Wollte der Täter tatsächlich eine Puzzlejagd veranstalten und mit wem, mit der Polizei. Das war nicht sehr wahrscheinlich außer, er stockte, war das Opfer vielleicht ein Polizist.
Langsam, mit gemessenen Schritten ging er zu dem Eingang der Kirche, wo einige ältere Frauen standen um über gerade nicht anwesende Kirchgänger Geschichten zu verbreiteten. Sie wussten, dass deren Wahrheitsgehalt nie nachgeprüft werden kann, jedoch ausreichend Gesprächsstoff gab, um zu flüstern, wenn diese auftauchten. Vereinzelt standen ein paar ältere Männer zusammen, unterhielten sich über das gestrige Fußballspiel, wobei offensichtlich wurde, dass deren Hiersein nur dem Drängen ihrer Ehefrauen geschuldet war.
Das durchschnittliche Alter, welches die Sechzig längst überschritten hatte, wurde nur durch die vereinzelten Jugendlichen gesenkt, deren Gründe für den Besuch nicht offenbar wurden. Vielleicht war es die Zuneigung zum anderen Geschlecht, denn Jungen und Mädchen hatten etwa das gleiche Alter, auch schien die Anzahl paritätisch verteilt.
Obwohl er von der anwesenden Altersgruppe abwich, schien keiner ihn wahrnehmen zu wollen oder ihn genauer zu beobachten. Es war als gäbe es eine Absprache unter den Anwesenden ihn zu ignorieren. Lag es daran, dass er heute zum ersten Mal den Gottesdienst besuchte, oder wurden Neulinge prinzipiell ausgegrenzt. War es eine besondere Form der christlichen Nächstenliebe oder mussten neue Besucher ihren Glauben erst durch mehrfache Besuche nachweisen.
Ohne Hast betrat er den Kirchenraum, blickte auf die zweckmäßige Ausstattung, den Verzicht von besonderen Emporen oder Logen, auch das Gestühl war eher zweckmäßig als bequem. Wahrscheinlich wurden diese unbequemen Sitzmöbel deshalb gewählt um ein Einnicken während der Predigt zu verhindern, dachte er, während er sich in die hinterste Reihe nahe dem Mittelgang setzte. Die Ausstattung der Kirche zeigte, dass es sich um eine evangelische Kirche handelte, die Architektur ließ Rückschlüsse auf den Bau in den frühen sechziger Jahren zu.
Die einzige Empore in dem Kirchenraum befand sich direkt über ihm, dort erklangen bereits leise Klänge einer Orgel, mit welchen der Organist die sonntäglichen Kirchgänger zu ihrem Platz geleitete. Er beobachtete wie sich die Personen, die er gerade noch vor der Tür gesehen hatte, langsam zu einem Platz begaben um erwartungsvoll, manchmal leise flüsternd, zur Kanzel blickten. Dabei erweckten sie den Eindruck, als ob diese Blicke das Erscheinen des Pfarrers beschleunigten.
Verwundert hatte er diese Prozession der hereinstrebenden Personen beobachtet. Dabei entstand der Eindruck, als würden die jeweiligen Personen von unsichtbaren Strängen zu den Plätzen geführt, die sie jeden Sonntag einnahmen. Amüsiert stellte er sich gerade vor was geschehen würde, wenn ein Fremder unwissentlich einen dieser Plätze einnahm und damit die gesamte, seit Jahren festgefahrene Sitzordnung, durcheinanderbringen würde. Sehr wahrscheinlich würde er auf sehr unchristliche Art von diesem Platz vertrieben werden.
Ein Rascheln der vielleicht zwanzig Personen lenkte seine Aufmerksamkeit auf eine Tür links vom Altar, aus der gerade der im schwarzen Talar gewandete Pfarrer den Kirchenraum betrat. Er sah ziemlich gut aus mit seiner großen Gestalt sowie seinem vollen Haar, welches er für sein Alter vielleicht ein bisschen zu lang trug. Sein Alter war schwer zu schätzen, obwohl er wusste, dass er bereits das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, wirkte er sehr viel jünger.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten sah er ihn zum ersten Mal, trotzdem erkannte er ihn sofort an seinen Gesichtszügen. Seine Gesten, die er beibehalten hatte, aber auch an dem Blick, der sich unvergesslich bei ihm eingebrannt hatte, waren unverkennbar.
Den Beginn der Predigt hatte er zwar mitbekommen, alles, was danach gesagt wurde, war an seinen Ohren vorbei gerauscht, ohne nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Den Sinn oder die Aussage der Predigt hätte er nicht wiedergeben können, so sehr war er in seine Gedanken versunken, war in die Vergangenheit zurückgekehrt.
Wie aus einer Trance erwachend spürte er die Veränderung bei den anderen Besuchern, bemerkte, dass die Predigt gerade endete und der Gesang das Ende des Gottesdienstes ankündigte. Ehe noch das letzte Amen erklang, hatte er sich erhoben und verließ leise die Kirche ohne sich noch einmal umzusehen um sich an anderer Stelle seinen Gedanken hinzugeben. Er war der Erste von ihnen, die anderen würde er zu einem späteren Zeitpunkt betrachten, sie in ihrem Alltag beobachten.
Schnell ging er zu seinem kleinen Transporter, der ihm bisher immer gute Dienste geleistet hatte. Er war überzeugt, dass dieser Pfaffe ihn in der Kirche gesehen hatte, allerdings war er sicher, dass dieser ihn nicht erkannt hatte, schließlich lagen einige Jahre zwischen ihrem letzten Treffen. Trotzdem wollte er nicht, dass er ihn jetzt erneut sah. Auch ihm musste irgendwann auffallen, dass es kein Zufall sein konnte, wenn man an den unterschiedlichsten Orten zu häufig auf die gleiche Person traf.
Sein Transporter war so geparkt, dass er den Haupteingang der Kirche ebenso wie den Nebeneingang einsehen konnte, er sehen konnte, wann der Pfarrer die Kirche verließ. Kurz danach wurde das Portal geöffnet, dann trat er als Erster aus der Kirche, um unmittelbar am Portal stehen zu bleiben. Salbungsvoll verabschiedete er sich von jedem seiner treuen Kirchgänger einzeln, sagte ihnen wahrscheinlich, dass er sich bereits auf den nächsten Sonntag freue. Genau diesem direkten Gegenübertreten zum jetzigen Zeitpunkt hatte er aus dem Weg gehen wollen, dies würde noch früh genug erfolgen.
Obwohl es schien, dass die Flut der zwanzig Kirchgänger kein Ende nehmen wollte, erreichte nach zehn Minuten als Letzte eine Frau in Kostüm mit Hut das Portal. Es konnte nur Absicht dahinter stecken, denn sie ließ es sich nicht nehmen, sich ausführlich von ihm zu verabschieden. Sein leicht schmerzlich verzogenes Lächeln zeigte auch auf die Entfernung, dass er dieser Geschichten und Lobreden überdrüssig war, er endlich die Türe verschließen wollte.
Endlich klappte das große Portal zu, die Kirche war verschlossen. Nun konnte es vielleicht noch eine viertel Stunde dauern, dann würde er erscheinen, in seinen PKW steigen, um nach Hause zu fahren. Er kannte bisher nur seine Wirkungsstätte seine private Adresse hatte er noch nicht in Erfahrung gebracht.
Die Zeit verging, ohne dass er darauf geachtet hätte, erst als er auf seine Uhr blickte, starrte er erstaunt zu der Kirche. Sollte er ihn verpasst haben, er konnte doch nicht fünfzig Minuten für das Umziehen und das Weglegen seines Gebetsbuches benötigen. Er war sicher, dass er ihn gesehen hätte, sofern er einen der beiden Zugänge benutzt hätte. Oder hatte er einen Zugang übersehen, gab es noch einen dritten Zugang, aus dem er ihm entwischt war. Er musste das unbedingt überprüfen. Gerade wollte er aus seinem Transporter aussteigen, als er sah, wie sich die Tür des Nebeneingangs öffnete.
Mit einem Lachen auf dem Gesicht drehte er sich um zu der jungen Frau, die ebenfalls lachte, um diese heraustreten zu lassen. Zwischen den Beiden schien ein Einvernehmen zu bestehen, welches über das Verhältnis Pfarrer und Sünder hinausging. Wer war die Frau, hatte er inzwischen geheiratet. Er würde Kenntnis über deren Verhältnis erlangen egal auf welchem Weg auch immer.
In der Zwischenzeit beobachtete er, wie der Pfaffe sich vorsichtig umsah, dann den Arm um die junge Frau legte, die wesentlich jünger als er war. Auf den ersten Blick hatte er sie auf vielleicht Anfang zwanzig geschätzt, beim Näherkommen sah er, dass er sich geirrt hatte, dass sie eher Ende zwanzig war. Ihre Größe, sowie ihr kurzes blondes Haar hatten dieses mädchenhafte Aussehen verstärkt, welches sie mit ihren eng sitzenden Jeans und dem sehr kurzen T-Shirt noch unterstrich.
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