Verwirrt musterte Balthasar ihr schmales, überhitztes Gesicht. Sie war jung, vielleicht Anfang Zwanzig. Fast noch ein Kind … ein ausgesprochen hübsches Kind: Rötlich schimmerndes, kastanienbraunes Haar fiel aus einem zerzausten Zopf über ihre Schulter und verdeckte eines von zwei weit aufgerissenen azurblauen Augen. Während sich das Mädchen zu Balthasar hinabbeugte, bauschte sich ihre weite, blassblaue Regenjacke und bot freien Blick auf eine leicht schlaksige und doch frauliche Figur in Wollpulli und Jeans.
Leider war Balthasar noch zu durcheinander, um angemessen auf diesen Anblick zu reagieren.
„Wo kommt denn auf einmal dieses Loch her?“, murmelte er. Dann erblickte er das rote Absperrband in seinem Schoß. Oh.
„Ich frage mich, wie lange sie noch an diesen Wasserleitungen arbeiten wollen“, knurrte er peinlich berührt. „Dieses Loch ist ja gemeingefährlich!“
„Allerdings. Sie hätten sich das Genick brechen können, wenn Sie hineingefallen wären.“
Balthasar rückte benommen seinen Hut zurecht. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte ihm das durchaus passieren könnten. Das Mädchen stieß einen weiteren Seufzer aus und erhob sich. „Warten Sie einen Moment.“ Sie verschwand aus Balthasars Blickfeld, kehrte aber rasch zurück und legte ihm seine schwarze Lederbörse in den Schoß.
„Das haben Sie vorhin verloren. Ich wollte sie Ihnen wiedergeben, aber dann rollten Sie plötzlich los, als wäre jemand hinter Ihnen her. Sie … haben nicht zufällig Stimmen gehört, die Ihnen das befohlen haben?“
„Nein, aber anscheinend haben sich die Bremsen gelöst …“
Balthasar steckte seine Börse in die Manteltasche. „Danke für Ihre Hilfe, Fräulein.“
Das Mädchen betrachtete ihn noch immer mit schief gelegtem Kopf, so eindringlich, dass er errötet wäre, wenn er gekonnt hätte.
„Nein, so kann ich Sie nicht alleine lassen. Dieses Ding ist ja offensichtlich kaputt, und wenn so etwas wieder passiert … kommen Sie, ich schiebe Sie nach Hause und mache Ihnen einen Tee gegen den Schreck.“
„Was?“
Was wollte diese Frau von Balthasar? Zugegeben, die Vorstellung, sie für sinnliche Vergnügungen in seine Wohnung zu locken, hatte ihren Reiz. Aber das hier ging Balthasar jetzt doch ein wenig zu schnell – und vor allem zu einfach!
Er wusste ja nicht einmal, ob er ihr trauen konnte. Als das Surren eingesetzt hatte, musste sie ganz in seiner Nähe gewesen sein … Nein, diese Angelegenheit gefiel Balthasar ganz und gar nicht. Er wollte protestieren, doch da setzte sich sein Rollstuhl in Bewegung.
„Wer sind Sie eigentlich?“, raunzte er etwas unhöflich.
„Mein Name ist Kadence Isberg“, antwortete das Mädchen. „Ich bin Krankenschwester in der Uniklinik.“
„Kadence?“, wiederholte Balthasar, während lateinische Konjugationen durch sein Hirn ratterten. „Cadens“ war Partizip Präsens aktiv von „cadere“. Somit hieß das Fräulein … die fallende Isberg? Komischer Name …
„Balthasar von Gundelstein, sehr erfreut“, erwiderte Balthasar automatisch – und biss sich auf die Zunge. Verdammt, jetzt wusste sie, wie er hieß!
„Wo wohnen Sie denn?“, fragte die Fallende.
„Ähm … ähm …“
Der Rollstuhl blieb so abrupt stehen, dass Balthasar beinahe vornüber auf den Asphalt klatschte. Das Mädchen beugte sich über seine Schulter.
„Oh nein … könnte es sein, dass Sie Ihr Gedächtnis verloren haben? Dann bringe ich Sie besser gleich in die Neurologie.“
Gott bewahre! Balthasar kannte Krankenhäuser nur aus Büchern und Fernsehen, doch er wusste sehr gut, was dort lauerte: Pathologen – Leichenschänder! Jemand wie Balthasar würde unweigerlich bei ihnen landen. Und ihnen entging nichts …
„Nein!“, schrie Balthasar. „Keine Klinik! Krautstraße 97, da wohne ich!“
„Ah, okay. Das ist in diesem ruhigen Viertel am Waldstadion, richtig?“
Balthasar drückte die Fingerspitzen auf seine Nasenwurzel und nickte schicksalsergeben. Noch nie hatte er jemandem seine Adresse verraten. Nie! Er war so verärgert über seine eigene Unbeholfenheit, dass er sogar das unheimliche Surren und seine Todesangst vergaß.
So wunderte er sich auch nicht über die Gestalt, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinter einer Betonsäule stand und ihn aus schmalen, kleegrünen Augen ansah.
Was ist bloß in mich gefahren?
Dieser Satz echote während des ganzen Nachmittags durch Kadences Kopf. Sie dachte es, während sie den alten Mann in einen klapprigen Aufzug aus den fünfziger Jahren schob und mit ihm in den zweiten Stock fuhr. Sie dachte es, während sie ihm in seine parkettbelegte Wohnung folgte, die aus einem schmalen Flur, drei Zimmern, einem kleinen Bad mit Wanne und einer hellen Küche mit gelben Vorhängen bestand. Und auch jetzt, während sie sich im Wohnzimmer gegenübersaßen – Kadence in einem samtbezogenen Ohrensessel und der alte Herr in seinem Rollstuhl – und jeder seinen Tee schlürfte, fragte sich Kadence, was in aller Welt in sie gefahren war.
Unschlüssig, was sie sagen sollte, ließ sie den Blick über die Einrichtung wandern: Ein riesiger roter Perserteppich bedeckte den hellen, nach Bohnerwachs duftenden Parkettboden, auf dem sie saßen. In einer Ecke stand ein geschmackvoller Holzsekretär mit einer antiken Leselampe aus Messing. An der Wand reihten sich mehrere überquellende Bücherregale und sogar ein altes Jugendstilklavier mit Kerzenständern am Notenpult. Dort, wo keine Schränke waren, hingen Imitate von Monet-Gemälden – liebliche Sommerlandschaften in Pastellfarben. Der ganze Raum war dank der weiten Fenster lichtdurchflutet. Schön …
„Leben Sie alleine hier?“, durchbrach Kadence die Stille. Herr von Gundelstein nickte. Er wirkte ein wenig blass um die Nase, vielleicht stand er noch unter Schock. Womöglich litt er aber auch einfach an Blutarmut wie viele alte Menschen.
Wenn sie ihn sich so ansah, war das sogar wahrscheinlich: Der Arme war ja nur Haut und Knochen! Seine gründlich rasierten Wangen waren eingefallen und sein schütteres weißes Haar stumpf. Die kleinen, hellgrauen Augen jedoch funkelten vor Leben und Intelligenz.
„Haben Sie denn noch Angehörige in der Stadt?“, fragte Kadence weiter. Ihr war aufgefallen, dass nirgends Fotos aufgestellt waren. Herr von Gundelstein nippte an seinem Assam-Tee.
„Meine Verwandten sind bereits gestorben.“
„Was, Sie meinen alle?“
Der alte Mann zuckte derart zusammen, dass es Kadence sofort leidtat. „Entschuldigen Sie bitte, es geht mich natürlich nichts an.“
„Ach, es ist schon lange her. Ein Flugzeugunglück, wissen Sie.“
„Oje …“, hauchte Kadence, überwältigt von Mitgefühl. Armer alter Mann.
„Also haben Sie niemanden, der für Sie sorgt? Kommt nicht wenigstens der Pflegedienst vorbei?“
„Ich komme schon zurecht … Und Sie? Leben Sie hier mit Ihrer Familie?“
Kadences Magen verkrampfte sich. Sie lächelte bitter.
„Ach nein … Ich bin hier aufgewachsen, aber meine Eltern sind vor zwei Jahren nach Berlin gezogen, und mein Freund hat vor einer Woche mit mir Schluss gemacht.“
Sie hielt die Luft an. Zum hundertfünfzigsten Mal: Was war heute in sie gefahren? Hier saß sie im Wohnzimmer eines Wildfremden und vertraute ihm Dinge an, über die sie nicht einmal mit ihrer besten Freundin gerne sprach.
„Dafür habe ich jetzt einen Kater“, lächelte sie, um ihren Fauxpas wiedergutzumachen. Herr von Gundelstein zog eine seiner beweglichen weißen Augenbrauen in die Höhe.
„Tut mir leid, mit Schmerztabletten kann ich nicht dienen.“
Das brachte Kadence zum Lachen: „Aber nein, keine Kopfschmerzen. Ich meine, ich habe einen echten Kater. Eine männliche Katze. Sie heißt Bert. Martin … äh … mein Ex-Freund hat ihn mir sozusagen vererbt.“
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