Eine junge, zierliche Frau mit einem roten Minikleid, die kurzen Haare hennarot gefärbt und aufreizend zerzaust, lächelte ihnen entgegen, während ihr Blick gekonnt, in Windeseile, die anwesenden Männer abschätzte. Auf Jaromir heftete sich ihr Blick etwas länger, und offensichtlich sehr wohlwollend. Zuletzt musterte sie ihn. Innerhalb kürzester Zeit wusste sie, was sie wissen wollte. Hinter ihr drängte sich ein Paar durch die Tür herein. Den Abschluss bildete ein honigblonder Lockenkopf. Sein Blick wurde wie gebannt in diese Richtung gelenkt und von ihm angezogen. Das Paar und die Rothaarige traten in den Raum, um sich die Plakate an den Wänden anzusehen.
Schließlich konnte er Honiglocke in voller Größe sehen. Das Herz hämmerte plötzlich wie wild in seiner Brust. Seine Muskeln spannten sich wie vor einem Sprung. Im Bruchteil eines Augenblicks brach ihm der Schweiß aus und wo war nur die Luft die er zum Atmen brauchte? Aus ihrem braungebrannten Gesicht blickten ihm zwei dunkle, braune Augen entgegen. Sie hielt seinem Blick stand. Er fühlte das Blut in sein Gesicht schießen, konnte sie seine Gedanken lesen, wenn er ihr weiter erlaubte in seine Augen zu blicken? Ahnte sie, dass er sie am liebsten in die Arme gerissen hätte, um sie zu küssen, bis ihr Hören und Sehen verging? Sie zu lieben, wie er noch nie eine Frau geliebt hatte? Noch niemals hatte er solch heftige Gefühle und Erregung für eine Frau empfunden und das schon gar nicht innerhalb von wenigen Augenblicken. Was war nur los mit ihm? Beschämt schaute er unvermittelt in eine andere Richtung.
Sie wollte seinem Blick standhalten. Es fiel ihr so schwer, doch sie konnte sich an ihm nicht satt sehen. Diese Augen! So dunkel, so unergründlich! Er forderte! Er gab! Sie spürte wie sein Blick ihren Körper streichelte, spürte tief in sich sein Verlangen nach ihr. Sein männlicher Körpergeruch breitete sich aus wie ein starkes Duftwasser. Unvermittelt schaute er zur Seite, fast wie beschämt, als hätte sie seine Gedanken nur all zu sehr erahnt. Sie fühlte sich betrogen. Verzagt blickte auch sie in eine andere Richtung, trat an einen der Aushänge an der Wand. Sie musste sich noch einmal nach ihm umsehen. Schneidend bohrte sich die Enttäuschung in ihren Magen. Er war bereits auf dem Weg in den angrenzenden Raum. Hatte sie sich das ganze nur eingebildet? Es waren nur wenige Augenblicke gewesen, aber diese waren dafür um so tiefgreifender als wenn sie sich Stundenlang unterhalten hätten. Warum sprach er sie nicht an? Er sah doch mutig genug aus.
Und warum hatte sie nicht Veras Mut? Warum sprach sie ihn nicht an, wo der Funke doch so offensichtlich zwischen ihnen hin und her sprang? Was war schon dabei? als wollte ihre Freundin sie verspotten, klangen Runa, Veras Worte im Ohr.
„Hey, ich bin Vera!“ sagte diese gerade mit verheißungsvoller Stimme.
Sie ließ wirklich nichts anbrennen. Verstohlen blickte Runa hinüber, wen Vera da angesprochen hatte.
Der slawisch aussehende Mann lächelte Vera breit an, während er ihr antwortete und seine russische Betonung spielen ließ. „Jaromir, Hallo.“
Vera legte die Hand auf seinen nackten Unterarm, verwickelte ihn in ein Gespräch und Runa bemerkte, dass sie sehr darauf achtete, dass die körperliche Nähe nicht abbrach.
Runa wandte sich jäh ab, versuchte sich in die Schrift der Tafeln zu versenken.
Wo war er wohl hin gegangen?
„Das Einhorn! Wappentier Schottlands und Sagengestalt.“ Sie folgte dem Wortlaut bis zu einem Spruch:
„Behütet seid, hört ihr es singen.
Geheilt, so ihr es seht.
Geliebt seid, wenn es euch berührt“
Schottische Weisheit Verfasser unbekannt.
Was für ein seltsamer Spruch dachte sie benommen, während er leise eine Saite in ihr zum Schwingen brachte, von der sie bisher noch nie etwas vernommen hatte. Die gesamte Wand war mit Legenden, Berichten und Geschichten über das Einhorn geschmückt! Sie spürte ihren erwachenden Wissensdurst aufkommen und las weiter. Legenden berichteten von besonderen Taten, angebliche Wunderkraft oder von besonderen Einhörnern. Sie las jeden Satz, verschlang jeden Wortlaut. Sie war so gefangen und gefesselt, dass sie erst nach einer Weile merkte, wie die Einhörner den Einen in den Hintergrund geschoben hatten. Sein ganz eigener Duft, den er im Raum zurückgelassen hatte, ließ ihn allerdings mit einem Mal umso deutlicher wieder in ihr Bewusstsein treten.
Sie hatte zwar nebenbei wahrgenommen, dass die anderen den Raum verlassen hatten, trotzdem war sie jetzt ein wenig erstaunt, sich lediglich mit einem jungen Mann wieder zu finden, den sie unschwer als Bruder des Einen erkannte. Er stand unmittelbar neben ihr und lächelte etwas schüchtern, während er sich vorstellte.
„Hallo. Ich bin Falko,“ er streckte ihr seine rechte Hand hin.
Runa lächelte. Sie sollte nicht unhöflich sein, all ihre Sinne jagten zwar hinter seinem Bruder her, dennoch: „Runa, hallo,“ sie reichte ihm ihre Hand allerdings eher flüchtig.
Er nickte. „Ein sehr alter Name, oder?“
Während sie ebenfalls nickte, antwortete sie „Heißt Zauber, oder Geheimnis.“
„Passt zu dir,“ er lächelte breit, wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte.
Runa bewegte sich langsam, ohne sich unhöflich abzuwenden, hinter den anderen her.
Wie eine zweite Ausgabe des älteren, schoss es ihr durch den Kopf. Falko fehlte indes etwas, das sie bei dem anderen so sehr in den Bann zog. Falko war ein netter Bruder.
„Was treibt Euch in diese Ausstellung?“ Bewusst sagte sie euch und nicht dich.
„Ursprünglich mein Bruder Lando. Er hat einen Schottentick, und ist völlig vernagelt diese beiden Leichen zu sehen.“
Runa schaute kurz zu ihm auf. Anscheinend wusste er gar nicht, wie sehr er seinen Bruder verehrte. Allein die Art wie er mein Bruder aussprach, sagte mehr als tausend Beteuerungen. Runa lächelte wider Willen. Die Moorleichen! So teilte sie wenigstens eines mit Lando. Sie wandte sich wieder zu Falko um.
„Aber Eure Namen sind auch alt?"
Er neigte den Kopf leicht. „Falko, der Falke, kommt aus dem Althochdeutschen, Lando ebenfalls.“
Runa sah ihn neugierig an, „Lando?“
Er nickte, „Lando, ursprünglich Landolt, abgeleitet von Land und Herrschen.“
Runa nickte befriedigt. Leise sagte sie, „das passt zu ihm.“
Falko schenkte ihr einen verstehenden Blick, „ja, das passt,“ sagte er leicht säuerlich. „Aber, dass Du das so schnell erkannt hast?“ Er betrachtete Runa verstohlen von der Seite. Er war ja kein Holzklotz, ihm war mit einem Mal sehr wohl klar wer Runas Neugier weckte, und leider war er es nicht, sondern sein Bruder. Doch auch Lando hatte ihr ganz anders in die Augen gesehen, als je einer anderen bisher, das hatte Falko ebenfalls gesehen. Nun, einen Versuch war es wert gewesen.
Aus seinem Gedankengang heraus, fragte er sie unvermittelt. „Was soll ich dir über ihn erzählen?“
Runa blickte ihn aus großen Augen, fragend an?
„Lando, meine ich!“
Sie kniff die Lippen zusammen. „Natürlich, Lando!“ Sie blickte zu ihm auf.
Wie klein und zierlich sie wirkte! „Tut mir leid wenn ich mit der Tür ins Haus falle.“ Er sah sie entschuldigend an, war er zu schnell zu weit gegangen?
Sie nickte, ihr befangener Gesichtsausdruck verunsicherte ihn, hatte er sich getäuscht?
Runa lächelte ihn plötzlich an und sagte: „Könnte mir vorstellen, dass ihr in dieser Gruppierung des öfteren die Damenwelt auf den Kopf stellt!“
„Mag sein,“ lächelte Falko, er war geschmeichelt, „aber bisher war Lando noch keine gut genug.“
Sie schaute erstaunt zu ihm auf. „Du glaubst, dass es dieses Mal anders ist?“
Er lächelte noch breiter und nickte wortlos.
Unerwartet lachte sie. Er fiel befreit ein. Gut, dass er so ehrlich gewesen war, nun stand keine Spannung mehr zwischen ihnen. Er mochte sie, und sie mochte ihn, und ganz besonders mochte sie seinen Bruder, er hatte sich nicht getäuscht. „Wollen wir weiter?“, er zeigte einladend mit der offenen Handfläche in Richtung der anderen.
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