mehr.
Der Donnerstag war ein Feiertag und die Besetzung der Stationen noch schlechter als ohnehin schon. Tobias musste zum größten Teil das Verteilen des Frühstücks alleine übernehmen, denn Mila war zu beschäftigt, um sich darum auch noch zu kümmern. Er tat sein Möglichstes und eilte schon fast im Laufschritt zwischen Küche und Speiseraum hin und her, doch das genügte den Leuten offensichtlich nicht. Mehrere ältere Frauen schimpften lautstark, wenn Tobias den Raum betrat.
Am späten Vormittag kam Mila zu ihm in die Küche, wo er gerade die angelieferten Essen in einen Aufwärmwagen schob. „Tobias, ich brauche mal deine Hilfe. Wir müssen eine Frau mit einem Dekubitus verbinden und das kann ich nicht allein, weil die so schwer ist. Ich warte im Dienstzimmer auf dich. Wie lange brauchst du hier noch?“
„Ich bin fast fertig“, entgegnete Tobias. Es würde sein erster Einsatz in der Pflege sein und er war gespannt darauf. Schnell schob Tobias die letzten Tabletts in die Aufwärmstation. Es wäre noch ein wenig Zeit, bis er sie anschalten musste, damit alle Bewohner pünktlich ihr Essen bekamen. Rasch folgte er Mila in das Dienstzimmer.
Während sie durch den Flur gingen, erklärte sie ihm, was zu tun war: „Wir müssen die Frau auf die Seite drehen. Das ist ein wenig schwierig, weil die so dick ist. Alleine schaffe ich das nicht. Ich sage dir, was du zu tun hast.“
Tobias nickte: „Ja.“
Die Frau lag steif und mit starrem Blick zur Decke in ihrem Bett. Sie war wirklich unheimlich fett, Mila hatte nicht übertrieben. In dem kleinen Zimmer herrschte ein süßlicher Geruch nach Verwesung. Und das, obwohl das Fenster einen Spalt geöffnet war. Tobias fühlte sich sofort an den Schlachthof oder an sein ‚Atelier‘ erinnert. Diesen Geruch nach Tod kannte und liebte er.
„Nun steh da nicht so rum“, fuhr ihn Mila an. „Ich weiß, der Geruch ist fürchterlich. Aber da gewöhnt man sich dran. Atme durch den Mund, dann ist es nicht ganz so schlimm. Und jetzt hilf mir mal die Frau zu drehen.“
Tobias sog die Luft langsam durch die Nase ein. Wie viele Jahre hatte er darauf verzichten müssen? Alte Erinnerungen an schreiende und bettelnde Kinder tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Oder an das angstvolle und panische Quieken der Schweine im Schlachthof, die er nur ungenügend betäubt hatte, so dass sie bei lebendigem Leib verbrüht wurden.
Mila erklärte ihm derweil, was er zu tun hatte und sie drehten die Frau auf die Seite. „Du kannst auf den Gang gehen, während ich sie neu verbinde“, bot ihm Mila an. „Der Anblick ist nicht besonders schön. Ich rufe dich dann, wenn wir sie wieder umdrehen müssen. Aber bleibe vor der Tür, damit ich dich nicht suchen muss.“
Tobias schüttelte den Kopf: „Ich bleibe hier, wenn du nichts dagegen hast. Vielleicht kann ich dir ja helfen, etwas anreichen oder so. Und außerdem lerne ich vielleicht noch ein wenig.“ Er hatte nie daran gedacht und er würde es auch niemals machen, doch Tobias fügte dann noch hinzu: „Ich denke, dass ich vielleicht auch eine Ausbildung zum Altenpfleger machen werde.“
Mila hatte derweil den alten Verband entfernt, reinigte die Wunde, in die Tobias gut und gerne seine Faust hätte stecken können und verband sie anschließend. Hin und wieder warf sie einen kurzen Seitenblick auf Tobias. „Du hältst dich ganz gut“, bemerkte Mila beiläufig. „So mancher oder manche, die so etwas nicht kennen, sind schon würgend rausgerannt.“ Sie deutete auf das Tablett mit dem Verbandsmaterial: „Gib mir doch mal bitte die Rolle mit dem Pflaster dort. Ja genau, die breite.“ Sorgfältig verklebte sie anschließend die Kompresse. „So, das war’s schon. Hilf mir die Frau wieder umzudrehen. Morgen kannst du mir noch einmal helfen. Und jetzt kümmere dich um den Aufwärmwagen, sonst bekommen unsere verwöhnten Schäflein am Ende noch kaltes Essen und was das an Ärger geben würde, willst du gar nicht wissen ...“ Sie lachte leise und stob Richtung Dienstzimmer davon, während Tobias zur Küche ging.
Der nächste Tag begann schon direkt unangenehm. Er bereitete in der Küche wieder die Teller mit Wurst und Käse vor, als aus dem Speiseraum das Gekreische der alten Frau, die ständig etwas zu meckern hatte, drang. Tobias nannte sie im Stillen ‚die Querulantin‘ und überlegte schon, wie man sie unauffällig zur Ruhe bringen konnte. Doch er war sich klar darüber, dass man ihn beobachtete und er sich keine Fehler erlauben durfte. Dr. Friesgart würde ihn schneller, als er denken konnte, wieder in die Klinik zurückbringen.
Mila rauschte an ihm vorbei und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sie wischte verstohlen einige Tränen fort und atmete einmal tief durch. „Ich könnte die Alte umbringen“, meinte sie dann leise und mit vor Zorn bebender Stimme. „Die schikaniert uns ständig. Jetzt will sie Salz haben, obwohl es nichts gibt, wofür sie das brauchen könnte. Kein Ei, nichts. Aber so ist sie nun mal. Tobias, sei so gut und bring du ihr einen Salzstreuer. Oben in dem Schrank dort findest du Pfeffer und Salz.“
„In Ordnung“, nickte Tobias. Er wusste, wo sich das Salz befand und nahm einen kleinen, gläsernen Streuer, der randvoll neben einem Pfefferstreuer stand. Dann eilte er in den Speiseraum, wo die Alte immer noch lautstark vor sich hin schimpfte. „Bitte sehr“, meinte Tobias und hielt ihr den Streuer hin. „Ihr Salz.“
Die Frau schlug ihm das Gefäß aus der Hand. „Jetzt brauch ich dat nich mehr“, grollte sie. „Jetz issest auch zu spät.“
Tobias hob den Salzstreuer auf, der zum Glück nicht zerbrochen war.
„Aber den Teller hier, den kannste mitnehmen“, fuhr ihn die Alte an und hielt den Teller mit Wurst und Käse hoch. Tobias sah, dass davon noch nichts gegessen worden war. „Nun mach schon un steh da nich so doof rum!“
Tobias steckte den Salzstreuer in die Hosentasche und griff nach dem Teller, bevor die Frau ihn auf den Boden fallen lassen konnte. Dann beeilte er sich, zurück in die Küche zu kommen.
„Und wofür hat sie das Salz gewollt?“, fragte ihn Mila, die immer noch auf dem Stuhl saß.
„Für nichts. Jetzt sei es zu spät, sagte sie“, erklärte Tobias. „Die ist wirklich schrecklich!“
Am späten Nachmittag rief Mila ihn wieder zu Hilfe, damit sie die alte Frau mit dem Dekubitus erneut zusammen auf die Seite drehen konnten. Wieder roch es in dem Zimmer penetrant nach Verwesung und Tod und Tobias atmete tief durch. Wie sehr er diesen Geruch doch liebte!
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