Er lehnte vor mir an der Wand, breitbeinig, mit vor der Brust verschränkten Armen, den Kopf mit den schwarzen, wie kleine Lanzenspitzen abstehenden Haaren leicht zurückgebeugt. Er trug einen engen Anzug aus schwarzglänzendem Leder, gespickt mit glitzernden silberfarbenen Nieten, dazu hohe schwarze Schaftstiefel. Ein steifer Kragen lenkte die Aufmerksamkeit auf sein schwarz-weiß geschminktes Gesicht, und nur, wenn man ganz genau hinsah, bemerkte man den sanften Blick der braunen Augen unter den dunklen schräggestellten Brauen und das fast zärtliche Lächeln, das um seine Lippen lag.
“Hallo, Blackhead-Charly,” sagte ich zu ihm.
“Hi, Karin!” antwortete er und lächelte. “How are you?”
“Ach, Charly! Wenn du wüßtest, was ich heute wieder erlebt habe.” Ich seufzte tief. “Ich wünschte, ich könnte dir die ganze Geschichte erzählen.”
Er zwinkerte mir zu. “You can!" sagte er. "You know I’m your friend. That’s why I’m here to see you...”
Irgendwo schlug eine Uhr dreimal, und der Zauber des Augenblicks fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Vor mir an der Wand klebte ein lebensgroßer Poster des Rockstars, den ich so sehr verehrte. Wenn ich ihn anschaute, fiel mir das Märchen von Hauff ein, das von einem Bären erzählte, durch dessen struppiges häßliches Fell manchmal, für einen kurzen Augenblick, die goldene Haut eines verwunschenen Prinzen zu sehen war. Charly war mein Prinz. Inzwischen wußte ich längst alles über ihn. Auch, daß er nicht aus England oder Amerika kam, wie ich zunächst angenommen hatte, sondern aus einer ganz unbedeutenden kleinen Stadt in Süddeutschland, die kaum jemand kannte.
Inzwischen war seine LP 'Light and Shadow' herausgekommen, und sein Song 'Angel' war mein absoluter Favorit. Es schien, als ginge es darin um dieselbe unglückliche Liebe, von der er schon in 'Twilight' gesungen hatte.
Ich schaltete den Plattenspieler ein und setzte die Kopfhörer auf, dann knipste ich das Licht wieder aus, schloß die Augen und hörte mir noch einmal die Geschichte von Angel an, dem guten Engel, der großartige Zukunftsvisionen hatte, und der versprach, daß das Leben eines Tages wunderschön sein würde.
3. IM WOHNTURM
Sommer/Herbst 1983
Der Stand in der Kaiserstraße war schon fast fertig aufgebaut, als Kalle dort ankam. Ein junger Mann mit Vollbart trug Zeltplanen aus einem hellblauen VW-Bus und fing an, sie am Gestell des Verkaufstisches zu befestigen. Währenddessen nahm ein Mädchen mit langen blonden Haaren behutsam verschiedene Schmuckstücke aus einem kleinen schwarzen Koffer und legte sie auf einem dunkelroten Samtpolster aus.
Kalle sah ihnen eine Weile zu, trat dann ein paar Schritte vor und meldete sich mit einem freundlichen "Guten Morgen."
Der junge Mann, der inzwischen vor einem der Tischbeine hockte und zwei Teile der Plane mit einem Lederriemchen zusammenschnallte, blickte erstaunt auf. Auch das Mädchen schaute sich um, und Kalle stellte verblüfft fest, daß sie diejenige war, die ihm schon bei seiner Ankunft am Bahnhof durch ihre leuchtend blauen Augen aufgefallen war. Er streckte ihr die Hand entgegen. "Hallo, du mußt Barbara sein."
Sie stutzte, schlug dann ein und lachte. "Nein, die bin ich nicht, ich bin Viola. Und wer bist du?"
"Ich bin der Kalle, ich wohne bei Josch und Biene. Biene ist krank und kann heute nicht kommen. Da dachte ich, vielleicht könnte ich für sie einspringen und euch an ihrer Stelle ein bißchen helfen.”
Sie musterte ihn amüsiert. "Hast du denn eine Ahnung vom Verkaufen?"
"Bis jetzt nicht, aber sicher kann ich's lernen. Du wirst mir schon zeigen, wie man das macht.”
Viola lachte wieder, und in ihren blauen Augen tanzten tausend Teufelchen. Dann wurde sie ernst. "Ich habe gehört, daß Biene wieder umgefallen ist. Wie geht’s ihr denn?”
Kalle hob die Schultern. “Josch meint, es läge daran, daß sie zu wenig ißt.”
“So ein Unsinn, das ist es bestimmt nicht.”
Der junge Mann hatte sich aufgerichtet und kam nun zu ihnen herüber. "Du bist also Joschs neuer Untermieter!” Er betrachtete Kalle mit unverholener Neugier vom Kopf bis zu den Füßen. “Du siehst gar nicht so aus.”
“So? Wie müßte ich deiner Meinung nach denn aussehen?”
Der junge Mann ging nicht auf seine Frage ein, sondern reichte ihm stattdessen die Hand. "Ich bin Fredy,” stellte er sich vor, “sozusagen der Manager dieser Truppe.” Er ignorierte Violas Räuspern, machte eine umfassende Handbewegung und erklärte: "Naja, ich kümmere mich halt um alles. Angefangen vom Materialeinkauf bis hin zur Buchführung. Und außerdem bin ich noch Fahrer, Monteur, Handlanger und überall dort zur Stelle, wo es Probleme gibt.”
"Ja, ja," spottete Viola, die eben eine Handvoll Armbänder aus dem Köfferchen genommen hatte und sie nun, eines neben das andere, auf ein zweites Samtpolster legte. "Wenn wir dich nicht hätten!"
Ärgerlich wandte sich Fredy wieder ab und kümmerte sich um das nächste Tischbein.
Kalle sah Viola eine Weile zu. "Ich wußte nicht, daß ich dich hier treffen würde,” erklärte er. “Biene sprach von Barbara. Kommt sie später?”
"Nein, du mußt schon mit mir vorlieb nehmen," antwortete das Mädchen, ohne ihre Beschäftigung zu unterbrechen. "Wir haben getauscht. Heute ist Barbara am Bahnhof, wo ich normalerweise mit Fritz zusammenarbeite. Weil der aber mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus liegt, ist unser Allround-Talent Fredy für ihn eingesprungen." Mit einem Zwinkern sah sie sich nach dem bärtigen jungen Mann um. “Nun ist Biene aber auch noch ausgefallen, deshalb mußten wir ein weiteres Mal umdisponieren. Also sind jetzt Fredy und Barbara am Bahnhof, und ich... Lieber Himmel, warum erzähle ich dir das alles. Kurz gesagt, wenn du Lust hast, mir zu helfen, bist du herzlich willkommen. Dann kann sich Fredy ganz beruhigt in den Bahnhof zurückziehen.” Und mit verschmitztem Lachen fügte sie hinzu: “Wir haben ja nicht damit gerechnet, daß uns Biene eine tüchtige Vertretung schickt.”
Fredy rutschte zum nächsten Tischbein hinüber. "Barbara wäre allein hier in der Kaiserstraße total überfordert gewesen,” meinte er. “Sie ist viel zu langsam. Und auch viel zu ängstlich.”
Kalle zwinkerte Viola zu. "Aber du hättest das auch alleine geschafft, was?”
"Ja, ganz recht, ich hätte es auch alleine geschafft,” antwortete sie. "Ich hab nämlich vor nichts Angst! - Das hast du doch hören wollen, oder? Aber da ich jetzt dich an meiner Seite habe, kann mir ja gar nichts mehr passieren.”
Kalle lachte.
Fredy prüfte noch einmal die Standfestigkeit des Holzgerüstes. Er griff sich den leeren Pappkarton, in dem die Planen aufbewahrt gewesen waren, schob ihn in den Bus und rollte die seitliche Tür zu. "Ich komme zur üblichen Zeit und hole dich ab,” sagte er zu Viola, und mit einem kritischen Blick zum blauen Himmel fügte er hinzu: “Es sei denn, das Wetter hält sich nicht, dann komme ich früher."
Bevor er in den Bus stieg, blieb er noch einmal stehen und fragte Kalle: “Wie gefällt's dir eigentlich bei Josch und Biene?"
Kalle wußte nicht, was er darauf antworten sollte und hob ausweichend die Schultern. Fredy grinste und winkte ab. "Du brauchst mir nichts zu erzählen, ich weiß bescheid. Ein Drei-Sterne-Hotel ist’s nicht gerade, stimmt's?"
"Naja," brummte Kalle, "für den Anfang bin ich froh..."
Fredy nickte. "Aber auf die Dauer! Du siehtst nicht gerade so aus wie die Typen, die er sonst beherbergt. Vielleicht findet sich was anderes. Wenn du willst, werd’ ich mich mal umhören. Und du kennst doch auch genügend Leute, Viola, oder?”
Als Fredy fort war, half Kalle dem Mädchen, die letzten Schmuckstücke aus dem Koffer zu nehmen und auf den Samt zu legen. Einer der Anhänger gefiel ihm besonders gut. Er hielt ihn auf seiner flachen Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. Ihm gefiel es, wie der kleine rote Stein in der Mitte von drei ineinander verschlungenen schmalen Silberbändchen gehalten wurde.
Читать дальше