"Ich möchte mir jetzt einmal deine Wunden ansehen, bevor die Fliegen sich darin verewigen. Lässt du mich?"
Die Stute nickte mit dem Kopf auf und ab, als hätte sie ihre unausgesprochenen Worte nicht nur gehört, sondern auch verstanden.
Sie öffnete ihren Beutel, holte alles was sie zurzeit noch an Heilkräutern und Salben dabei hatte, heraus. Zaghaft begann sie mit dem Säubern der Wunden und salbte sie anschließend ein. In Gedanken suchte sie sich einen passenden Namen für die Stute, doch ihr fiel kein anderer als Tapferes Mädchen ein. Ihr Blick wanderte zu dem Fohlen, das wie tot in der Sonne lag, sich wärmte und schlief. Ihn taufte sie Kleiner Bruder. Die Sonne brannte inzwischen heiß herunter und Malinda beeilte sich mit der Versorgung der Wunden.
Sie musste auf jeden Fall noch heute nach Kräutern suchen, mit dem bisschen Salbe kam sie nicht weit. Die Mengen die sie bei sich trug reichten für einen Menschen, aber nicht lange für einen Pferdeleib.
Nach gut zwei Stunden hatte sie genügend Ringelblumen, Beinwell und Bergwohlverleih zusammen. Anschließend sammelte sie noch Nahrung für sich, sie war inzwischen hungrig geworden. Als sie die kleine Lichtung am Bach erreichte, war auch Tapferes Mädchen gerade mit Nahrungsaufnahme beschäftigt. Kleiner Bruder lag wieder wie erschlagen im Schatten der Bäume. Tapferes Mädchen schaute einen Augenblick zu ihr herüber, ehe sie weiter graste. Malinda verstaute die Kräuter luftig und trocken, jedoch sicher vor etwaigen anderen, unerwünschten Abnehmern. Zum Trocknen würde sie kaum kommen. Sie aß ihr letztes Birkenbrot und hatte das sichere Gefühl, dass sie sich so schnell kein neues würde herstellen können.
Die Tage vergingen wie im Flug, obwohl sie einen Großteil damit verbrachte die Heilkräuter für Tapferes Mädchen und Nahrung für sich zu sammeln. Sie hatte das Gefühl beim Heilen der Wunden zusehen zu können. Wie konnten die Wunden derart schnell heilen? Dass sie Tapferes Mädchen von den Kräutern zu essen gab, reichte nicht um die Heilung derart zu beschleunigen. Sie stand vor einem Rätsel. Die Tatsache, dass Tapferes Mädchen nun ohne ihre Hilfe zurechtkommen würde, half ihr bei der Entscheidung zu gehen. Sie hatte sich lange genug bei den Tieren aufgehalten, es zog sie weiter. Sie umarmte die Pferde am Hals, streichelte sie liebevoll und sagte ihnen in Gedanken Lebewohl. Die Wunden waren noch ein letztes Mal versorgt und gut geheilt. Sie konnte die beiden getrost sich selber überlassen.
"Ich wünsche euch viel Glück. Wenn du mit ihm erst einmal im Wald bleibst, bist du vor den Menschen sicher. Leb wohl Tapferes Mädchen, leb wohl Kleiner Bruder!"
Tränen drückten sie, aber sie würde nicht weinen können, auch wenn ihr danach war. Sie wandte sich unvermittelt ab, um ihr Bündel vom Boden aufzuheben und ging los. Die beiden waren ihr lieb und teuer, waren Freunde geworden, in einer sonst eher einsamen Welt.
Nach wenigen Schritten hörte sie das dumpfe tappen von Pferdehufen auf Waldboden. Erstaunt drehte sie sich um. Bisher war Tapferes Mädchen ihr noch nie gefolgt, wenn sie sich auf die Suche nach den Kräutern gemacht hatte.
„Nein, das geht nicht. Du kannst nicht mit mir gehen. Das würde nur Ärger geben." Sie sah Tapferes Mädchen streng an. " Es geht nicht, wirklich nicht. Sie würden versuchen euch zu stehlen, oder gar behaupten, dass ich euch gestohlen hätte.“ Ach könnte sie doch nur sprechen!
Sie riss die Arme hoch, um sie fortzuscheuchen, doch Tapferes Mädchen ließ sich nicht im Mindesten beeindrucken. Sie zuckte nicht einmal zurück.
„Verflucht,“ schimpfte Malinda wortlos. Im Grunde ihres Herzens war sie jedoch froh und auch ein bisschen stolz, dass die Tiere bei ihr bleiben wollten. So war sie nicht die einzige, die Freundschaft empfand. Halbherzig schüttelte sie noch einmal den Kopf, ehe sie nachgab. „Na gut, dann kommt eben mit. Aber ich sage dir gleich, dass ich nicht einmal weiß wohin mich meine Füße tragen werden.“
Tapferes Mädchen wippte mit ihrem Kopf auf und ab als hätte sie Malinda verstanden.
Nun, Malinda wusste nicht wohin, doch Fionna wusste es dafür umso besser. Und was Malinda noch nicht begriffen hatte, war, dass nicht Fionna diejenige war die folgen würde, sondern umgekehrt, Malinda ihr. Am ersten Tag würde sie Malinda noch das Gefühl lassen, dass ihre Füße die Richtung bestimmten, doch schon am zweiten würde sie die Führung übernehmen.
Malinda war es einerlei, da sie kein festes Ziel vor Augen hatte und eine innere Stimme ihr zu sagen schien, dass die Stute hingegen sehr wohl wusste wohin sie wollte. Sie rasteten die erste Zeit oft, denn Kleiner Bruder musste noch kräftiger werden und brauchte viel Milch.
Tapferes Mädchen graste, während Malinda sich ihre Nahrung suchte.
Zwei Wochen zogen ereignislos ins Land, doch dann waren sie da, die Schwierigkeiten, die sie erwartet hatte.
Am Waldrand, nahe der ersten Siedlung, begegneten ihnen reisende Adlige. Zu spät, um ihnen noch aus dem Weg zu gehen. Sie fügte sich dem was folgen würde.
„He, Bursche!“
Malinda blickte fragend zu dem feisten Mann in samtenen Gewändern hinauf. Sein starkes Roß stampfte auf der Stelle und schnaufte, weil der Mann an den Zügeln zog.
„Ja du. Wem gehören die beiden Pferde?“
Malinda Blickte ihm fest in die Augen, um ihn einschätzen zu können. Sie zeigte auf sich.
„So ein Unsinn?“ Er wandte sich seinem Begleiter zu. „Sir Evert, was meint ihr? Glauben wir das diesem Taugenichts?“
Der angesprochene, ein Mann in den fünfzigern, mit einem übergroßen Schnurrbart, der an beiden Seiten der Wangen herunterhing, schüttelte höhnisch grinsend den Kopf. „Kaum Sir Wilfried!“
Malinda fluchte innerlich. Sie hatte es ja kommen sehen.
Wäre Tapferes Mädchen doch nur im Wald geblieben. Jetzt liefen sie Gefahr, dass die Männer die Pferde einfingen und sie womöglich ebenfalls gefangen gesetzt wurde.
Einmal mehr wünschte sie sich des Sprechens noch fähig zu sein, um diesen Kerlen eine Lüge auftischen zu können, denn die Wahrheit würden sie eh nicht glauben.
Die Adligen Herren tuschelten untereinander. Sir Wilfried winkte nach hinten, seinen Männern zu, während er sein Pferd bedrohlich zwei Schritte vorwärts in ihre Richtung trieb.
Malinda überlegte nicht länger. Jetzt oder nie. Kurzerhand sprang sie auf den Rücken von Tapferes Mädchen. Sie schnalzte mit der Zunge und trieb sie an. Hoffentlich duldete Tapferes Mädchen sie auf ihrem Rücken?!
Die Stute galoppierte sofort an und Kleiner Bruder folgte auf dem Fuß.
Die Ritter waren überrumpelt. Ehe sie sich einig waren ob und wer ihr folgen sollte, war sie bereits im Waldesdickicht verschwunden.
Äste klatschten ihr schmerzhaft ins Gesicht. Gerade so konnte sie einem Baum ausweichen. Sie blickte über ihre Schulter. Hielt Kleiner Bruder den scharfen Spurt mit? Sie brauchte sich keine Gedanken machen, sein kräftiger Körperbau und sein starkes Wesen kamen zum Zuge. Hinter sich hörte sie noch Rufe, doch die Ritter gaben schnell auf. Entweder hatten sie noch etwas Besseres vor, oder sie waren zu faul. Wie auch immer, die Flucht war gelungen.
Dass Tapferes Mädchen sie so anstandslos trug und auf die leisesten Zeichen ansprach? Als spürte sie, dass die Gefahr vorüber war wechselte die Stute in eine langsamere Gangart. Malinda streichelte ihr den Hals und sprang leichtfüßig ab. In Zukunft würde sie außerhalb des Waldes vorsichtiger sein. Sie war weder dumm, noch wollte sie das Schicksal ein weiteres Mal herausfordern. Sie war froh dieses Mal so glücklich davon gekommen zu sein.
Sie wanderten die nächsten Wochen in nördliche Richtung weiter, während sich die Landschaft von Tag zu Tag mehr veränderte, und mit ihr das Wetter.
Читать дальше