»Sie wissen ja, wo ich wohne, Herr Kommissar. Ach, die arme Frau Lindner. Man ist seines Lebens nicht mehr sicher. Wer tut so was?«
Er wusste es nicht. Er wusste es seit drei Jahren nicht.
Wolz hatte sein Gespräch beendet und sah ihn fragend an. Die beiden Träger gingen mit dem Sarg vorbei. Dahinter kamen Clarissa Heldt mit dem Wohnungsschlüssel und die Beamtin von der Spurensicherung.
»Zehn Minuten?«, fragte sie und stellte ihren Koffer in die Ecke. Akkermann bekam noch ein Lächeln mit gespitzten Lippen geschenkt, dann ging sie hinaus.
Clarissa stellte sich neben ihn und schaute zu, wie sich Frau Pezic die Treppe hinauf quälte. »Jana hat gesagt, dass die Tote –«
»Regina Lindner.«
»Ja, Regina Lindner, dass sie –«
Er hörte nicht zu. Die Tote! Wirklich tot war sie erst, wenn er ihren Mörder gefunden hatte. Dann konnte auch er sie begraben. Er spürte, dass Clarissa auf eine Antwort wartete. »Gehen wir in die Wohnung«, sagte er.
Die Tür war nicht abgeschlossen. Im Flur brannte Licht. Der helle Laminatboden federte unter seinen Schritten. Gegenüber der Badezimmertür lag ein zusammengeknülltes Handtuch. Akkermann beugte sich hinunter. Es war nass.
»Die Spurensicherung soll nach Shampooresten in den Haaren schauen.«
Er ging ins Bad und zog den Duschvorhang zur Seite. »Sie kam durchnässt nach Hause und hat erst einmal geduscht.«
»Das Kleid hängt überm Stuhl«, ergänzte Clarissa Heldt.
Akkermann folgte ihr in die Küche. »Lange war sie nicht in der Wohnung. Wenn es stimmt, dass sie kurz vor elf zu Hause war, geduscht und sich umgezogen hat, hat Frau Minek mit ihren 10 Stunden gut geschätzt.« Vorsichtig ging er zurück auf den Flur. »Was würden Sie mit einem nassen Kleid machen?«
»Zum Trocknen aufhängen.«
»Wo?«
»In der Dusche.«
»Nicht in der Waschküche?«
»Nein.«
Er ging den Flur entlang ins Wohnzimmer. Die Einrichtung war nicht weiter aufregend. Das Sofa mit den riesigen Kissen, der kleine Tisch auf dem passgenauen Teppich, das Buche-Sideboard mit Fernseher und kompakter Stereoanlage, alles hätte genau so unter »Junges Wohnen« in einem Möbelhaus stehen können. Keine Bücher, außer einem Reiseführer über Gomera und einem Fingerfood-Kochbuch. An der Wand hing ein geschwungenes Regal mit einigen CDs. Den Rest des Zimmers beanspruchte ein mächtiger Papyrus.
Das Schlafzimmer bestand aus einem niedrigen japanischen Bett, auf dem ein großer Plüschpanda saß. Einer von der Sorte, die man auf dem Volksfest gewinnen konnte. Er starrte auf einen breiten Schrank mit fünf Lamellentüren. Regina Lindner hatte ihr Geld hauptsächlich in Mode angelegt.
»Irgendwie wirkt alles unpersönlich«, sagte er.
»Kommt auf die Persönlichkeit an.«
»Würden Sie so wohnen wollen?«
Sie lächelte. »Wie schätzen Sie mich eigentlich ein?«
»Die Spurensicherung soll sich den Klingelknopf vornehmen. Ich will wissen, wer sie als Letzter sehen wollte.«
»Jedenfalls hat sie es eilig gehabt. Sonst hätte sie erst das Kleid aufgehängt und das Handtuch ins Bad gebracht.«
Akkermann starrte auf das Frotteetuch. »Oder sie dachte, dass sie nicht lange wegbleiben würde.«
Es dauerte einige Sekunden, bis Karin Straub begriff, was Hilde Karger ihr erzählt hatte.
»Frau Lindner ist tot? Ermordet? In unserer Waschküche?«
Hilde Karger ließ ihr keine Zeit zum Überlegen. »Mit einer Drahtschlinge«, fuhr sie fort. »Sie soll ganz fürchterlich aussehen. Die Frau Pezic hat sie gefunden.«
»Ich habe den Krankenwagen gesehen und ich dachte, dass vielleicht was mit Herrn Kaluza wäre.«
»Mit drei Streifenwagen sind sie da. Und die Lindner ist schon weg.«
»Wie weg?«
»Im Sarg haben Sie sie rausgetragen. Wie im Fernsehen. In so einem Metallsarg. Da haben vorher bestimmt schon andere dringelegen. Na, der wird ja wohl anständig gereinigt.«
»Wann ist sie denn –?"
»Umgebracht worden? Die Strehlow hat gehört, dass sie heute Nacht –.« Gedankenversunken massierte sie ihren Hals. »Kann auch nicht anders sein. Gestern hat sie noch verkauft. Und ich hab sie auch noch gesehen. Hab gesagt, Frau Lindner, da sind sie auch froh, dass bald Feierabend ist. Sie wollte ins Kino. Das hab ich auch der jungen Frau von der Polizei gesagt. Weil sie gefragt hatte.«
»Mein Gott!«
»Da ist doch die Stelle zwischen Kaluza und Pezic, wo eigentlich Strehlows Maschine steht, die ist doch zur Reparatur, und jetzt sag ich Ihnen was.« Sie hielt kurz den Atem an. »Da lag sie.«
Karin Straub umklammerte den Türrahmen. »Ich war doch noch unten.«
»Na, ich doch auch. Und hab die Wäsche rausgeholt. Und zum Glück. Weil den Regen hatten sie nicht angesagt. Aber ich hab mir gleich so was gedacht. Das konnte nicht ewig so trocken bleiben.«
»Ich war vor einer Stunde noch unten. Ich hab im Keller gefegt!«
»Da hätten Sie sie finden müssen. Da haben Sie Glück gehabt, dass Sie die Waschküche nicht gewischt haben.«
Karin Straub wickelte hektisch eine Haarsträhne um ihre Finger. »Ja, furchtbar, Frau Karger, wirklich furchtbar. Ich muss wieder.« Sie schloss die Tür und drehte den Schlüssel zweimal herum.
Martin Straub strich gerade Marmelade auf eine Brötchenhälfte. Sie stellte das Radio aus und setzte sich an den Frühstückstisch. »Du kannst meine untere Hälfte haben.«
»Er tippte mit dem Messer gegen eine leere Plastikschale. »Die Salami kannst du mal wieder kaufen. Die ist gut.«
»Und wenn ich dir jetzt sage, dass die fertig abgepackt war?«
»Ich mag das sowieso nicht, wenn die Wurst von jedem angefasst wird.« Er biss in die Brötchenhälfte. Die Kruste splitterte auf den Tisch.
»Die Lindner ist tot. Ermordet.«
Straub zog das Brötchen wieder aus seinem Mund heraus. Er biss mehrmals in die Luft, dann legte er es auf den Teller.
»Was hast du denn, schmeckt es dir nicht?«
»Ermordet?«
»Unten in der Waschküche. Mit einer Drahtschlinge.«
»Und das sagst du so einfach?«
»Wie soll ich’s denn sonst sagen? Ich sage nur, was Frau Karger gesagt hat.«
»Frau Karger?«
»Die hätte sie nämlich beinahe gefunden. Nachdem ich sie beinahe gefunden hätte. Es war aber die Pezic.« Karin Straub hob den Zeigefinger. »Kehrwochenkontrolle!«
Straub legte das Brötchen auf den Teller. »Ich verstehe nicht ganz. Die Pezic hat Frau Lindner tot in der Waschküche gefunden?«
Sie stand auf, nahm seinen Teller und stellte ihn auf Spülmaschine. »Was regst du dich so auf? Ich schließlich lebe noch. Man muss sich das alles nur einmal vorstellen. In unserem Keller. Und eigentlich könnte es jeder im Haus gewesen sein.«
»Die Polizei verdächtigt jeden?«
»Ich war es nicht, die Karger auch nicht und du wirst gestern Abend auch nicht in der Waschküche auf sie gewartet haben.«
»Wie kommst du darauf?«
»Du warst doch im Keller.« Sie wickelte das angebissene Brötchen in eine Frischhaltefolie. »Zeit genug hast du gehabt. Wie lange braucht man, um jemanden mit einer Drahtschlinge zu erdrosseln? Du warst lange im Keller. Wie lange? Die Polizei wird dich das fragen.«
»Jetzt hör aber auf!« Er ging zum Fenster. Im Hof knieten ein Polizist und eine Frau in einem weißen Overall. Im dritten Stock des gegenüberliegenden Hauses wurde ein Fenster geöffnet. Ein Mann in einem Unterhemd glotzte mit einer Zigarette im Mund zu ihm rüber.
»Ich war nicht lange im Keller.« Was sollte er der Polizei sagen? Dass er heimlich ein Bier getrunken hatte? Und das nicht zum ersten Mal? Der Mann von Gegenüber interessierte sich jetzt mehr für die Polizisten im Hof als für ihn. Straub steckte die Hände in die Hosentaschen. Seine Finger spielten mit dem Kronkorken. Angeblich hatte Grünner die Typen doch verjagt. Er hatte es von Anfang an nicht geglaubt. Sie wollte, dass er sich mies fühlte. Sie kannte die Typen. So eine kennt solche Typen. Von wegen Grünner. Sie ist mit denen mitgefahren. Und dann gab es Streit. Eifersucht. Das kommt vor. Vielleicht war auch der mit dem bunten Hemd in ihrer Wohnung gewesen. Sie hatte es ja besonders eilig gehabt, ihn abzuwimmeln. Natürlich durfte er der Polizei nichts erzählen. Jetzt müsste er nur noch den Kronkorken loswerden. Er würde ihn draußen in irgendeinem Papierkorb verschwinden lassen. Bei der Bushaltestelle war einer. Das wäre kein Problem, er müsste nur aufpassen, wer da rumsteht. Am besten keiner. Auf den Spruch »Nur für SSB-Gäste«, von selbst ernannten Hilfssheriffs im Rentenalter, konnte er verzichten. Er drückte die Zacken des Kronkorkens gegen seinen Oberschenkel. Er müsste nur daran denken. Schon einmal war er tagelang damit in der Tasche herumgelaufen und hatte es erst gemerkt, als er einen Euro aus dem Einkaufswagen in die Hose steckte. Das Geklimper konnte man kilometerweit hören. Es war ein Wunder, dass Karin nichts mitbekommen hatte.
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