Knirschende Geräusche ließen ihn den Kopf herumreißen. Aphragus’ Gefolge verharrte wenige Schritte entfernt. Glühende Augen musterten ihn mit stummer Genugtuung.
Mutlos griff er zum Schwert. Wie viele kann ich erschlagen, bevor sie über mich herfallen? , fragte er sich. Drei? Fünf? Dunaris hatte den Tod niemals gefürchtet. Aber musste es auf diese Weise geschehen, zu Boden gezerrt und seiner Lebenskraft beraubt? Seine Finger fuhren fast zärtlich über die Klinge. Nein. Lieber starb er durch das eigene Schwert. Seine Gedanken wanderten zu Ern und den Freunden in Kaman-Share. Trinkt einen auf mich! Mit einem bitteren Lächeln dachte er an Trojus. Nun, dessen Tränen würden gewiss nur der Lampe gelten, die er nun niemals seiner Sammlung hinzufügen konnte.
Die Lampe. Plötzlich hielt er sie in der Hand. Dunaris konnte sich nicht erinnern, sie aus dem Beutel genommen zu haben. Versonnen betrachtete er das Spiel ihres Lichtfunkens, durch den Schliff des Kristalls dutzendfach gebrochen.
Die Untoten fauchten böse. Dunaris musterte die eingefallenen, verwesten Gesichter. Warum griffen sie nicht an? Mit der Lampe in der erhobenen Hand ging er ihnen entgegen. Sie wichen zurück, und in das Raunen ihrer vertrockneten Stimmen schlich sich Entsetzen.
Das Licht! Er bringt uns das Licht!
Schmerzen!
Sengende Schmerzen!
Bei Taynor, sie fürchteten Kajas Licht! In der Lampe musste eine verborgene Macht schlummern. Doch wie weckte man sie? Aufgeregt dachte er an die Geschichten, die Trojus zum Besten gegeben hatte. Prinzessin Kaja hatte ihren Hofzauberern befohlen, das Licht der Sterne in den Kristall zu bannen. Es musste einen magischen Mechanismus geben, der es erlaubte, den Lampenschein zu entfachen, vermutlich ein geheimes Wort der Macht ...
Tötet ihn, zischten die Untoten. Der Hass ließ sie ihre Furcht vergessen, und langsam kamen sie näher. Tötet ihn, und entreißt ihm das Licht!
Dunaris schloss die Augen, gab sich ganz der sanften Wärme des Kristalls hin. Sie strömte durch seine Ballen und Finger, durch Muskeln, Sehnen, Knochen, sein Blut. Licht , dachte er, und neue Kräfte durchströmten ihn. Die Antwort ist Licht.
Seine Lippen formten eine einzige, uralte Silbe:
„ Lum .“
Die jähe Hitze verbrannte seine Hand. Dunaris stieß einen Schmerzensschrei aus, doch er zwang seine Finger, den Griff nicht zu lockern. Eine Nova erglühte im Innern des Kristalls. Strahlen aus reinem Licht durchschnitten die Dunkelheit. Wo sie auf untote Körper trafen, entzündeten sie Fleisch und Knochen. Leichname gingen in Flammen auf, zerfielen wenige Herzschläge später zu Asche. Dunaris ließ das Schwert fallen und verbarg sein Gesicht in der Armbeuge. Die Luft war erfüllt von den Schreien der Untoten, die ihren Meister anflehten, den Qualen ein Ende zu machen. Kajas Licht erlöste sie.
Als Dunaris die Augen öffnete, war er allein. Eine Schicht aus Asche und Knochensplittern bedeckte den Boden des Korridors. Erst jetzt bemerkte er, dass er die Lampe hatte fallen lassen. Sie lag zu seinen Füßen, der Kristall leuchtete in sanftem Licht. Dunaris hob sie auf und machte sich auf den Weg. Während er durch das Mausoleum ging, spürte er eine Veränderung. Das Böse, das jeden Stein des Gemäuers durchdrungen hatte, war verschwunden. An seine Stelle war ein tiefer Friede getreten. Dunaris lächelte. Aphragus’ Gefolge hatte Ruhe gefunden und den Zauberer alleine in der Verdammnis zurückgelassen.
Das Morgengrauen tauchte die Eingangshalle in trübes Zwielicht. Dunaris genoss die kühle Luft, die durch das offene Portal hereinströmte und den Geruch von Moder und Tod vertrieb. Unten in den Häusern Kaman-Shares wurden Öllampen entzündet. Bald würden sich die Straßen mit Reisenden, Handwerkern, Priestern und Soldaten füllen, und die Händler würden beginnen, lautstark ihre Waren anzupreisen. Sein Magen knurrte. Es war Zeit für ein Frühstück im Blauen Einhorn , entschied Dunaris. Er hatte Lust, ein wenig mit seinem Abenteuer zu prahlen. Die Leute würden Augen machen!
Auf der Treppe betrachtete er noch einmal Kajas Licht. Trojus hielt die Lampe wirklich für ein harmloses, kleines Spielzeug. Von ihrer verborgenen Macht ahnte er nicht das Geringste. Ein verschmitztes Grinsen huschte über Dunaris’ Gesicht. Von ihm würde der Kaufmann die Wahrheit nicht erfahren. Er musste es schon selbst herausfinden.
„ Dum “, murmelte er. Das Leuchten erstarb, und Dunaris ging die Stufen hinunter.
Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens tasteten über die spiegelglatte Oberfläche des Meeres. Kaman-Share stand ein weiterer heißer Tag bevor.
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