Ucker nickt und wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Bitte nehmen sie doch Platz. Wir müssen uns allerdings einige Sekunden gedulden, ich warte noch auf meine Kollegin. Der Fall Kestel ist mir aber bestens bekannt, denn wir haben den Mann damals festgenommen.“
In diesem Moment stürmte Vanessa Rensen in den Raum. Die mittlerweile Dreiunddreißigjährige trug immer noch das schulterlange, schwarze Haar, das Ucker schon vor neun Jahren so faszinierte. Und sie hatte in all den Jahren kein Gramm zugelegt, was Ucker von sich leider nicht behaupten konnte. Der Hauptkommissar blickte auf eine imaginäre Armbanduhr und lächelte seine Kollegin an: „Das ging aber verdammt schnell. Ich hätte mit zwei Minuten später gerechnet.“
„Ich habe die Treppe genommen. Wenn’s um diesen Kestel geht ...“ Sie blickte den Arzt an, der mittlerweile wieder aufgestanden war. „Sie sind Dr. Meunier?“
„Ja.“ Beide schüttelten sich die Hände. Dann zog Vanessa ihren Bürostuhl heran und schob ihn an das Ende von Uckers Schreibtisch. „Möchte jemand Kaffee?“
Ucker nickte: „Eine gute Idee. Und sie Dr. Meunier? Wir haben zwar nur Kaffee aus dem Automaten, doch der schmeckt erstaunlich gut.“
Meunier lächelte: „Gerne. Für mich mit Milch und Zucker. Wenn ich jetzt hier noch meine Pfeife rauchen darf, fühle ich mich schon fast wohl.“
Während Vanessa Rensen den Raum wieder verließ, schüttelte Ucker den Kopf: „Damit kann ich leider nicht dienen.“ Er zeigte auf den Rauchmelder an der Decke. „Strenges Rauchverbot. Und obendrein sind die Dinger alle per Funk miteinander verbunden. Löst einer davon aus, ist hier im Präsidium die Hölle los, weil dann alle Rauchmelder Alarm geben. Sie werden sich mit dem Kaffee zufriedengeben müssen.“
„Ja, ja, die moderne Technik“, stöhnte Meunier gespielt gequält auf und beide lachten.
Vanessa Rensen brauchte diesmal länger, als von der Kantine im Keller bis ins Büro. Mit einem Lächeln reichte sie Meunier und Ucker die Becher und nahm schließlich auf ihrem Stuhl Platz.
„Also, Herr Dr. Meunier, worum geht es denn? Ist Kestel in ihrer Klinik verstorben?“
Dr. Meunier schüttelte den Kopf. „Nein, tot ist er nicht und es handelt sich auch nicht um die Klinik, in der ich arbeite. Tobias Kestel wurde in einer Landesklinik behandelt und ich arbeite in einer privaten. Nein, die Sache ist wesentlich brisanter und wenn sie mir erlauben, möchte ich zwecks Erklärung zunächst ein wenig ausholen.“
Ucker und seine Kollegin nickten gleichzeitig. Wenn es um diesen Kestel ging, nahmen sie sich die erforderliche Zeit. Insbesondere, wenn die Sache ‚brisant‘ sein sollte.
Dr. Meunier fuhr nach einem Schluck Kaffee fort: „Übrigens sehr gut, ihr Kaffee. Also: Einige Kollegen und ich unterhalten einen kleinen Zirkel von Gleichgesinnten, um uns fachlich auszutauschen und Neuigkeiten zu erfahren. Diese Gruppe trifft sich nunmehr seit mehr als zwanzig Jahren zweimal monatlich zu einem - na, ich nenne es mal - ‚Arbeitsessen‘. Unserem Kreis gehörte bis zu seiner Pensionierung auch Dr. Fiemrer an, dem die Behandlung, vielleicht besser ‚Betreuung‘, von Tobias Kestel unterlag. Ich zeigte damals - und heute auch noch - Interesse an dem Fall und Dr. Fiemrer und ich diskutierten oft darüber. Der Kollege war der Meinung - und der kann ich mich nur anschließen - dass eine Heilung Kestels, egal mit welcher Therapie, vollkommen ausgeschlossen sei. Tobias Kestel dürfte niemals wieder auf die Menschheit losgelassen werden.“
Dr. Meunier nahm einen weiteren Schluck Kaffee, während Ucker und Rensen ihm kurz zunickten.
„Vor einem Jahr und zwei Monaten ging der Kollege Fiemrer in den Ruhestand. Der Nachfolger, ein Dr. Barters, tauchte kurz darauf bei uns im Club als neues Mitglied auf. Dazu muss ich jetzt folgendes erklären: Die Aufnahme in unseren Zirkel erfolgt nur nach ausgiebiger Prüfung der Person und einer einstimmigen Abstimmung aller Mitglieder. Bei Barters war dies nicht der Fall. Aus irgendwelchen Gründen - ich nehme an, dass Geld im Spiel war - konnte Barters unserer Gruppe ohne Prüfung oder Abstimmung beitreten. Ich kann es nur vermuten und habe es nie gesagt, aber Barters Vater besitzt sehr viel Geld und man munkelt, dass Barters auch nur dank einer ‚Spende‘ an der Klinik den Job bekommen hat. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung ist Dr. Barters nicht geeignet, dort zu praktizieren. Aber das nur am Rande. Wichtiger ist in diesem Zusammenhang, dass Dr. Barters die Meinung seines Vorgängers absolut nicht teilte oder teilt und der festen Ansicht ist, Tobias Kestel könnte geheilt werden.“
Hauptkommissar Ucker warf einen Blick auf seine Kollegin und stellte fest, dass die den Arzt mit bleichem Gesicht ansah. Ucker selbst spürte, wie ihm das Blut aus dem Kopf wich, denn wenn Meunier das aussprechen würde, was er jetzt vermutete, wäre es eine Ungeheuerlichkeit.
Dr. Meunier nickte: „Ich sehe ihnen an, dass sie schon vermuten, was ich ihnen zu sagen habe: Ja, laut Dr. Barters ist Tobias Kestel geheilt und - ja - Tobias Kestel befindet sich in Freiheit. Zwar momentan noch unter der Aufsicht von Barters Assistenten, einem Dr. Friesgart, doch früher oder später wird Kestel keiner Kontrolle mehr unterliegen.“
„Das kann doch nicht sein“, stöhnte Vanessa. „Wie kann so etwas passieren? Gibt es keine Prüfungen des Falls, keine unabhängigen Gutachten?“
„Dr. Barters will die ‚Heilung‘ seines Patienten benutzen, um seine fachliche Reputation zu festigen. Er plant offensichtlich, Tobias Kestel auf diversen Kongressen vorzuführen. Eine Gruppe von Ärzten und ich haben versucht, zu intervenieren und die Entlassung Kestels zu verhindern, sind aber gescheitert. Sie können mir glauben, dass ich lange mit mir gerungen habe, denn es fiel mir nicht leicht, hier bei ihnen einen Kollegen anzuschwärzen. Deswegen möchte ich sie auch bitten, die Angelegenheit verschwiegen zu behandeln. Tobias Kestel muss in die Klinik zurückkehren. Kann man ihn denn nicht ins Gefängnis stecken? Wenn er laut Dr. Barters schon als geheilt gilt?“
Uckers nickte versonnen. „Das wird vermutlich nicht so einfach sein. Ich bin kein Rechtsanwalt, aber ich vermute einmal, dass die Klinik, beziehungsweise dieser Dr. Barters sich beizeiten über die rechtlichen Belange informiert hat. Wir werden diesen Aspekt aber auf jeden Fall prüfen. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Kestel auf keinen Fall auf freiem Fuß bleiben darf. Ich - also wir - haben damals gesehen, was Kestel mit den kleinen Kindern gemacht hat und wie das Loch aussah, in dem er dies tat. Es war grausam.“
Ucker nahm einen Schluck und stellte den Becher hart auf seinen Tisch zurück. Er unterdrückte mühsam seine aufkommende Wut. „Wie können wir sie erreichen, Dr. Meunier? Haben sie ein Smartphone?“
„Hier“, Meunier zog einen Zettel aus der Tasche. „Ich habe das schon vorbereitet. Dort steht meine Anschrift und darunter finden sie eine Auflistung der Kollegen, die mit mir einer Meinung sind. Sollte es eine Möglichkeit geben, Tobias Kestel wieder hinter Gitter zu bringen - in eine Klinik oder ins Gefängnis - dann finden sie sie bitte.“
Ucker nickte. „Das werden wir. Darauf können sie sich verlassen, Dr. Meunier. Ich danke ihnen für die Information, auch wenn wir lieber etwas anderes über Kestel vernommen hätten. Sie werden auf jeden Fall von uns hören!“
Sie schüttelten sich die Hände und Meunier verließ das Büro. Zurück blieb sein Kaffeebecher auf dem Schreibtisch.
„Verdammte Scheiße“, gab Kriminalkommissar Ucker von sich und Vanessa Rensen nickte.
„Was können wir tun?“, fragte sie und blickte ihren Kollegen an. „Ob es eine Möglichkeit gibt, Kestel wieder zurück in die Klinik zu bekommen?“
„Vielleicht. Allerdings können wir uns jetzt nicht nur um diesen Kestel kümmern und die aktuellen Fälle vernachlässigen. Wie sieht’s denn mit dem Mord an dem Rentner aus?“
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