In den Morgenstunden war es feuchtkühl und ein feiner Nebelschleier, der sich erst zum Mittag hob, lag auf dem taunassen Gras. Sanfte Hügel erlaubten ihr auch noch in weiter Ferne die Übersicht über das Land. Sie hatte das seltsame Gefühl, dass die Farben der Gräser und Blumen, das dunkle grünblau der Seen und das leuchtende hellblau des Himmels stärker, ja, klarer wirkten und sie fragte sich ernsthaft, ob weiter südlich nicht tagtäglich ein Nebeldunst über dem Land hing, der einem die klare Sicht raubte. Sie fühlte sich seltsam befreit in dieser klaren Luft.
Ab und an ritt sie. Tapferes Mädchen hatte offenkundig nichts dagegen. Sie kamen gut voran. Nur selten begegneten sie Menschen, da sie versuchte sich eher abseits der großen Siedlungen zu halten. Obwohl sie sich inzwischen gerne mal an einem warmen Kamin niedergelassen hätte. Als Belohnung für eine geleistete Arbeit war dies nicht unüblich, aber sie hatte zu große Angst, dass man ihr die Pferde abnahm. Manches Mal fragte sie sich wohin Tapferes Mädchen sie führte? Die Stute schien ihres Weges sicher zu sein und je weiter sie nach Norden kamen, umso mehr zog sie die Geschwindigkeit an. Des Nachts schliefen sie dicht aneinander gedrängt. Sogar Tapferes Mädchen legte sich dazu, was Malinda recht sonderbar fand. Die meisten Pferde zogen das schlafen im stehen vor. Denn im Liegen hatten sie keine Übersicht.
Fionna belächelte liebevoll die Gedanken der jungen Frau. Wie sollte diese auch wissen, dass sie sich dazu legte, damit Malinda nicht fror und damit ihr die Nähe eines anderen Wesens Frieden und Vertrauen geben würde, was Malinda sich mehr als alles andere im Leben wünschte.
In einem gastfreundlichen Dorf rasteten sie für einige Tage. Die Bewohner begegneten ihnen großzügig und offenherzig. Voll bepackt an Mundvorrat für Malinda reisten sie weiter.
In dieser ganzen Zeit wuchsen sie drei fest zusammen. Wie würde es sein, wenn Tapferes Mädchen und Kleiner Bruder sie eines Tages verließen? Sie mochte nicht daran denken.
Sie verstanden sich auch ohne Worte. Malinda brauchte nur zu denken und Tapferes Mädchen führte es aus. Kein Mensch bisher hatte sich derart auf sie einstellen können oder wollen!
Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung und konnte kaum fassen, dass diese schon so viele Wochen zurücklag. Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Die Blätter begannen sich neu einzukleiden, zeigten sich eitel in den verschiedensten Braun - Rot und Gelbtönen. Das Land schien ihr zunehmend vertrauter, obwohl sie noch niemals in ihrem Leben hier gewesen war.
Der Nebel, welcher unerwartet von einem Augenblick zum nächsten auftauchen konnte und ebenso wieder verschwand, gab der Landschaft ein geheimnisvolles Wesen. Bisher glaubte sie nicht an die Geschichten, welche die Alten den Kindern erzählten, hier kamen ihr jedoch Zweifel. Es erschien ihr keineswegs abwegig irgendwelchen Elfen zu begegnen, oder vor Kobolden fliehen zu müssen, die sich ihren Schabernack mit ihr erlaubten. Auch blieb sie an Seen lieber vorsichtig, denn einem Kelpie wollte sie auf keinen Fall begegnen.
Und so manches Mal, wenn die Erinnerung an die vergangenen Erlebnisse zu stark war und sie kummervoll in die Weite blickte, glaubte sie ein Einhorn zu erkennen, dass aus der Ferne zu ihr herüberschaute. Jedes Mal fühlte sie sich durch das bloße ansehen dieses Wesens gestärkt und getröstet. Dieses Land, auf dem sie nun weilte, war wirklich seltsam verzaubernd, so verzaubernd, dass sie sich sogar einbildete Einhörner zu sehen.
Fionna hatte Lughna bemerkt und sie wusste auch, dass er sich bereit erklärt hatte Malinda zu behüten und für ihr Wohlergehen zu sorgen. In Gedanken rief sie ihrem Verwandten einen Gruß zu, seine Anwesenheit gab auch ihr ein Gefühl der Kraft und Sicherheit. Und sie wäre gern in seiner Begleitung nach Hause gelaufen, aber dafür war Malinda noch nicht reif. Sie würde noch eine Weile brauchen, bevor sie ein echtes Heim finden würde.
Seit dem verlassen des freundlichen Dorfes, waren sie keinem Menschen mehr begegnet. Um so erstaunter war Malinda als die nächsten Menschen, denen sie begegnete keine Sachsen oder Angeln mehr waren, sondern Scoten. Sie hatte die unsichtbare Grenze anscheinend vor einer Weile überschritten ohne es zu merken. Oder hatte sie es doch gemerkt, da ihr inzwischen alles so verwunschen vorkam?
Die beiden Paare und zwei Männer waren zu Fuß unterwegs und offensichtlich ebenso erstaunt über ihr Auftauchen wie sie. Sie unterhielten sich leise, doch selbst wenn sie laut geschrieen hätten, wäre Malinda nicht eines der Wörter vertraut gewesen. Die Frauen hielten sich abseits, beäugten sie misstrauisch. Unter ihrer Landestracht, dem großen Tuch, lugten bei allen die nackten Füße hervor. Malinda beneidete die langen und mit schönen Zöpfen verzierten Haare der Frauen. Sie konnte nicht erkennen welchem Clan sie angehörten, auch nicht an der Farbe, welche die Männer trugen. Sie konnte auch nicht erkennen ob sie der unteren, mittleren, oder oberen Schicht angehörten. Sie hatte damals lediglich von ihrem Großvater gelernt, dass die großen Tücher Landstrichbedingt gefärbt waren und sich die verschiedenen Clans an den Farben erkannten und dass nur die Lairds sieben Farben tragen durften, andere drei und die untersten nur eine einzige.
Und hüte dich vor dem Scoten, der seinen Sgian dhub in der Innenseite des linken Strumpfes trägt, denn dann ist er auf dem Kriegspfad! erinnerte sie sich an die dunkle Stimme ihres Großvaters. Wehmütig sah sie sein braungebranntes, von den vielen kleinen Falten überzogenes Gesicht, vor ihrem inneren Auge auftauchen. Sie schüttelte die Erinnerungen ab, sie waren zu schmerzlich.
Sie brauchte keine Angst haben, die Männer trugen die Dolche an der Außenseite des rechten Strumpfes und Malinda hatte nicht vor sich mit ihnen anzulegen. Sie hatte von ihrer Kampfbereitschaft und Rücksichtslosigkeit dem eigenen Leib und erst Recht dem des Feindes gegenüber gehört.
War es hier üblich, dass ein Knabe mit solchen Pferden durch die Lande zog, fragte sie sich? Sicher nicht. Sie war trotzdem auf der Hut.
Als einer der Männer auf die beiden Pferde zeigte und sie dabei grimmig anblickte, kam Leben in sie. Ein weiteres Mal sprang sie auf den Rücken von Tapferes Mädchen, um mit ihr davon zu stürmen. Sie wagte nur einen einzigen Blick zurück, um sicherzugehen, dass ihnen Kleiner Bruder auch folgte. Die Leute hatten sich nicht von der Stelle gerührt, doch sie schauten ihr aufdringlich hinterher.
Nach einigen Tagen erreichten sie ein kleines Haus aus grauem Stein, welches sicherlich schon einmal bessere Tage erlebt hatte. Es ragte aus dem saftigen Grün der Wiese empor wie ein Sattel aus Schilf und Stroh über den man Seile gespannt hatte, die an den Enden mit Steinen beschwert waren. Gab es Bewohner? Sie kam zum Stehen und sah sich um.
Nach einer Weile trat ein Mann um die sechzig heraus, dem eine Frau gleichen Alters folgte. Er war hoch gewachsen und obwohl ihn das harte Leben gezeichnet hatte, wirkte er lebensfroh und gesund. Seine graubraunen Haare trug er zu einem dicken Zopf geflochten, ein eher spärlicher Vollbart zierte sein Kinn und die Wangen. Trotz des vielen Stoffes seines großen Tuches, dessen Ende er gekonnt, als täte er es immer so, über den Arm gewickelt hatte, konnte sie einen noch sehr muskulösen Körper erkennen.
Seine Frau war bestimmt gut einen halben Kopf größer als Malinda. Auch sie wirkte gesund, blickte sie aus dunkelgrauen, klaren Augen an. Ihr Körper war vermutlich nicht mehr ganz so gerade, wie er es noch mit zwanzig gewesen war, doch sie strahlte erhabenen Stolz aus. Ihre ebenfalls teils ergrauten, ehemals dunkelbraunen Haare, trug auch sie zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr lang über den Rücken hing. Ihre Stirn wurde von einem Stirnband geziert.
Die beiden, offensichtlich ebenso misstrauisch wie sie, denn der Mann trug sein Messer weder im rechten noch im linken Strumpf, sondern in der Faust, die er fest darum spannte, grüßten freundlich, anders, als die Leute, denen sie vor wenigen Tagen begegnet war. Die beiden sprachen sie verhalten an.
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