Viola hatte den Zucker gefunden, stellte ihn neben die Tassen und drückte Kalle das Tablett in die Hand. "Trag das schon mal ins Wohnzimmer," sagte sie, “ich setze solange den Kaffee auf. Und dann sollten wir uns schnell mit trockener Kleidung versorgen, bis der Kaffee soweit ist. Mir ist richtig kalt in den nassen Sachen."
Kalle sah die Gänsehaut auf ihren nackten Armen und nickte, auch ihm war kalt.
Als er zurückkam, war Viola in einem der Zimmer am Ende des Korridors verschwunden. “Komm rein!" rief sie ihm zu, und als er die nur angelehnte Tür vollends öffnete, warf sie ihm ein Handtuch entgegen. "Da! Trockne dich ab. Du siehst immer noch aus, als wärst du in einen Bach gefallen."
Kalle rubbelte sich das nasse Haar. "Hast du vielleicht auch irgendwo einen Kamm?"
"Im Bad. Vorn links, letzte Tür."
Vor dem großen Spiegel im Badezimmer frottierte er sich noch einmal gründlich die Haare und kämmte sich. Dabei fiel sein Blick auf die Badewanne. Sehnsüchtig schaute er sich nach ihr um, und plötzlich hatte er eine Idee... Er lief in den Flur zurück. “Viola...?"
Sie zog gerade das nasse Shirt über den Kopf, als er zurückkam. Er stutzte und sah ihr verblüfft zu.
"Ja?" Sie bemerkte seinen Blick. "Was starrst du mich so an! Zieh dir lieber auch die nassen Klamotten aus. Wir werden schon was Passendes für dich finden."
Es fiel ihm schwer, seinen Blick von ihrem nackten Busen zu wenden, der jede ihrer Bewegungen mitmachte.
"Nun mach schon, zieh deine Hosen aus. Anderenfalls darfst du dich nirgendwo hinsetzen," drohte sie.
Inzwischen hatte er sich wieder gefangen. "Viola, ich würde gern... Hättest du was dagegen, wenn ich... bade?"
Sie zog sich ein frisches T-Shirt über den Kopf. “Was willst du?” fragte sie verwundert. “Baden?”
"Weißt du, ich habe schon ewig kein richtiges Badezimmer mehr gesehen,” versuchte er, ihr seinen Wunsch zu erklären. “Und die Dusche in der Firma ist auch nicht das Wahre. Ein Bad wäre für mich jetzt wirklich das Größte.”
Sie hob die Schultern. "Ja, gut. Von mir aus kannst du auch baden, wenn es dich glücklich macht. Beeil dich halt, der Kaffee ist bald fertig.”
Während er das Badewasser einließ, pfiff er vor sich hin. Neugierig öffnete er die Fläschchen und Dosen, die auf den Regalen und Ablagen standen. Aus einem Flakon mit Schaumbad roch es nach Flieder, das war der schönste Duft, der ihm seit Wochen unter die Nase gekommen war. Zufrieden ließ er einen kräftigen Schuß von der lila Flüssigkeit in die Wanne rinnen. Das duftende heiße Wasser war herrlich, es prickelte auf der Haut und wärmte ihn bis auf die Knochen. Er rutschte bis zum Hals hinein, ließ die Füße über den Wannenrand hinausragen, schloß die Augen und fühlte sich wohl. Das erste Mal seit Wochen fühlte er sich wunderbar. Mann, dachte er seufzend, hier könnte man's aushalten.
Er hatte keine Ahnung, wie lange er in der Wanne zugebracht hatte. Als er herausstieg, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, Viola nach einem Badelaken zu fragen, und zum Anziehen hatte er auch nichts mitgenommen. Er trocknete sich mit einem der Handtücher ab, die über der Trockenstange hingen, wickelte es sich wie einen Lendenschurz um die Hüften und tappte barfuß über den Flur bis zu Violas Zimmer. "Viola?"
Sie antwortete nicht. Ihre Tür war nur angelehnt, und als er sie ein wenig weiter aufdrückte und bemerkte, daß sie nicht nicht da war, trat er ein und schaute sich neugierig um. Das Zimmer war klein und dunkel, vom Fenster her fiel nur wenig Licht herein. Das Stückchen Himmel, das über den Betonmauern der Nachbarwohnungen zu sehen war, war grau und wolkenverhangen. Das Gewitter war zwar vorüber, aber es regnete noch immer, und irgendwo tropfte der Regen in monotonem Rhytmus auf einen blechernen Gegenstand.
Neben dem Fenster stand ein kleiner runder Tisch mit zwei Sesseln, auf der anderen Seite ein Bett mit gemustertem Bezug. Darüber waren Plakate von Jane Fonda-Filmen mit Reißnägeln an der Wand befestigt. An der Schmalseite des Zimmer, dem Fenster gegenüber, nahm ein großer Schrank fast die ganze Breite der Wand ein. In einigen der Fächer standen Bücher, in einem anderen zerbrechliche Gebilde aus Glas. Daneben, in einem silbernen Rahmen, das Foto einer hübschen dunkelhaarigen jungen Frau.
Als er hinter sich ein Geräusch hörte, wandte er sich irritiert um. Da hatte sich etwas bewegt, er konnte jedoch nicht ausmachen, was es gewesen war. Dann fiel sein Blick auf das Bett, und er sah Viola, wie sie langsam die Bettdecke, die sie sich vor seinem Eintreten über den Kopf gezogen hatte, wieder zurückschob. Trotz des Dämmerlichtes war das Blau ihrer Augen leuchtender, als je zuvor. "Komm," sagte sie leise, “mir ist kalt. Du mußt mich wärmen."
Eine Sekunde lang stand er nur stumm da und schaute sie an, doch sein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Okay, sagte er sich, warum nicht? Schließlich war es genau das, was ihm jetzt noch fehlte. Er schloß die Tür hinter sich und drehte den Schlüssel herum.
"Rutsch ein Stück," sagte er, ließ das Handtuch von seinen Hüften auf den Boden gleiten und stieg zu ihr unter die Decke. Seine Hand tastete als erstes nach ihrem Busen, der ihn von Anfang an fasziniert hatte, und er fühlte, wie sich unter seiner Berührung die Brustwarzen aufrichteten und sich die prallen vollen Rundungen mit einer Gänsehaut überzogen.
"Puh, der Kaffee schmeckt stark und bitter,” sagte Viola später, als Kalle in einer ihrer Jeans und in einem gestreiften T-Shirt hereinkam. "Aber du mußt trotzdem eine Tasse trinken, zum Wegschütten ist er einfach zu schade. Vielleicht kann man ihn mit heißem Wasser ein bißchen verdünnen."
"Stellen wir uns einfach vor, es wäre Espresso," schlug Kalle vor und hielt ihr seine Tasse hin. “Oder arabischer Mokka.”
Sie schenkte ihm ein. Dabei fiel ihr Blick auf die viel zu großen Jeans, die er trug, und sie mußte lachen. "Wenn wir dich eine Weile rausfüttern würden, könnten sie dir eines Tages vielleicht passen,” meinte sie. Dann betrachtete sie ihn nachdenklich und fügte hinzu: "Was hälst du eingentlich von der Idee?”
Er verstand nicht, was sie meinte. “Von welcher Idee?”
Sie sah ihn aus schmalen Augenschlitzen an. “Du suchst doch eine neue Unterkunft. Eigentlich könntest du auch bei uns wohnen.”
"Sag das noch mal!"
"Ja, du könntest bei uns einziehen, - warum eigentlich nicht?" Sie rührte in ihrer Kaffeetasse. "Wir haben noch ein Zimmer übrig. Das ist zwar nur klein, und es steht auch nicht viel drin, außer einem alten Sofa, unserem Bügelbrett und ein paar Sachen, die wir nicht sehr häufig brauchen. Aber besser als bei Josch und Biene wäre es allemal."
"Das kannst du doch nicht einfach über die Köpfe deiner Mitbewohnerinnen entscheiden, oder?”
Sie hob die Schultern. "Ich glaube nicht, daß sie etwas dagegen hätten.”
“Sie kennen mich doch gar nicht.”
“Das Risiko ist auf beiden Seiten, - du kennst sie doch auch nicht.”
Kalle überlegte. "Ist vielleicht ein Haken dabei?" fragte er mißtrauisch.
Ihre blauen Augen blitzten spöttisch. "Vielleicht! Aber den mußt du selbst herausfinden."
"Dann lassen wir's doch lieber."
"Sei kein Frosch! Oder macht es dir etwa Spaß, bei Josch und Biene in dieser kleinen stinkenden Kammer zu hausen? Du brauchst mir nichts vorzumachen, ich weiß bescheid. Ich kenne ihre Wohnung und weiß, wie es bei ihnen aussieht."
"Aber du bietest mir dieses Zimmer doch nicht aus lauter Menschenfreundlichkeit an, ohne eine bestimmte Absicht, oder?"
Sie lächelte und schwieg.
"Warum, Viola?" bohrte er weiter.
"Warum nicht? Das Zimmer ist frei, und du bist ein netter Kerl. Uns fehlt schon lange ein Mann im Haus. Zu unserem persönlichen Schutz zum Beispiel." Sie lachte. "Oder wenn das Fenster klemmt, der Wasserhahn tropft oder das Klo verstopft ist."
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