Die Kellertür war nur angelehnt. Ein dünner Lichtschein drang durch den schmalen Spalt. Er riss die Tür auf und lauschte. Ein feuchtwarmer Luftzug strich über sein Gesicht. Er schaltete die Leuchtstoffröhre über der Treppe an, schloss die Tür hinter sich und stieg hinunter. In der Waschküche links von ihm brannte Licht. Er ging nach rechts. Die Kellerabteile waren mit Lattentüren versperrt. Die meisten Mieter hatten sie mit Stoffvorhängen verkleidet, er hatte alte Pappen draufgenagelt. Eilig schloss er auf. Der Kasten mit dem Weißbier war nur noch halbvoll. Er zog eine Flasche heraus und schlug mit der flachen Hand den Kronkorken an der Kante eines Regalbodens ab. Der Verschluss fiel scheppernd auf den Gang. Er setzte die Flasche an den Mund und trank gierig. Nach drei großen Schlucken gab er auf. Er fürchtete, sein Bauch würde platzen. Instinktiv riss er den Mund auf. Eine unermessliche Luftblase drückte sich seine Gedärme hinauf. Hemmungslos rülpste er.
In der Flasche war fast nur noch Schaum. Er tauschte die leere Bierflasche im Träger gegen sechs volle Sprudelflaschen aus. Das Bücken fiel ihm schwer. Der Bauch war stark gebläht und immer wieder musste er heftig aufstoßen. Er schaute in den Gang. Niemand war da. In der Waschküche brannte noch das Licht. Er ging hinaus. Durch ein rostiges Rohr rauschte Abwasser in die Tiefe. Als er an der Kellertreppe vorbeikam, bemerkte er, dass die Treppenhausbeleuchtung aus war. Er war schon zu lange unten.
Vor der Waschküche blieb er stehen. An den Leinen hingen einige T-Shirts und mit Spitzen besetzte Synthetikslips. Durch das weit geöffnete Fenster war Regenwasser die Wand hinuntergelaufen. Ein dünnes Rinnsal verödete vor einer schmalen, weißen Sandale. Er griff um die Ecke und schaltete das Licht aus. Rasch ging er zurück und trank das Bier aus. Er nahm den Flaschenträger und verschloss die Tür.
Kurz vor der Treppe fiel ihm der Kronkorken ein. Vor der Kellertür lag er nicht. Er war sich aber sicher, dass er nach draußen gesprungen war. Er ging noch mal hinein, schaute unter dem Regal nach und schob zwei Umzugskartons beiseite. Nichts. Morgen würde er noch einmal suchen. Karin wollte zu den Verkehrsbetrieben. Er würde sie schon dazu bringen, auch hinzufahren. Er schloss die Tür ab. Er war schon zu lange hier unten, viel zu lange. Sicher lag sie schon im Bett.
Dann sah er den Kronkorken. Unterhalb der Treppe. Straub maß den Raum zwischen der Kellertür und der ersten Stufe. Um die Ecke konnte er nicht geflogen sein. Er musste ihn dort mit dem Fuß hingekickt haben.
Durch die offenen Fenster in der Waschküche kam ein feuchtwarmer Luftzug. Für einen Moment roch es nach einem Hauch von Maiglöckchen.
Auf dem Schreibtisch lagen drei Fotos. Hauptkommissar Akkermann drückte die Ellenbogen in die Schreibtischunterlage und legte das Kinn auf die Fäuste. Hin und wieder richtete er sich auf und brachte sie in eine neue Reihenfolge. Die Frauen schauten alle ähnlich. Ein wenig überrascht, bevor die nackte Angst sie für den Rest ihres Lebens packte.
Er hatte den Ordner lange nicht mehr herausgeholt. Drei unaufgeklärte Frauenmorde, die niemanden mehr interessierten. Er kannte die Akten auswendig. Der erste Mord geschah vor vier Jahren. Es war sein erster Fall hier. Er hatte sich gerade nach Stuttgart versetzen lassen. Gaby konnte nicht in Bremen leben und er nicht hier. Aber das wusste er erst später, als sie ihm sagte, dass sie ihre Mitgliedschaft im Förderverein der Wilhelma nie aufgegeben hatte.
Er hatte den Ordner gerade wieder in der Schublade verstaut, als Clarissa Heldt den Kopf ins Zimmer steckte. Mit ausgestreckten Händen stützte sie sich gegen den Türrahmen: »Eine junge Frau, 22 Jahre, erdrosselt.«
»Mit einer Drahtschlinge?« Akkermann erhob sich langsam und ging zum Fenster. Graue Wolken jagten am Himmel entlang. Viel Zeit hatte er nicht mehr. Er war jetzt 58 Jahre alt. Drei davon hatte er verbraucht, um den Mörder zu fassen.
Er fuhr mit den Handflächen über die lang gestreckten Wangen und verharrte mit den Händen unter dem Kinn, wie zum Gebet.
»Wo?«
»Wallmerstraße. Das ist in Untertürkheim. Eine Mieterin hat sie im Keller eines Mehrfamilienhauses gefunden. Zwischen zwei Waschmaschinen.« Sie tippte auf ihre Armbanduhr. »Gächter ist schon da.«
»Der hat doch Urlaub.«
»Ist aber morgen erst überm Atlantik.«
Er kratzte mit dem Handrücken über die ergrauten Bartstoppeln. »In einem Keller?«
Clarissa Heldt schaute ihn schweigend an. Sie trug Jeans, ein schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt und eine schwarze Lederjacke. Die gelockten, braunen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Akkermann stellte überrascht fest, dass sie lächelte, während sie mit den Fingern leise gegen den Türrahmen trommelte. Ungelenk stopfte er sein Hemd in die Hose und rückte den Schlips zurecht. Er zog die Anzugjacke von seinem Stuhl ab und schaute noch einmal auf die Fotos, die nebeneinander auf dem Schreibtisch lagen. »Die Vierte also.« Er sah zu Clarissa Heldt. Sie lächelte nicht mehr.
Sie gingen nebeneinander den Flur hinunter. Akkermann überragte seine junge Kollegin um fast zwei Köpfe.
»Glauben Sie, dass es derselbe war?«, fragte sie.
»Gächter wird es uns erzählen«, sagte er.
Sie drückte die Schwingtür auf, die zur Treppe führte, und sprang die Stufen hinunter. Akkermann folgte ihr mit kleinen Schritten. Sie würden früh genug da sein.
Zielstrebig ging Clarissa Heldt auf einen dunkelblauen VW-Passat zu und setzte sich hinter das Steuer. Akkermann hatte sich noch nicht angeschnallt, als sie bereits losfuhr. Sie lenkte den Wagen mit einer Hand hinter einen Kleintransporter, ließ das Fenster herunter und setzte das Magnetblaulicht aufs Dach.
Die wenigen Autos machten ihnen schnell Platz, als sie in die Stadt hinunter fuhren. Der schmutzig graue Himmel lag wie ein bleierner Deckel auf den umliegenden Weinbergen. Es hätte keine Hand mehr dazwischen gepasst.
Nachdem sie den Neckar überquert hatten, fuhren sie durch einige Straßen, die Akkermann nicht kannte. Die Häuser waren von einer schmierigen Rußschicht bedeckt und hatten vergilbte Gardinen. Große Satellitenschüsseln hingen vor den Fenstern und versperrten die Aussicht auf die parkenden Autos.
Auf der Höhe des Güterbahnhofs bogen sie von der Mercedesstraße in die Benzstraße ab, und rasten am Gottlieb-Daimler-Stadion vorbei. Den Rest der Strecke fuhren sie entlang der Motorenwerke. Ein heruntergekommenes rotes Arbeiterhaus, das wie ein fauler Zahn aus den gepflegten Fabrikhallen ragte, markierte den Ortsanfang. Links hinter den Bahngleisen verloren sich rußige Mietshäuser im obszönen Grün der Weinberge. Akkermann schaute den Rotenberg hinauf zur Grabkapelle. Die Toten wachen über die Lebenden, dachte er.
Sie fuhren die steil ansteigende Oberstdorfer Straße hinauf und bogen nach rechts in die Wallmerstraße ab. Vor einem schmucklosen Altbau mit nachträglich angebrachten Außenjalousien standen zwei Polizeiwagen mit Blaulicht, dahinter ein Krankenwagen. Sie parkten den Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite und stiegen über die Absperrung. Ein junger Polizist, der angestrengt den Verkehr regelte, grüßte knapp.
Das erste, was Akkermann auffiel, war der stechende Putzmittelgeruch.
»Samstag!«, sagte Clarissa Heldt, und weil er nicht reagierte, fügte sie hinzu: »Kehrwoche!«
Akkermann nickte. Der grau gesprenkelte Steinfußboden war an den Rändern noch feucht. An der Wand neben den beiden Wohnungstüren krümmten sich dünne Fußmatten.
Es gab zwei gegenüberliegende Wohnungen im Parterre. Links neben der Treppe ging es hinter einer weißen Brettertür in den Keller. Die Treppe, die in die oberen Etagen führte, war aus Holz. Ein wackeliges Geländer sollte das Hinaufkommen unterstützen. Auch hier war alles gründlich gereinigt worden. Die ausgetretenen Stufen waren dort, wo sie kein Lack mehr schützte, schwarz vom Putzwasser. Das ganz Parterre wurde von einem ein Meter fünfzig hohen, dunkelgrün gefliesten Sockel umrahmt. Die Haustür war aus massivem Holz. Über der Tür befand sich ein kleines Fenster. Es war geschlossen und anscheinend lange nicht mehr geöffnet worden. Jedenfalls gab es keine Vorrichtung dafür.
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