Karin rief ihn. Die Türglocke hatte er völlig überhört.
Der Mann stellte sich als Polizeiobermeister Wolz vor. Er machte ein derart ernstes Gesicht, dass man glauben musste, es wäre sonst etwas passiert. Ja, eine Nachbarin hat es uns erzählt. Wer? Mein Gott, die Frau Karger von gegenüber. Wann? Da müssen Sie meine Frau fragen. Der hat sie’s nämlich erzählt. Ich? Ich hab gefrühstückt. Ein halbes Brötchen habe ich für die Spurensicherung aufbewahrt. Nur einmal angebissen. Bitte, gern geschehen. Die Frau Lindner? Na, hin und wieder. Wie man sich halt so sieht als Nachbarn.
»Sie wohnte über uns«, sagte Karin Straub. »Viel hat man von ihr nicht gehört. Dabei ist das Haus sehr hellhörig.«
»Haben sie letzte Nacht etwas Ungewöhnliches gehört oder gesehen?«
»Ist es da passiert? Ich meine, wurde sie da –.« Mechanisch drehte sie eine Haarsträhne zwischen den Fingern.
»Bitte beantworten Sie meine Frage.«
»Ich bin um halb zwölf ins Bett. Vielleicht etwas früher.«
Wolz wandte sich Straub zu. »Und Sie?«
»Zwei Minuten später. Wir haben nur eine elektrische Zahnbürste. Zwei Minuten Putzzeit, wie es sich gehört, dann Licht ausmachen. Vielleicht drei Minuten später lag ich im Bett.«
»Sie haben auch nichts gehört oder gesehen? Stimmen oder sonst etwas Außergewöhnliches?«
»Nein, nichts.« Wann waren Sie wo? Wann waren Sie wie? Haben Sie Stimmen gehört? War er in der Psychiatrie? Er hörte keine Stimmen. Straub schob sich vor seine Frau. »Ich war sowieso auch gar nicht da.«
»Wo waren Sie denn?«
»Mein Mann war im Kino«, antwortete Karin Straub.
»Er ist gegen halb acht aus dem Haus. Auf die Uhr schaut man natürlich auch nicht so genau.«
»Ungefähr.«
»Ungefähr so um halb elf«, warf Straub ein.
»Haben Sie noch die Karte?«
»Müsste ich noch irgendwo haben.« Er schmunzelte. Und zwar in der Hose, die ich gleich zur Reinigung bringe.
»Das war wo? Ich hab’s nicht so schnell mitschreiben können.«
»Kinothek.«
»Was gab’s da?«
»Plan 9 aus dem Weltall.« Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Ein Science-Fiction.«
»Mein Mann geht regelmäßig ins Kino.«
»Ein Hobby muss der Mensch haben«, sagte Straub.
»Herr Straub, haben Sie Frau Lindner gestern Abend gesehen? Zwischen halb acht und halb elf?«
Straub wusste nicht, wie er es zustande gebracht hatte, aber er hörte sich klar und deutlich »Nein!« sagen.
»Da sehen Sie’s.« Karin zog ihre Haare durch die Finger. »Wir wissen gar nichts.«
Wolz steckte seinen Notizblock ein. »Die Kripo wird Sie noch befragen.«
Straub hob die Arme, als ob er kapitulieren würde. »Wir werden die Stadt nicht verlassen.«
Wolz gab ihr die Hand und ging die Treppe hinauf.
Kurz darauf wurde Regina Lindners Wohnungstür geöffnet. Ein Mann und eine Frau kamen heraus. Karin Straub schob ihren Mann von der Tür weg. Sie warf einen Blick nach oben. Der Polizist, der vorhin mit ihnen geredet hatte, unterhielt sich mit einem lang aufgeschossenen Mann, der vornübergebeugt mit den Füßen wippte. Der ganze Mann war schief. Die linke Schulter klebte, wie von einer unsichtbaren Schnur hochgezogen, unter dem Ohr. Der rechte Arm, der länger als der andere zu sein schien, stand weit abgewinkelt von der Hüfte ab. Die Hand steckte in der Hosentasche. Das längliche, grob geschnittene Gesicht war mit grauen Bartstoppeln übersät. Er war mindestens 20 Jahre älter als sie. Als sich ihre Blicke trafen, fragte sie sich, warum sie Angst hatte.
Müde Sonnenstrahlen krochen durch das blitzblanke Treppenhausfenster. Vereinzelt klatschten dicke Regentropfen auf den Sims. Akkermann lehnte sich gegen das Geländer. Regina Lindner war gegen viertel vor elf nach Hause gekommen, anschließend hatte sie geduscht. Dann ging sie in den Keller. Warum?
Polizeiobermeister Wolz tippte mit dem Finger auf seinen Notizblock. »Ich komme gerade aus der Wohnung unter der Toten. Martin Straub, Versicherungsmathematiker, arbeitslos, war gestern im Kino, wie Regina Lindner, aber nicht im selben, sagt er.«
Akkermann nickte beiläufig.
»Seine Frau Karin ist Übersetzerin für Englisch, arbeitet halbtags beim Mahle.«
»Was Technisches?«
»Eigentlich ein Sekretärinnenposten.«
»Hat sie das so gesagt?«
Wolz nahm sein Buch zur Hilfe. »›Ein Sekretärinnenposten‹, genau das hat sie gesagt.«
»Und wie hat sie es gesagt?«
Sie gingen die Treppe hinunter.
»Wie man etwas beschreibt, das so ist, wie es ist. Können nicht alle Shakespeare übersetzen.«
»Nein.«
Wolz klappte sein Notizbuch zu. »Gehört haben sie angeblich nichts.«
Akkermann legte seine Hand auf Wolz’ Schulter. »Diese Frau Pezic erwähnte noch jemanden, der gestern im Keller war.«
»Kaluza?«
»Ja, so heißt er wohl. Kaluza. Der Mann von der Pezic hat diesen Zettel angebracht mit den Energiespartipps, wussten Sie das?«
Wolz schüttelte den Kopf. Er wollte gerade sein Notizbuch aufschlagen, als er den Beamten von der Spurensicherung Platz machen musste.
»Noch etwas«, sagte Akkermann, »die sollen einen Abdruck vom Klingelknopf machen. Kümmern Sie sich drum?« Wolz nickte und ging wieder die Treppe hinauf.
Es waren nur noch vier Stufen bis zur zweiten Etage. Akkermann musste sich bücken, um das Namensschild entziffern zu können. Es bestand aus einem mit Schreibmaschine getippten Papierstreifen, der hinter einem Tesastreifen in Höhe der Türklinke klebte.
Er drückte auf den Klingelknopf. Die Glocke antwortet mit einem lauten Schnarren. Der Mann, der ihm öffnete, suchte mit einer langsamen Kopfdrehung die Fußmatte ab. Dann riss er erstaunt den Kopf hoch. Wässrige Augen starrten ihn hinter dicken Brillengläsern an.
»Herr Kaluza?« Akkermann zeigte ihm seinen Dienstausweis. »Akkermann, Mordkommission«, fügte er hinzu. Mit einer schnellen Bewegung riss der Mann seine Hand zum Kopf und ließ die Finger über eine lange Haarsträhne tänzeln, die sorgfältig von einem tief sitzenden Seitenscheitel aus über den runden Schädel gekämmt war. Der Mann schwitzte stark. Er nickte kurz.
»Ich darf reinkommen«, stellte Akkermann fest. Er betrat einen langen Korridor, von dem geradeaus eine Tür in das Schlafzimmer führte. Rechts daneben war das Wohnzimmer. Gleich links hinter dem Eingang ging es in die Küche. Hinter der Tür befand sich der Küchenschrank. Die linke Schranktür war offen. In dem Fach standen einige Weingläser. Davor lag ein Stapel Briefe. An der Wand gegenüber der Küchentür war ein Fenster. Es führte zum Hof. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand eine schmutzige Kaffeemaschine. Neben der Küche war das separate WC, dahinter das Badezimmer.
Auf der rechten Seite befand sich ein verdunkelter Raum, der wahrscheinlich als Kinderzimmer gedacht war. Die Tür war halb geöffnet. Vor dem Fenster stand ein abgewetzter Schreibtisch mit einem Computermonitor und einem Drucker. Akkermann ging direkt ins Wohnzimmer. Hinter sich hörte er, wie Kaluza die Wohnungstür schloss und bemüht war, ihm zu folgen. Im Wohnzimmer standen eine Schlafcouch, ein Sessel und eine Schrankwand mit einem Fernseher. Auf der Couch lag eine mehrfach gefaltete, abgenutzte Wolldecke. Die Mitte des Raumes war von einem schmutzigen Teppich bedeckt. An der Decke hing ein mehrflammiger Leuchter, in dem nur zwei Birnen steckten. Vor der Schlafcouch stand ein niedriger Tisch. Auf ihm lagen einige Kreuzworträtselhefte, eine angebrochene Schachtel Schmerztabletten, Fernbedienung, TV-Zeitschrift, mehrere Scheiben Wurst und ein Kerzenständer mit zwei Kerzen. An den dünnen Tischbeinen lehnte eine unverschlossene Aktentasche, in der ein paar Hefte steckten. Das Zimmer roch leicht nach Urin.
Akkermann setzte sich in den Sessel. »Sie wissen, warum ich hier bin?«
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