Ich nickte zustimmend, ‘Timeflyer’ gefiel mir. ‘Zeitenflieger’. Das war wahrhaftig ein passender Name für dieses Wunderding.
Ganz plötzlich war das Gerät dann wieder da. Kurz vor Ablauf der zwei Stunden starrten wir alle gespannt auf die Stelle, wo es zuvor gestanden hatte. Jeder wollte der erste sein, der es bemerkte, und dann sah es doch keiner wirklich ‘ankommen’. Er war nur auf einmal wieder da, der ‘Timeflyer’. Die Uhr zeigte genau 23.01.
Die Reaktionen waren unterschiedlich.
Dr. Weißgerber und Prof. Riechling atmeten erleichtert auf und schauten einander lächelnd an. Frau Dr. Ebenstreit blinzelte und kniff die Augen zusammen, als fürchtete sie, auf eine Sinnestäuschung hereingefallen zu sein. “Darf man es nicht doch einmal anfassen, Doktor?” fragte sie, und ohne eine Antwort abzuwarten, tastete sich ihre Hand über die Metallstreben.“Tatsächlich, es ist da, ich kann es fühlen.”
Herr Fröbel pfiff durch die Zähne und nickte anerkennend. “Das is’n Ding, Professor!” meinte er staunend. “Hätt’ ich nie für möglich gehalten. Alle Achtung!”
“Es ist einfach fantastisch,” sagte Dr. Degenhardt leise, “fantastisch, aber auch beängstigend.” Dann beugte er sich zu Dr. Weißgerber hinüber. “Ist Ihnen eigentlich klar, was das bedeutet, Doktor? Können Sie sich ausmalen, was passieren würde, wenn dieser Apparat in die falschen Hände geriete? Kann man es überhaupt verantworten, mit solchen Dingen zu arbeiten und zu experimentieren?”
“Genau deshalb sind Sie heute hier, Herr Dr. Degenhardt. Sie, und nicht irgendwer,” antwortete ihm Dr. Weißgerber. “Und deshalb baten wir Sie, - jeden einzelnen von Ihnen, - um striktes Stillschweigen. Wir sind nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten, und so soll es vorerst auch bleiben. Wir werden dieses Gerät vervollkommnen, der Professor und ich, doch nicht, um in den Zeitablauf der Menschheit einzugreifen und ihn zu verändern, sondern nur, um zu beobachten. Und irgendwann in ferner Zukunft werden die Menschen Zeuge der Geschichte sein. Sie werden kontrollieren können, ob die Ereignisse der Vergangenheit tatsächlich so vonstatten gegangen sind, wie es in unseren Geschichtsbüchern geschrieben steht. Sie werden sie sogar miterleben können, verstehen Sie?” Trotz seiner Brille war das Leuchten in seinen Augen zu sehen. “Und irgendwann wird die Menschheit reif genug sein, auch einen Blick in die Zukunft zu werfen.”
Plötzlich stutzte er. Er lief zum Tisch hinüber und starrte auf das Gerät. Verwundert schaute ich ihm nach und sah, wie ihm langsam die Farbe aus dem Gesicht wich. Er murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Außer mir schien niemand davon Notiz zu nehmen, denn jeder war auf seine Weise damit beschäftigt, das eben Erlebte zu verarbeiten.
Der Doktor berührte Prof. Riechlings Arm, beugte sich zu ihm hinunter und redete leise auf ihn ein, worauf auch der ein sehr bestürztes Gesicht machte und sich für einen Augenblick mit einer müden Handbewegung die Stirn hielt.
Ich stand auf und ging neugierig um den Tisch herum, um den ‘Timeflyer’ besser sehen zu können. Und dabei bemerkte ich es dann auch: Der Aschenbecher fehlte! An den beiden Drähten hing nur noch das Isolierband, doch vom Aschenbecher war keine Spur zu sehen.
Herr Fröbel, der mich beobachtet hatte, war meinem Blick gefolgt. “Ist was?” fragte er, als er neben mich trat.
Noch bevor ich ihm eine Antwort geben konnte, kam Dr. Weißgerber zu uns herüber, und auch Dr. Degenhardt und Frau Dr. Ebenstreit waren hellhörig geworden.
“Stimmt was nicht? - Was ist denn los? - Ist vielleicht doch etwas schiefgegangen?” fragten sie.
“Nicht direkt,” erwiderte der Doktor, “das Experiment ist geglückt, das Gerät ist wieder da, nur..., der Aschenbecher ist nicht mit zurückgekommen.”
Jetzt erst bemerkten es auch die anderen. “Tatsächlich!” - “Der Aschenbecher ist nicht mehr da!” und “Spurlos ver-schwunden!” redeten sie durcheinander, und Herr Fröbel meinte: “Es sieht aus, als hätte ihn jemand ganz bewußt entfernt.”
Dr. Weißgerber gab auf einmal einen erstickten Laut von sich und schlug sich die Hand vor den Mund. Dann griff er so fest nach meinem Arm, daß es fast schmerzte.“Karin, ich hab’s,” sagte er.
Ich wußte nicht, was er meinte.
“Sie müssen sich doch daran erinnern. Es ist jetzt etwa vier Monate her...”
Ich sah ihn noch immer fragend an.
Er wandte sich an die Gäste und begann, ihnen zu erzählen, was sich vor vier Monaten zugetragen hatte.“Eines Morgens kam ich in mein Büro und sah einen seltsamen Apparat auf meinem Tisch stehen. Damals hatten wir noch nicht angefangen, diesen hier zusammenzusetzen, deshalb hatte ich keine Ahnung, was für ein Ding das sein sollte. Zuerst glaubte ich, einer der Praktikanten hätte sich einen Scherz mit mir erlaubt. Als ich dann aber den Aschenbecher daran kleben sah, vermutete ich, es könnte sich eher um das Werk von Kindern handeln. Ich war ziemlich verärgert, weil mir der Gedanke, Kinder könnten während meiner Abwesenheit in meinem Büro herumtollen, gar nicht gefiel. Ich wollte mir die Reinigungsfrau vorknöpfen und ihr strengstens verbieten, ihre Enkel zur Arbeit mitzubringen und sie in unseren Räumen spielen zu lassen. Ich löste den Aschenbecher von den Drähten, doch als ich ihn auf seinen Platz auf dem Schreibtisch stellen wollte, bemerkte ich, daß dort bereits ein gleicher stand. Dabei hatte ich nie zuvor einen zweiten gesehen. - Erinnern Sie sich jetzt, Karin?"
Ich nickte, es war mir wieder eingefallen. Urplötzlich konnte ich mich ganz deutlich daran erinnern, wie er an jenem Tag in mein Büro gekommen war und mir von einem selbstgebastelten Monstrum erzählt hatte, das ihm jemand über Nacht auf den Tisch gestellt hatte. Doch bevor er mir das Ding hatte zeigen können, war es verschwunden. Damals hatte ich geglaubt, er sähe vor lauter Überarbeitung bereits Gespenster, seine Nerven könnten ihm einen Streich gespielt haben. Nun war mir allerdings klar, was der seltsame Zwischenfall zu bedeuten hatte.
“Dieser geheimnisvolle Apparat von damals war dieser hier,” sagte der Doktor und zeigte auf den ‘Timeflyer’. “Und ich selbst habe den Aschenbecher entfernt, weil ich keine Ahnung hatte, was das sein sollte."
“Und Sie haben sich niemals an diesen Vorfall erinnert?” fragte Prof. Riechling verblüfft. “Auch nicht später, während wir an diesem Gerät gearbeitet haben?”
“Nein, niemals! - Das heißt, wahrscheinlich nicht. Doch auf einmal bin ich mir gar nicht mehr so sicher...”
“Erstaunlich,” meinte der Professor. “Ein hochinteressantes Phänomen.” Er winkte mich zu sich. “Kommen Sie, Karin, dazu sollten wir uns einiges notieren.” Und dann diktierte er mir den Verlauf dieser merkwürdigen Geschichte und fügte eine endlose Reihe von Vermutungen und Erklärungsversuchen hinzu.
Das eigentliche Experiment, die Reise eines Gegenstandes in die Zukunft, fand mit knapp drei Stunden Verspätung statt und verlief ohne weitere Zwischenfälle. Diesmal wurde ein Briefbeschwerer an den Drähten befestigt, und nach genau einer Stunde und zweiunddreißig Minuten des Wartens, die Dr. Weißgerber mit Erläuterungen über die einzelnen Funktionen des Gerätes ausfüllte, tauchte er unbeschadet vor unseren Augen wieder auf.
Tief beeindruckt trennte sich die kleine Runde kurz vor halb drei Uhr. Jeder einzelne von uns tat sich schwer, das fantastische Erlebnis mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen.
In dieser Nacht war es mir unmöglich, gleich einzuschlafen. Ich lag im Dunkeln, schaltete den Plattenspieler ein und setzte die Kopfhörer auf. Einige Tage zuvor hatte ein neuer Song die Charts erobert. Jeder Radiosender spielte ihn, aus jedem Lautsprecher war er zu hören. In kürzester Zeit pfiffen ihn buchstäblich die Spatzen von den Dächern. Der Song hieß ‘Twilight’, und er erzählte von einer unglücklichen Liebe. Von einer Liebe, die jemand gefunden und dann gleich wieder verloren hatte. Der Sänger hieß ‘Blackhead-Charly’, ich kannte ihn nicht, hatte nie zuvor von ihm gehört. Aufgrund des Fotos auf dem Cover, das den jungen Mann in eigenwilligem bizarrem Outfit zeigte, hätte ich mir die Platte vielleicht niemals gekauft, wäre ich nicht längst von seinem Lied völlig verzaubert gewesen. Seine ein wenig rauhe und doch so sanfte Stimme, die Traurigkeit und die Sehnsucht, die herauszuhören waren, berührten mich auf seltsame Weise. Sie weckten den Wunsch in mir, ihn in die Arme zu nehmen und zu trösten. Ich verstand ihn. Ich konnte mit ihm fühlen, weil es auch tief in meinem Inneren diese unbeschreibliche Sehnsucht gab, die ich mir oft nicht erklären konnte. Sehnsucht, die es für mich eigentlich gar nicht hätte geben dürfen, denn ich hatte ja Klaus.
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