An der Kellertür klebte in einer Plastikhülle ein DIN-A4-Blatt, das in ungelenkem Deutsch an das Ausschalten der Kellerbeleuchtung erinnerte.
»Links in die Waschküche«, sagte eine mädchenhafte Frau mit einer kinnlangen Kleopatra-Frisur. Sie hatte einen weißen Overall an und schleppte einen schweren Metallkasten die Kellertreppe hinauf. Für seinen Geschmack war ihr Mund zu grell geschminkt. Er drückte sich gegen das Geländer, um sie auf der engen Treppe vorbei zu lassen. Sie lächelte ihn mit spitzen Lippen an. Er nickte nur kurz. Schließlich lag keine zehn Meter weiter eine tote Frau.
Ihre Augen sahen durch ihn hindurch. Eine Drahtschlinge um den Hals hatte sie groß und dick herausgetrieben. Sie saß, eingekeilt zwischen zwei Waschmaschinen, auf einem grauen Abwasserschlauch. Ihr Kopf lehnte an einer blitzblanken Waschmaschine. Die Ladeluke und die Schublade für das Waschpulver waren offen. Auf der Maschine stand eine Klarsichtbox mit bunten Plastikflaschen. Dort, wo der Wasserhahn aus der Wand ragte, hing, schützend in Plastik verpackt, die Gebrauchsanweisung. Die rechte Waschmaschine hatte das Programm beendet. Die Wäsche steckte noch drin. Auf der Maschine standen mit Wäscheklammern verschlossene Waschmitteltüten. Es war der Abwasserschlauch dieser Maschine, auf dem die Tote saß. Sie hatte ein T-Shirt und eine enge, dreiviertellange, weiße Hose an. Der linke Fuß steckte in einer weißen Sandale, der andere zeigte abgewinkelt zum Fenster. Der dazugehörige Schuh lag mitten im Raum neben dem Abfluss.
»Da sind Sie ja, Akkermann«, sagte ein aufgeschwemmter Mann mit einem blassen Gesicht. »Das ist jetzt dumm. Ich bin sozusagen gar nicht mehr hier. Da müssen Sie nun ran!« Hauptkommissar Gächter baute sich breitbeinig vor der Toten auf. Beide Hände steckten tief in den Hosentaschen. »Viel hat sie nicht mehr gespürt.«
»Aber sie hat was gespürt!«
Gächter zuckte mit den Schultern. »Natürlich.«
Akkermann deutete auf die aufgerissenen Augen. »Und sie hat sich alles gemerkt!«
»Auf den ersten Blick ist ein Sexualdelikt auszuschließen. Genaueres sagt Ihnen Frau Minek.« Er wandte sich an Clarissa Heldt: »Fundort ist gleich Todesort, wenngleich sie nicht in der Ecke dort ermordet wurde.«
Akkermann wartete auf eine Reaktion von ihr. Sie kümmerte sich jedoch nicht um ihren Vorgesetzten, sondern begutachtete hockend einen Knopf, der vor der Spurentafel Nr. 2 lag. »Könnte vom Täter stammen.«
Gächter drehte sich zu Akkermann. »Nun ja, hier wird gewaschen.«
Sie erhob sich. »Waschen Sie Ihr Sakko in der Waschmaschine?«
»Ja, aber ich mache vorher die Knöpfe ab.«
Akkermann unterbrach ihn: »Wie lange ist sie schon tot?«
»Hier unten? Die Minek schätzt nicht länger als 10 Stunden. Ich würde das jetzt so nicht glauben.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen. »Also dann, die Untersuchungsergebnisse kriegen Sie. Und den Knopf auch. Im Übrigen wurde hier ganze Arbeit geleistet. Bis auf diesen Raum finden Sie sonst nur Spuren von Meister Propper. Gucken Sie sich mal im Haus um. Die, wo sie gefunden hat, ist auch nicht ganz koscher. Ich bin in vier Wochen wieder da. Florida, wissen Sie. Da muss man schon länger, sonst lohnt es sich nicht. Die vierte Woche kriegt man ja quasi geschenkt. Also, jetzt mal ran. Ansonsten, ich bin ja bald wieder da.«
Akkermann drehte sich wortlos um und wäre beim Hinausgehen fast mit einem älteren Polizisten zusammengestoßen, der in der Tür wartete. Akkermann begrüßte ihn mit Handschlag. »Tag, Herr Wolz. Waren Sie als Erster hier?«
Der Beamte nickte. »Eine Hausbewohnerin hat uns alarmiert. Sie hat die Tote auch gefunden. Die wohnt übrigens auch hier.«
Akkermann starrte ihn an. »Hier im Haus?«
»Ja, im Dachgeschoss.« Er las aus seinem Notizbuch. »Sie heißt Regina Lindner, ist 22 Jahre alt und arbeitet als Verkäuferin beim Kübler. Das ist die Bäckerei beim S-Bahnhof. Die Frau, die sie gefunden hat, eine Frau Pezic, wohnt im ersten Stock und wollte waschen.«
»Wann war das?«
»Gegen 9.30 Uhr. Wir waren zehn Minuten später hier. Wollen Sie sie sprechen?«
»Wen?«
»Die Pezic. Sie wartet draußen. Gebürtige Kroatin, aber mit ihrem Mann schon seit dreißig Jahren hier.«
Die junge Beamtin mit den grell geschminkten Lippen schaute herein. »Ich räume hier jetzt zusammen. Die Leiche wird gleich abgeholt. Die Kollegen würden gerne in die Wohnung.« Sie lächelte Clarissa an und gab ihr einen Schlüsselbund. »Hatte sie bei sich.«
Immer gut drauf, dachte Akkermann. Er legte seine Hand auf Wolz’ Schulter. »Zeigen Sie mir diese Frau Pezic.«
Auf dem Gang warteten zwei Männer mit einem Blechsarg. Akkermann drehte sich nach Clarissa Heldt um. Sie war nicht mitgekommen.
Er schätze die Frau auf Ende fünfzig. Sie steckte in einem grünen, bis zu den Knien reichenden T-Shirt, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen reichten. Die Haare waren kurz und so grellrot wie die Lippen der Kollegin vom Erkennungsdienst.
Mit ausgestreckter Hand ging Akkermann auf sie zu. »Frau Pezic? Ich bin Kommissar Akkermann. Sie haben die Tote gefunden?«
»Ein Drama. Gestern habe ich sie noch gesehen. Auf Treppe. Schönes Kleid war ganz nass. Konnte man wissen, dass es regnet. Nein! Man weiß nie mit Wetterbericht. Mal sagen sie so, mal sagen sie so. Habe ich auch zu Frau Lindner gesagt. Dass man nie weiß.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Zaghaft drückte ihr üppiger Busen gegen seinen Bauch. »Was soll ich sagen, Herr Kommissar. War sie doch noch so fröhlich. War im Kino gewesen und alles.«
»Hat sie gesagt, in welchem Kino sie war.«
»Nein, hat sie nicht gesagt. Im Kino halt.«
»Und dann?«
»Dann ist sie nach oben gegangen.«
»Um wie viel Uhr war das?«
»War vielleicht halb elf. War Werbung in Fernsehen. Vielleicht war drei viertel elf.«
Akkermann trat einen Schritt zurück. »Wo wollten Sie eigentlich hin?«
Sie sah ihn erstaunt an. »Na, in Waschküche. Es hatte geregnet. Wäsche war doch schon trocken. Habe ich auch gesagt zu Frau Lindner. Ein Drama ist das.«
Wolz’ Funksprechgerät meldete sich. Er nickte Akkermann zu und ging einige Schritte zur Seite. Akkermann kratzte mit dem Handrücken über das Kinn. »Haben Sie jemanden gesehen. Ich meine, als Sie in die Waschküche gegangen sind. War da sonst noch jemand?«
»Herr Straub kam gerade heim und Herr Kaluza war im Keller.«
»Herr Straub?«
»Wohnt zweiter Stock. Mit seiner Frau. War auch ganz nass. Der schöne Anzug, ganz nass und dreckig.
»Weil es wider Erwarten geregnet hatte.«
»Ich habe ihm gesagt, dass seine Frau die Hose auswaschen muss. Ja und war auch im Kino. Ich habe ihn noch gefragt, ob er Frau Lindner gesehen hat.«
»Und?«
»Nein, hat er nicht. Vielleicht war er in anderem Kino. Ich weiß es nicht.«
»Und der andere?«
»Kaluza?«
»Ja.«
»Das ist erster Stock, genau unter Straub. Ist gekommen mit Weinflasche aus dem Keller. Ich habe ihn erst gar nicht gesehen, dachte, hat wieder jemand Licht brennen lassen. Wissen Sie, dann brennt Licht und wir alle können zahlen.«
»Dann haben Sie den Zettel an der Tür angebracht?«
»Mein Mann, hat er gemacht mit Computer.«
»Sonst haben Sie niemanden gesehen? Ist Ihnen sonst irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Nein, ich habe die Wäsche geholt und bin dann zurück in Wohnung. Da war Werbung schon vorbei. Wissen Sie, die Beine. Auf Arbeit immer viel stehen. Es geht alles nicht mehr so schnell. Oft krank.«
»Wo arbeiten Sie?« Es interessierte ihn eigentlich nicht.
Ihre Augen leuchteten. »Beim Daimler in Kantine. Gute Arbeit, aber viel stehen.«
Beim Daimler, er hätte es sich denken können. »Wir müssen noch ein Protokoll machen«, sagte er, »Sie kriegen Bescheid.«
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