Kadence winkte ab. „Was das angeht, kann ich bestimmt mit Oberschwester Brunhildes Unterstützung rechnen.“
„Will diese Oberschwester Sie etwa so dringend loswerden?“
Kadence schoss das Blut in die Wangen.
„Nun ja, wenn ich ganz ehrlich bin, ist es so, dass ich manchmal … äh, etwas ungeschickt bin.“
Sie senkte den Blick auf ihre Tasse.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe niemals … einen Patienten gefährdet. Ich habe nur ein paar ärgerliche Fehler gemacht und neulich … einen Schrank umgestoßen … leider mit Medikamenten drin …“
„Verstehe.“
„Es waren an die zweihundert Glasampullen“, fuhr Kadence mit zitternder Stimme fort, „und als ich die Scherben aufsammeln wollte, habe ich mich ganz unglücklich geschnitten. Fragen Sie nicht, wie, aber irgendwie habe ich eine Pulsader erwischt und dann war alles voller Blut und die Praktikantin fiel in Ohnmacht und … ach, reden wir nicht mehr darüber.“
Falls überhaupt möglich, wirkte Herr von Gundelstein jetzt noch blasser als zuvor.
„Die Pulsader erwischt …“, hauchte er heiser, die Finger um die Armstützen seines Rollstuhls verkrampft. „Du meine Güte …“
Kadence zog den linken Ärmel ihres Pullovers zurück und brachte einen weißen Verband an ihrem Handgelenk zum Vorschein. „Ich erzähle Ihnen das, damit Sie nicht denken, ich hätte das absichtlich gemacht … ich mag ja gerade ein Tief durchmachen, aber so etwas würde ich niemals absichtlich tun, verstehen Sie? Ich will in Zukunft auch besser aufpassen, aber bitte, bitte stellen Sie mich ein!“
Herr von Gundelstein riss seinen Blick von ihrem Handgelenk los. Er befeuchtete die trockenen Lippen mit der Zunge, dann schenkte er Kadence ein breites Lächeln.
„Wann könnten Sie denn anfangen?“
Es war zum aus der Haut fahren!
Seit drei Wochen steckte Gregor, der Gesichtslose, in dieser Einöde fest und konnte noch immer keine Erfolge verzeichnen.
Dabei hatte er gleich in der Nacht seiner Ankunft ein Suchsignal ausgesandt – ein prächtiges Suchsignal, das dieses lausige Homburg ordentlich durchschüttelte: Die Wälder erzitterten, die Fensterläden klapperten und verdatterte Tauben flatterten inmitten der Nacht durch die Straßen. Nur die menschlichen Einheimischen merkten nichts, weder am Anfang, als das Signal am stärksten war, noch während der darauffolgenden Wochen, in denen es nach und nach verhallte. Inzwischen war nur noch ein müdes Hüsteln davon übrig, das keinen großen Effekt mehr versprach.
Nur einmal, ein einziges Mal zu Beginn, hatte Gregor geglaubt, eine leise Resonanz zu fühlen – nämlich als dieser alte Kauz im Rollstuhl beinahe von der Erde verschlungen worden wäre.
Aber er hatte sich getäuscht. Wer würde auch ausgerechnet so einem alten Zausel etwas derart Wertvolles wie Es anvertrauen? Wobei der Alte dennoch eindeutig eine magische Aura ausstrahlte – vermischt mit einem beinahe schon kriminellen Geruch nach modrigem Kohl.
Vielleicht ist er eine Art vegetarischer Ghul, überlegte Gregor, der solche Gestalten von Zuhause kannte. Einer, der statt Leichen verrottetes Gemüse frisst und den Rollstuhl als Tarnung nutzt, um seine Eselsbeine zu verbergen … womöglich ist er aus Itthona geflohen und hat sich in dieser Welt eingenistet … Gregor würde ihn auf jeden Fall im Auge behalten, soviel stand fest. Und seine junge Pflegerin ebenfalls. An ihr schien zwar nichts außergewöhnlich zu sein, aber vielleicht täuschte der erste Eindruck. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sich hinter einem vermeintlich harmlosen Wesen ein zwölfäugiges, sabberndes Monster mit Harpunenzähnen und schleimigen Tentakeln verbarg.
Also postierte sich Gregor jede Nacht vor dem Haus des Alten und wartete, ob sich etwas rührte. Leider rührte sich nie etwas, woraus Gregor schloss, dass der Alte entweder verflixt gerissen war oder tatsächlich die Nächte durchschlief. Tagsüber flog Gregor hin und wieder in Gestalt einer Elster auf sein Fensterbrett und linste in die Küche hinein. Er konnte sich fast darauf verlassen, dort das Mädchen vorzufinden.
Manchmal saß sie am Küchentisch und schälte Kartoffeln für den alten Ghul oder schnitt ihm Gemüse klein. Meist stand sie jedoch in einer gepunkteten Küchenschürze am Herd und rührte emsig in einem dampfenden Kessel herum. Ein herziger Anblick, doch leider nutzlos. Da Gregors sonstige Streifzüge durch die Stadt aber weiterhin erfolglos blieben, kehrte er immer wieder zum Haus des alten Ghuls zurück. Immerhin schien er schon seit Längerem in dieser Stadt zu leben, vielleicht wusste er ja doch etwas über Es. Das hieß zwar noch nicht, dass er freiwillig mit dieser Information herausrücken würde. Aber wenn er sich bockig zeigte, hatte Gregor immer noch seine Mittel, um nachzuhelfen.
So wartete er an einem Freitagabend, bis das Mädchen um halb sechs die Wohnung verließ, und schlich sich als rotweiß gestreifter Kater durch die Eingangstür. Im zweiten Stock sprang er auf magischem Weg durch die Wohnungstür und suchte den Hausherrn.
Der Ghul, dick verpackt in einen geschmacklosen roten Morgenmantel, thronte auf seinem Rollstuhl im Wohnzimmer und sah äußerst unzufrieden aus. Auf dem niedrigen Wohnzimmertisch neben ihm stand eine Schüssel mit Salat. Gregor schnupperte: Kleingeschnittene Paprika, Gurken, Karotten, Zwiebeln, Pilze und Basilikumsoße. Lecker! Er verstand gar nicht, weshalb der Ghul ein so saures Gesicht machte. Kurzerhand beschloss er, ihn anzusprechen.
„Na, Kumpel? Unter die Vegetarier gegangen?“
Die Überraschung gelang: Der Ghul erschrak nicht einfach bloß, er fuhr so heftig zusammen, dass seine Knie gegen die Tischplatte stießen. Die Gemüsestückchen flogen durch die Luft wie Konfetti.
„Wer ist das? Wer spricht da?“
Gregor schüttelte missbilligend sein rundes Köpfchen.
„Jetzt hast du dein Festmahl zerstört … andererseits, wenn das Zeug übers Wochenende da liegen bleibt, schmeckt es dir am Montag bestimmt besser.“
Der Ghul riss seinen Rollstuhl herum und glotzte Gregor an, als hätte er noch nie eine sprechende Katze gesehen.
„Wer bist du? Und wie kommst du hier rein?“
Gregor setzte sich gemächlich auf den Perserteppich und putzte seinen Katzenbart.
„Also wirklich, was ist mit deinen Instinkten los? Ich beobachte dich schon seit fast einem Monat.“
Der Alte biss die Zähne aufeinander. Offenbar war das wirklich eine Neuigkeit für ihn.
„Was willst du von mir? Ich habe niemandem etwas getan! Ich lebe friedlich unter den Menschen!“
Gregor seufzte, erhob sich majestätisch vom Boden und schlenderte vor die Füße des Ghuls.
„Es ist mir völlig egal, was du hier machst oder wen du auffrisst. Ich bin nicht vom AMO.“
„AMO?“
Gregor stutzte. „Du kennst das Amt für magische Ordnung nicht? Was für ein Ghul bist du eigentlich?“
Der Alte schnappte nach Luft. „Na, jetzt schlägt’s aber dreizehn! Ich bin überhaupt kein Ghul!“
„Und was bist du dann?“
„Sag ich nicht.“
„Dann verrate ich dir auch nicht, was ich bin“, fauchte Gregor etwas patzig. Zu seiner Verärgerung lachte der Alte schallend auf.
„Wie kommst du darauf, dass mich das interessiert?“
So, wir werden also frech? Gregor beschloss, sich ein wenig Respekt zu verschaffen, und nahm die Gestalt eines Hünen in schwarzem Lederoutfit an. Um den Effekt zu verstärken, verpasste er sich zudem eine Punkfrisur in Regenbogenfarben sowie eine beachtliche Reihe Augenbrauenpiercings. Er stemmte die kindskopfgroßen Fäuste in die Hüften.
„So, und jetzt hör mir zu, Freundchen!“, dröhnte er in tiefem Bass und Dolby-Surround-Sound. „Ich habe zwar gesagt, dass ich nicht vom AMO bin, aber der Hohe Orden stellt, wie schon der Name verrät, eine höhere Instanz dar. Ich kann dir durchaus Schwierigkeiten bereiten, wenn du nicht kooperierst.“
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