„Ja, der Gestank ist schlimm. Irgendein Trottel hat auch noch das Fenster geschlossen.“ Mila öffnete das Fenster und sog durch den Spalt die frische Luft von draußen ein. Tobias hätte ihr fast gesagt, sie solle das Fenster doch ruhig geschlossen lassen, hielt sich dann aber zurück.
Während Mila die Wunde wieder reinigte, betrachtet er das Loch am Gesäß der Frau eingehend. Schwarzes, totes Gewebe wurde von entzündetem, rötlichem Fleisch umschlossen. „Verursacht das starke Schmerzen?“, fragte er Mila.
„Unter Umständen schon“, entgegnete sie. „Hier siehst du“, sie zeigte auf das Fleisch. „Das Schwarze ist totes Gewebe, da spürt sie nichts. Aber dort, dort und dort ist alles entzündet. Da muss man vorsichtig sein, denn das kann schon furchtbare Schmerzen verursachen.“ Sie blickte Tobias mit einem kleinen Lächeln an: „Du hast wirklich Interesse an der Altenpflege, was? Ich finde, das ist ein schöner Beruf. Du kannst den Menschen helfen und erfährst viel Dankbarkeit. Nicht alle sind so, wie unsere Freundin aus dem Speisesaal. Leider sind wir ständig unterbesetzt und dadurch überlastet. Aber das haben die Politiker schon vor vielen, vielen Jahren mit ihren unbedachten Reformen verbockt.“ Sie seufzte laut. „Und wer will solch einen Job noch machen? Wochenenddienste, an freien Tagen einspringen, weil wieder einmal jemand ‚krank‘ geworden ist und dazu noch eine mehr als dürftige Bezahlung. Aber die Herren Politiker verdienen ja genug und lassen sich im Alter privat pflegen.“ Sie deckte die Wunde ab und hielt Tobias dann eine Hand hin. „Gibst du mir bitte das Pflaster?“
Tobias reichte ihr die Rolle.
„Scheiße“, meinte Mila plötzlich. „Die ist ja leer. Wer um alles in der Welt legt eine leere Rolle zurück in die Schublade? Tobias kannst du einen Moment alleine bei der Frau bleiben, ich hole schnell eine neue Rolle.“
„Kein Problem. Ich passe auf sie auf.“
Mila warf ihm noch einen aufmunternden Blick zu und verließ rasch das Zimmer.
Tobias blickte ihr hinterher, bis sich die Türe schloss. Er hatte nicht viel Zeit und mit wenigen Handgriffen zog er die Kompresse von der Wunde. Er merkte sich genau die Position, wie sie dort gelegen hatte. Dann ballte er eine Faust und steckte sie in das Loch. Die Frau stöhnte gequält auf und Tobias bewegte seine Hand hin und her. Dann fiel ihm etwas ein und er zog die Hand zurück. Rasch nahm er den Salzstreuer aus seiner Hosentasche, entfernte den Deckel und beugte sich über die Wunde. Mit einem fröhlichen Grinsen schüttete er das Salz in die Wunde, hauptsächlich auf das entzündete Fleisch. Die alte Frau stöhnte lauter, was in ein ständiges Jammern überging. Tobias steckte den Salzstreuer rasch ein und legte Verbände und Kompresse wieder an ihren Platz zurück. Keine Sekunde zu früh, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür und Mila kam herein. Als sie das Jammern hörte, kam sie rasch zum Bett. „Was ist los? Ist irgendetwas passiert, warum jammert die Frau so?“
„Keine Ahnung“, log Tobias. „Bis vor wenigen Sekunden war sie noch ruhig. Vielleicht liegt sie schon zu lange auf dem Bauch ...“
Mila verklebte die Kompresse sorgfältig. „Derjenige, der die leere Rolle in die Schublade gelegt hat, der wird von mir etwas zu hören bekommen. Das ist unverantwortlich! Komm, drehen wir die Frau wieder um.“
Tobias Kestel bekam das Wochenende frei und musste die Tage zusammen mit Dr. Friesgart in der Wohnung verbringen. Er war froh, als es endlich wieder Montag wurde und er aus der kleinen Wohnung und der Obhut des Arztes herauskam. Auf der Station erfuhr er dann, dass die alte Frau mit dem Dekubitus in der Nacht zum Samstag unter starken Schmerzen gestorben war.
„Das tut mir so leid“, beteuerte er Mila gegenüber. „Wie konnte das geschehen?“
„Sie war alt und hatte ein schwaches Herz. So ist das halt, die Leute sterben. Aber es ist traurig, denn es war eine sehr nette Frau. Als es ihr noch besser ging, half sie uns oft in der Küche und hatte für jeden ein freundliches Wort übrig. Ich habe sie sehr gemocht.“
Kriminalhauptkommissar Richard Ucker blickte auf, als an seine offene Bürotür geklopft wurde. Ucker war vor neun Jahren in dieses Präsidium im Herzen Kölns versetzt worden und fühlte sich hier von Anfang an sehr wohl. Die Kollegen waren durchweg nett, die Zusammenarbeit hervorragend und die Kollegin, die er damals der Sitte abgeworben hatte, stellte sich als absoluter Glücksgriff heraus. Das kleine Büro, das er von seinem Vorgänger - der in den wohlverdienten Ruhestand gegangen war - übernommen hatte, wurde schon bald für sie beide zu klein, als er und die Kollegin Vanessa Rensen gemeinsam in ein Büro zogen. So dauerte es auch nicht lange und sie bekamen dieses Büro hier.
Ucker blickte auf die Wanduhr, als ein uniformierter Polizist an seinen Schreibtisch trat. Vanessa Rensen befand sich sicher noch in der Kantine, schließlich war es Mittagszeit. Er selbst musste noch dringend einige Papiere durchsehen und sich heute mit einem Butterbrot und dem obligatorischen Apfel begnügen. ‚An apple a day keeps the doctor away‘, sagte Ucker immer, erntete damit aber meistens nur ungläubige Gesichter.
Der Beamte nickte ihm grüßend zu: „Herr Kriminalhauptkommissar draußen wartet ein Mann, der mit jemandem über einen Tobias Kestel sprechen möchte. Ich kann mit dem Namen nichts anfangen, aber ein Kollege meinte, sie wären vielleicht der richtige Ansprechpartner.“
Ucker nickte. Kestel. Er erinnerte sich gut an den Fall, den er vor neun Jahren übernommen hatte. Dieser Tobias Kestel war ein Psychopath, der sich einen Spaß daraus gemacht hatte, kleine Kinder zu Tode zu quälen. Mit Grausen erinnerte Ucker sich an den Kellerraum mit dem Metalltisch und die vielen chirurgischen Instrumente. Und an das kleine Mädchen, das sie ganz knapp vor einem qualvollen Tod gerettet hatten. Ucker überlegte. Mia hieß sie, Mia Hensenbrugger. „Ja, das ist wohl richtig“, seufzte er. „Worum geht es denn?“ Kestel hatte man damals auf lebenslange Zeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Vielleicht wollte der Besucher ihm jetzt von dem Tod des Psychopathen berichten.
„Das weiß ich nicht. Der Mann heißt Meunier, Dr. Mathéo Meunier. Was er möchte, hat er nicht gesagt.“
„Na gut, bringen sie ihn zu mir. Und danach rufen sie bitte die Kollegin Vanessa Rensen an und fragen sie sie, ob sie bei dem Gespräch mit Dr. Meunier anwesend sein möchte. Ich warte dann so lange auf sie.“
Der Beamte nickte, wandte sich um und machte einen Schritt zur Tür. Dann stockte er und drehte sich erneut zu Ucker: „Und wenn sie nicht möchte?“
„Da machen sie sich mal keine Gedanken drum, Vanessa Rensen möchte mit Sicherheit!“ Die Kollegin arbeitete damals noch bei der Sitte und hatte die Aufgaben des Kommissars Achim Forner übernommen, der über die Feiertage lieber in Kurzurlaub gefahren war, als bei der Suche nach der kleinen Mia zu helfen. Ucker hatte es nach der Festnahme Kestels geschafft, dass Forner sich auf einen Posten im hintersten Bayern bewarb. Ein Abstellgleis, aber damit wurde die Planstelle für Vanessa Rensen frei.
Der Polizist betrat das Büro mit einem Mann, den Ucker auf siebzig Jahre schätzte. Der Arzt maß zwischen einem Meter fünfundsechzig und einem Meter siebzig, trug eine Halbglatze und wog gut und gerne an die hundertvierzig Kilo. Für einen Arzt musste er einer äußerst ungesunden Lebensweise frönen.
Ucker erhob sich und hielt Meunier die Hand hin. „Kriminalhauptkommissar Ucker“, stellte er sich vor, während sie sich die Hände schüttelten. Was kann ich für sie tun?“
„Dr. Mathéo Meunier“, erwiderte der Arzt. „Ich arbeite in einer psychiatrischen Privatklinik hier in Köln. Es geht um den Fall Tobias Kestel.“
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