Dann hörte er auf das, was der Anrufer ihm erzählte, nahm einen Notizzettel schrieb die angegebene Adresse auf dann bellte er in den Hörer, ich fahre hin. Wieder ein Tag der ihn, wie seine Frau meinte, seinem Idealgewicht näher brachte indem er, wenn auch unfreiwillig, auf sein Mittagessen verzichtete. Erneut war die KTU vor ihm an dem Tatort, als er sein Auto abstellte, um zur Fundstelle zu gehen.
Mit einem leichten Grinsen ging er zu den bekannten Gesichtern, während er meinte, wer hätte gedacht, dass wir uns so kurz hintereinander sehen würden. Während der Fotograf ihm nur kurz zunickte, die Beamtin der KTU ihn fröhlich anlächelte, blaffte Nagel nur, mir bleibt aber auch nichts erspart, zweimal am Tag ist zu viel.
Was haben wir denn gefunden fragte er, wobei er Nagel ansah, der wohl am ehesten sagen konnte, was da vor ihnen in einer Mülltüte lag.
Ein rechter Arm, ob er allerdings zu der gleichen Person gehört die ihr Bein verloren hat, vermag ich allerdings noch nicht zu sagen. Ich kann jedoch schon jetzt sagen, dass er zu einer männlichen Person gehört.
Kannst Du feststellen, ob beides zu der gleichen Person gehört, fragte er vorsichtig bei Nagel an, als der schon unterbrach, im Labor aber nicht mehr heute.
Ist er genau so blutleer wie das Bein wollte er wissen als Nagel nickte, fragte er nach, weißt Du auch, wer ihn gefunden hat. Nagel zeigte auf eine Gruppe von etwa zehn Personen, bei der zwei ältere uniformierte Polizisten standen. Diese versuchten mühsam den Fragen, die auf sie einprasselten, gerecht zu werden.
Ein nochmaliger Blick ließ ihn die Augenbrauen hochziehen, ihm blieb aber auch nichts erspart. Der eine Teil japanischer Touristen redete ohne Pause auf die Beamten ein, während der andere Teil der Reisegruppe alles fotografierte, was aus ihrer Sicht unbedingt festgehalten werden musste. Wenn seine kurze Beobachtung repräsentativ für die vergangenen zehn Minuten war, dann hatte man ihn bestimmt mehr als fünfzig Mal auf irgendeinem Speichermedium festgehalten, wahrscheinlich sogar noch häufiger.
Nun bedauerte er, dass er in der Schule Russisch hatte lernen müssen, Japanisch hätte ihm in der jetzigen Situation sehr viel besser weiter geholfen. Mit all der gebotenen Vorsicht, mit der man einer japanischen Reisegruppe während ihrer Hauptbeschäftigung, des Fotografierens, begegnen konnte, ging er auf die Ansammlung zu. Voll Mitleid sah er zu den uniformierten Beamten, die hilflos mit den Achseln zuckten, ihren Kopf schüttelten oder ihre Augen verdrehten.
Das Verhalten der beiden Polizisten veränderte sich, als sie den ranghöheren Beamten auf sich zukommen sahen, zugleich schöpften sie die Hoffnung, von der asiatischen Übermacht befreit zu werden. Die Veränderung der Beamten war auch der Reisegruppe nicht entgangen. Endlich glaubten sie die Antworten auf ihre Fragen zu erhalten, die sie bisher vergeblich an diese beiden Langnasen gestellt hatten.
Bevor sich die Gruppe auf ihn stürzen konnte, fragte er noch schnell an die beiden Beamten gerichtet, wer hat das Teil gefunden.
Achselzuckend meinte einer der Polizisten, es war uns nicht möglich, auch nur eine Frage sinnvoll zu stellen Herr Kommissar, wir wissen es nicht.
Neugierig und höflich warteten die Teilnehmer der Reisegruppe ab, wie es nun weitergehen würde, nachdem endlich ein im Rang angemessener Beamter auf der Bildfläche erschienen war.
Langsam löste sich ein junger Japaner aus der Gruppe und kam näher, verneigte sich leicht dann sprach er in deutlich erkennbarem Deutsch.
Guten Tag Herr Kommissar, mein Name ist Herr Mizuki, ich bin der Reiseleiter und kann Ihnen bestimmt weiterhelfen. Dann trat er leicht lächelnd einen Schritt zurück, blickte wie nach Beifall heischend zu seiner Gruppe, um auf die Fragen zu warten, die unweigerlich folgen würden.
Die beiden Polizisten blickten verblüfft zu dem Reiseleiter, der sich während der Zeit, die sie wartend zugebracht hatten, nicht ein Wort in Deutsch an sie gerichtet hatte.
Herr Mizuki, die Nennung des Namens kam etwas zögernd über seine Lippen, können Sie mir sagen, wer den Müllbeutel gefunden bzw. den Arm gefunden hat.
Jawohl Herr Kommissar, es waren drei Personen, die in die Tüte hinein gesehen haben, es war Herr Sato, Herr Watanabe und Herr Nakamura, die gemeinsam den Arm gefunden haben. Herr Watanabe ist Arzt, deshalb hat er mich sofort darauf aufmerksam gemacht, um was es sich handelt.
Während der Erzählung stand die Reisegruppe abwartend in einiger Entfernung, jedoch nah genug um dem Bericht folgen zu können, auch wenn sie diesen nicht verstanden. Bei der Nennung ihres Namens verneigten sie die jeweiligen Personen, wobei ihm jeder höflich lächelnd zunickte.
Wieso sprechen Sie so gut Deutsch, wollte Melzer jetzt von Mizuki wissen, da dieser akzentfrei seine Erklärungen von sich gegeben hatte.
Verlegen lächelnd meinte dieser, oh ich bin in Düsseldorf geboren und zur Schule gegangen, deshalb bin ich in beiden Sprachen und Kulturen aufgewachsen. Derzeit studiere ich Germanistik hier an der FU, nebenbei verdiene ich mir als Reiseleiter meiner Landsleute ein Zubrot.
Dann können Sie mir bestimmt sagen, wie lange Ihre Landsleute noch in Berlin sind, damit wir ihre Aussagen protokollieren können.
Leider nur noch heute, da für Berlin nur zwei Tage eingeplant waren, morgen geht der Flug bereits nach Paris, wo sie erneut zwei Tage verbringen werden.
Melzer vereinbarte, dass Mizuki mit den drei Landsleuten in etwa drei Stunden in die Keithstraße kommen sollte, damit die Aussage protokolliert werden kann.
Eine Frage habe ich noch, können Sie bitte nachfragen, ob die Stellung des Arms verändert wurde und wenn ja, wie.
Nach dem etwa dreiminütigen Palaver folgte das kurze Statement, nein. Erst auf den fragenden Blick von Melzer ergänzte Mizuki, nein, die Stellung des Armes wurde nicht verändert, alles sei so geblieben wie sie es aufgefunden haben.
Als er zurück zu der Gruppe um den Arm kam, warteten diese bereits auf ihn, da die Arbeiten bereits abgeschlossen waren. Voller Erwartung blickten sie ihn an als wäre er ein Heilsbringer, der die Wahrheit mitschleppte, um sie nun zu offenbaren. Die Gesichtszüge glitten wieder in Normalstellung, als er nach Ergebnissen fragte, als er wissen wollte, ob der Arm zu dem Bein vom Vormittag gehörte.
Vermutlich gehören beide zusammen meinte die Beamtin der KTU, die Mülltüten sind identisch, das fehlende Blut ist wie bei dem Bein, alle deutet auf ein und dieselbe Person. Wenn Sie allerdings Gewissheit haben wollen, dabei zeigte sie auf den Pathologen, dann müssen Sie Dr. Nagel fragen.
Dessen Laune vom Vormittag hatte sich offenbar etwas gebessert, denn die Antwort war weniger knurrig, sondern näherte sich wieder seinem üblichen Zynismus. Es kann durchaus sein, der Arm gehörte zu einer männlichen Person, auch die Hinweise auf das Alter scheinen in etwa identisch zu sein. Allerdings bekommt die Person langsam Probleme mit der Fortbewegung, wenn er denn noch lebt. Außerdem habe ich langsam das Gefühl, das wir hier auf einer Puzzlejagd sind. Bin mal gespannt, wann das nächste Teil auftaucht und wo es angelegt werden soll, um das Puzzle zu vervollständigen. Morgen wissen wir mehr, dann nahm er seine Tüte, in die er die Mülltüte mit dem Arm verstaut hatte. Ich bin dann mal im Labor, winkte und ging zu seinem Auto.
Nachdem er vereinbart hatte, dass die Beamtin in drei Stunden in sein Büro kommen und bei den japanischen Findern die Fingerabdrücke abnehmen sollte, verabschiedete er sich von ihr. Während sie in ihren Wagen stieg, beobachtete er die japanische Reisegruppe, die am Tiergarten entlang in Richtung Siegessäule ging.
Nachdenklich blickte er sich um, er war sich ziemlich sicher, dass die Person der das Bein sowie der Arm fehlten, nicht mehr lebte, sondern dass weitere Teile auftauchen würden. Wann und wo das sein würde, da konnte er sich nur überraschen lassen. Bezweckte der Täter etwas mit dieser Verteilung oder hatte Nagel den Nagel auf den Kopf getroffen. Er stutzte kurz dann lächelte er, dieses kleine Wortspiel musste er ihm bei Gelegenheit erzählen.
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