Am nächsten Tag ist Robert auf Beobachtungsdienst und sieht, wie aus dem roten Mercedes einige große Pakete ausgeladen und von einem hochgewachsenen, schwarzhaarigen Mann ebenfalls in die Wohnung gebracht werden. Am Nachmittag kommt ein grüner Jaguar an und parkt vor dem Haus. Zwei dunkelhaarige, gepflegt gekleidete Männer steigen aus. Robert fallen besonders ihre eleganten, schwarzen Schuhe auf. Sie drücken im Fahrstuhl den Knopf in die siebte Etage. Also wollen sie sicherlich auch zu dieser bewussten Wohnung. Robert wartet geduldig. Nach einer Stunde kommen die beiden in Begleitung zweier junger Frauen aus dem Fahrstuhl und gehen zu ihrem Auto. Die Frauen werden von den beiden Männern so fest an den Oberarmen gehalten … kein Zweifel, die gehen nicht freiwillig mit! Die jungen Frauen werden brutal in das Auto auf den Rücksitz gedrängt, die beiden Männer steigen vorne ein und dann fahren sie weg. Abends geht Robert hinter das Haus und ruft nach Guru, seiner Eule.
„Liebe Guru, versuche doch bitte im siebten Stock über dem Balkon zu erkennen, was in dieser Wohnung geschieht“, bittet er die Eule. Schon nach einigen Minuten kommt Guru zurück und berichtet, dass sie nichts sehen kann, weil Jalousien die Fenster verschließen. Allerdings sind erregte Stimmen da oben zu hören. Am nächsten Nachmittag treffen die drei Jungs sich wieder und besprechen, was sie bisher gesehen haben. Was ist da Geheimnisvolles im Gange, was treiben diese Typen da oben? Die Freunde verabreden weitere Überwachungen. Die nächsten zwei Tage geschieht nichts. Überhaupt nichts. Chris und Tim überlegen schon, ob das, was sie da tun, nicht absoluter Blödsinn ist. Die Burschen haben einfach keine Ausdauer. Am dritten Tag, als Robert Dienst hat, sieht er wieder den grünen Jaguar vor dem Haus parken. Die Ankunft des Wagens hat er anscheinend verschlafen. Robert wartet im Eingangsbereich und ist neugierig, was da wohl geschehen wird. Nach endlosen zwei Stunden sieht er, wie der Fahrstuhl in den siebten Stock hoch geholt wird. Robert atmet auf. Diese Warterei geht doch ganz schön auf die Nerven. Zwischendurch hatte er sich schon überlegt, ob es nicht klüger wäre, wieder nach oben zu fahren und endlich seine Hausaufgaben zu machen. Dazu kommt die Überlegung, ob er sich hier vielleicht nur einbildet, einer kriminellen Bande auf die Spur zu kommen. Jedenfalls ist Robert froh, dass sich etwas bewegt. Er stellt sich so zu den Briefkästen, dass er nur schwer zu sehen ist. Dazu nimmt er sich einen Werbeprospekt und tut so, als ob er darin lesen würde.
Einer der elegant gekleideten, schwarzhaarigen Männer mit den auffälligen Schuhen, die er schon beim letzten Mal gesehen hat, ist in Begleitung der zwei anderen aus der Wohnung. Die beiden schleppen große Pakete zu dem Auto und verfrachten sie im Kofferraum. Alle drei fahren danach mit dem Fahrstuhl wieder hoch.
Kurze Zeit später kommt der Lift wieder herunter. Diesmal ist er randvoll. Es steigen aus: die beiden Männer, die mit dem Jaguar gekommen sind, drei junge Frauen und zwei Männer aus der Wohnung. Zwei der Frauen sind blond, die andere schwarzhaarig. Sie reden ganz schnell auf die Männer in einer Sprache ein, die Robert nicht kennt. Sie gehen gemeinsam zu dem Jaguar, die drei Frauen steigen hinten ein und werden von den zwei eleganten Männern weggefahren. Die beiden Hausbewohner gehen, heftig diskutierend, zum Fahrstuhl zurück und fahren in ihre Wohnung hoch. Danach geschieht einige Tage lang nichts. Absolut nichts.
Sowohl der Mercedes als auch der Fiat Lieferwagen stehen unbenutzt auf dem Parkplatz. Chris und Tim haben mit der Überwachung Schluss gemacht, es ist ihnen zu langweilig geworden. Die beiden haben sich doch glatt vorgestellt, dass sie mal so ruck zuck eine Verbrecherbande überführen könnten. Stundenlang auf der Lauer zu liegen und nichts geschieht, das ist zu viel verlangt, darin sehen sie keinen Sinn.
Robert ist nun auf sich alleine gestellt, aber nicht gewillt, aufzugeben. Er ist überzeugt, irgendetwas Merkwürdiges geschieht da. Er hat sich schon überlegt, mit seinem Amulett Kontakt aufzunehmen, aber er weiß nicht, wie. Es hat doch zu ihm gesagt, es wird sich melden, wenn er genau weiß, was er will. Na gut, noch hat er keine Ahnung. Natürlich will er, weiß aber nicht, was. Er hofft, dass er, wenn er nur genug Ausdauer hat, etwas Wichtiges entdecken wird. Irgendetwas stimmt hier wirklich nicht.
Es ist ein milder Sommerabend, leise streicht der Wind um das Hochhaus, alles ist ruhig. Die Sonne ist gerade untergegangen und verglüht am Horizont. Plötzlich hört Robert den Motor eines Autos. Als er schnell aus dem Fenster seines Zimmers blickt, sieht er gerade noch den blauen Lieferwagen der ausländischen Hausbewohner ankommen. Schnell läuft er durch das Treppenhaus ins Erdgeschoß hinunter, um zu sehen, was da ausgeladen wird. Es ist mittlerweile schon dunkel geworden, also kann er sich ungesehen hinter den Büschen links vom Eingang verstecken. Direkt vor ihm parkt das Auto. Aus dem Inneren hört er Gepolter und danach laute Stimmen. Vorne im Führerhaus sitzen die beiden Hausbewohner, die er schon kennt. Sie diskutieren heftig mit nach hinten gedrehten Köpfen. Mit wem, kann er noch nicht erkennen. Beide steigen aus und gehen zum Heck des Wagens, wo sie die beiden Türen öffnen.
Vier junge Frauen, die Robert bisher noch nicht gesehen hat, springen heraus, laufen mit den beiden Männern schnell ins Haus, und verschwinden sofort mit dem Fahrstuhl nach oben. Keiner hat ein Wort gesprochen. Robert fährt mit dem nächsten Fahrstuhl ebenfalls hoch, lauscht gespannt an der Wohnungstür im siebten Stock, kann aber absolut nichts hören. Es bleibt ruhig. Es hat keinen Sinn, länger zu warten.
Robert absolviert sein Trainingsprogramm mit dem Expander und geht danach ins Bett. Er liegt lange wach und denkt über das nach, was er da gesehen hat. Wieso kommen so viele unterschiedliche Frauen zu diesen beiden Männern? Warum tun sie alle so geheimnisvoll? Von wem werden sie dann wieder abgeholt? Gehören die zu einer Bande, die Menschen schmuggelt? Lauter Fragen, auf die Robert keine Antwort weiß. Hoffentlich meldet sich das Amulett! Kaum ist er eingeschlafen, meldet es sich tatsächlich. Es kommt strahlend und leuchtend auf ihn zugeschwebt und bleibt vor seinem Gesicht ruhig in der Luft stehen:
„Robert, was hier abläuft, ist sehr gefährlich. Ich werde dir jetzt helfen, damit du genug Informationen bekommst. Du wirst mit einem der Leute sprechen können, und der wird dir alle Fragen beantworten. Sage nur das Wort ‚remember’, und er wird auf dich fixiert sein, alles vergessen und sich auch später an nichts mehr erinnern können.“ Langsam weicht das Amulett zurück, das weiche Licht erlischt.
Natürlich ist Robert am nächsten Morgen völlig aufgedreht. Am liebsten möchte er sofort ausprobieren, was er angeblich können soll. Wie war das? Er muss „remember“ sagen und der Angesprochene wird ihm alles erzählen, was er hören will? Momentan interessiert ihn keine Schule, eigentlich nichts sonst, er will nur Gewissheit haben, ob auch alles wirklich so funktioniert, wie es das Amulett angekündigt hat. Jetzt muss er ganz sorgfältig planen.
Zu sehen sind immer nur zwei von den Ausländern. Beide sind, na ja, wie alt werden sie sein, Mittelalter. Einer ist sehr groß und kräftig gebaut. Er hat schwarze Haare und ein breites Gesicht mit einer fleischigen, runden Nase. Den hat Robert schon beim Ausladen aus dem roten Mercedes gesehen. Der andere ist eher das Gegenteil. Er hat auch schwarze Haare, ist aber einen Kopf kleiner und sehr schmal. Außerdem hat er eine komische dünne, lange Nase. Beide tragen immer nur Jeans. Der Kleinere trägt dazu meistens ein schwarzes Jackett und immer ein weißes Hemd, der andere nur Pullover. Robert muss jetzt einen der Männer alleine erwischen, um mit ihm reden zu können. Wer es ist, ist eigentlich egal. Plötzlich sieht Robert vom Fenster seines Zimmers aus wieder den grünen Jaguar ankommen.
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