Bei dem Gedanken an seine Schwestern mußte er lächeln. Er hing sehr an ihnen, an allen dreien. Aber ganz besonders an Biggie, der jüngsten, die so empfindsam und sensibel war. Eines Tages, wenn er es geschafft haben würde, wollte er zurückkehren und sie alle verwöhnen. Eines Tages...
Schon am nächsten Morgen machten sie sich auf die Suche nach Arbeit für Kalle. Der erste auf Joschs Liste war ein Kunststudent, der in einer Dachkammer zwischen Staffeleien, Bildern und Farbtöpfen hauste. Er hatte rotes ungepflegtes Haar und sah krank aus. Josch hatte ein paarmal für ihn Modell gesessen. Das brachte zwar nicht viel, aber es war leicht verdientes Geld, weil man kaum etwas dafür tun mußte. Doch der Student hob bedauernd die Schultern, im Augenblick brauchte er niemanden.
Der nächste war Verkäufer in einer Boutique in der Kaiserstraße. Er trug eine hautenge schwarze Lederhose, dazu ein weinrotes Rüschenhemd. An seinem linken Ohr glänzte ein winziges goldenes Kettchen mit einem Rubin als Anhänger. Das lange mahagonifarben getönte Haar hatte er im Nacken mit einem Seidenband zusammengebunden. Für ihn hatte Josch wiederholt Pakete ausgetragen und andere Botengänge erledigt. "Wie sieht's mit Arbeit aus, Fabian?” fragte Josch. "Haste nicht was zu tun für meinen Freund hier?"
Der junge Mann betrachtete Kalle abschätzend, während er sich mit einer eleganten Handbewegung eine Haarsträhne aus der Stirn strich.
“Sieht doch Klasse aus, finds’te nich?” meinte Josch zwinkernd, und Kalle trat erschrocken einen Schritt zurück. Fast war er erleichtert, als der Schönling den Kopf schüttelte. “Tut mir leid, im Augenblick brauche ich wirklich niemanden. Vielleicht in einigen Wochen, wenn der Sommerschlußverkauf losgeht. Meldet euch doch einfach mal wieder.”
Gegen Mittag trafen sie sich mit einem alten Mann in einem Straßencafé. Er trug einen verwaschenen Pullover mit einem großen Loch im Ärmel und roch ungewaschen und nach Knoblauch. Er arbeitete auf einem Schrottplatz, wo er sich in einem rostigen, ausrangierten Kleinlaster eingenistet hatte. Mitunter, wenn es viel zu tun gab, erlaubte er auch mal einem andern, sich dort ein paar Mark zu verdienen. Er musterte Kalle eingehend und mit unverhohlener Neugier aus kleinen flinken Raubvogelaugen. Dann entschied er sich gegen ihn, ohne zu erklären, warum. "Im Moment ist nichts drin, mein Lieber," sagte er und schüttelte den Kopf mit den weißen, zotteligen Haaren. Er stand auf, und ohne seine Rechnung zu bezahlen, verschwand er mit schlurfenden Schritten zwischen den Passanten.
Josch wurde immer einsilbiger. Von nun an ließ er Kalle auf der Straße warten, wenn er mit jemandem verhandelte. Und Kalle fragte nichts mehr. Ihm schien, als beträfe das alles gar nicht ihn, sondern einen ganz anderen. Es interessierte ihn immer weniger, worüber geredet wurde, wenn Josch wieder einmal irgendwo läutete und dann hinter einer Tür verschwand. Um sich darüber Gedanken zu machen, sagte er sich, war noch Zeit, wenn es tatsächlich einmal klappen sollte. Doch dazu kam es nicht.
Gegen Abend aßen sie eine Kleinigkeit an einer Imbißbude. Als Josch sein Portemonnaie zückte, kam ihm Kalle zuvor. Noch hatte er genügend Geld in der Tasche, denn er hatte einen großen Teil seiner Ersparnisse von seinem Konto in Bretzingen abgehoben. "Laß gut sein, ich mach das schon,” meinte er. “Du hast heute schon genug Ärger gehabt durch mich.”
Josch lächelte süßsauer und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Bierglas. "Hast 'ne schlechte Zeit erwischt," erklärte er achselzuckend.
Kalle nickte. "Morgen früh werde ich mir eine Zeitung kaufen. Irgendwas wird sich schon finden.”
Josch fühlte sich in seinem Stolz verletzt. “Brauchst keine Zeitung,” warf er ein, “kenne genügend Leute, müssen nur die richtigen finden. Wir geben nicht auf, Kalle, noch ist nichts verloren. Morgen suchen wir weiter.”
Kalle nickte wieder und gähnte. Die Füße taten ihm weh, und sein T-Shirt war durchgeschwitzt. “Okay,” sagte er, “wenn ich nur erst mal bei dir wohnen bleiben kann.”
Josch lachte und klopfte ihm auf die Schulter. “Klar, Mann, ist doch Ehrensache! Solange du willst. Mach dir darüber keine Sorgen.”
2. DER ERSTE JOB
Sommer 1983
“...vierzehn, sechzehn, achtzehn, neunzehn," zählte Kalle laut, "einer fehlt noch.” Noch einmal verschwand er in der Lagerhalle und kam mit einem weiteren Sack Zement auf den Schultern zurück. Schwungvoll setzte er ihn auf dem weißverstaubten Pritschenwagen eines Stukkateurs ab. “Okay, das war's,” sagte er und half dem Fahrer, die Rückwand des Wagens zu befestigen.
Während er dem Auto nachsah, das, dichte graue Staubwolken hinter sich zurücklassend, vom Hof in die Straße einbog, zog er die derben Arbeitshandschuhe aus und fuhr sich mit dem Handrücken über die nasse Stirn. Trotz des späten Nachmittags stach die Sonne noch immer erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel und schmerzte auf der rotverbrannten Haut seines nackten Oberkörpers. Er war müde, und die Knochen taten ihm weh. Gottlob war bald Feierabend, wie er mit einem Blick auf seine Armbanduhr erleichtert feststellte.
Als der Lagerverwalter aus seinem Büro kam und winkte, begriff er nicht gleich, daß er gemeint war. Erst als er ihm laut: "Schwarzkopf!" über den Hof zurief und mit den Armen fuchtelte, antwortete er ihm. "Ja?”
Der Mann wartete, bis Kalle herangekommen war. Er war mittleren Alters, von kleiner gedrungener Statur. Das Firmenlogo der Fischer KG. auf der linken Brusttasche seines grauen Kittels trug er wie einen Orden. "Kannst du heute länger bleiben, Schwarzkopf?" fragte er.
Kalle konnte seine Enttäuschung kaum verbergen. "Warum? Was gibt's denn?"
"Drüben steht der Laster von Schmitt & Co., der sollte heute noch beladen werden."
Kalle öffnete den Mund und wollte protestieren, doch dann besann er sich und schluckte seinen Einwand hinunter. Überstunden wurden in der Regel gut bezahlt, da durfte man nicht wählerisch sein. “Kann ich den Gabelstapler nehmen?” fragte er stattdessen. “Hab eben schon zwanzig Säcke Zement auf dem Buckel geschleppt.”
Der Lagermeister wiegte den Kopf hin und her. “Kannst du damit umgehen?”
“Irgendwie schon, glaub ich.”
Der Mann schaute noch immer zweifelnd, nickte dann aber. “Na gut, nimm den vom Lagerplatz drüben. Eigentlich dürfte ich dich gar nicht dranlassen, also sei bloß vorsichtig!” Er drückte ihm den Durchschlag eines Lieferscheines in die Hand. “Ich schick dir den Hartmann rüber, der soll dir helfen. Muß aber ruck-zuck gehen, klar?"
"Klar, Mann!"
Kalle machte sich auf den Weg zum Lagerplatz auf der anderen Seite der Halle. Vorsichtig berührte er seine geröteten Schultern, auf denen sich bereits erste Bläschen bildeten. Es war wahrhaftig kein Vergnügen, bei diesen Temperaturen Putz und Zement zu schleppen, doch der Job war nur bis Ende Oktober befristet und wurde gut bezahlt. Da mußte man durchhalten, da durften Sonnenbrand und schmerzende Knochen keine Rolle spielen. Wer weiß, wie es danach mit ihm weiterging. Es war reiner Zufall gewesen, daß er diese Arbeit gefunden hatte. Eines Nachmittags, er war ziellos durch die Kaiserstraße geschlendert, hatte er beobachtete, wie jemand an einer Straßenbahnhaltestelle eine Zeitung in den Abfallbehälter steckte. Wie von einem inneren Zwang gelenkt war er darauf zugegangen, hatte sie wieder herausgezogen, durchgeblättert und war über die Anzeige der Fischer KG. gestolpert. Ihm war klar, daß seine Ersparnisse schneller aufgebraucht sein würden, als ihm lieb war, wenn nicht bald ein regelmäßiger Verdienst dazukam, deshalb hatte er sich ohne Zögern in die Bahn nach Hagsfeld gesetzt, um sich vorzustellen. Vermutlich hatte ihm der Lagerverwalter angesehen, daß er tüchtig zupacken konnte und sich vor keiner Arbeit scheute, denn schon nach kurzer Absprache war die Sache perfekt gewesen. Man erwartete ihn bereits am nächsten Morgen, pünktlich um sieben. Kalle hatte es kaum fassen können. Noch immer mußte er lächeln, wenn er daran dachte, wie stolz er gewesen war. Kalle Schwarzkopf aus Bretzingen hatte endlich einen Job gefunden. Und ganz ohne fremde Hilfe. Nun brauchte er sich, zumindest für die nächsten Wochen, keine Sorgen mehr zu machen. Es schien, als sei Josch ein wenig verärgert gewesen, weil er zu diesem Erfolg nichts beigetragen hatte, dennoch hatte er brummend den blauen Schein eingeschoben, den Kalle ihm später von seinem ersten Verdienst in die Hand gedrückt hatte.
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