Robert hört sich alles an und wird immer aufgeregter. Da, da ist sie doch, die Aufgabe zur Probe, die er so verzweifelt sucht! Er will denjenigen erwischen, der diesen Mist macht. Klasse! Sofort nach dem Abendessen zieht er sich in sein Zimmer zurück. Sein Vater sitzt schon gemütlich vor dem Fernseher und seine Mutter ist noch in der Küche beschäftigt. Robert kann unbemerkt die Wohnung verlassen. Im Fahrstuhl drückt er den Knopf für den Keller, dann zieht er sein Amulett, das er um den Hals hängen hat, heraus und reibt es zwischen Daumen und Zeigefinger. Im Keller stehen schon die beiden Ratten und erwarten ihn neugierig. Robert ist ganz fasziniert, das funktioniert ja genauso prompt, wie es die beiden Ratten vorhergesagt haben.
„Ich will den Flaschenwerfer finden, was kann ich da tun?“, sprudelt er sofort eifrig hervor.
„Robert, wir freuen uns, dass du schon so weit bist, aber du musst warten, bis dein Amulett sich im Traum meldet. Du hast ja jetzt ein Ziel, eine Aufgabe“, antwortet Arix freundlich. „Aber bis dahin kannst du schon einmal auskundschaften, von welcher Etage die Flaschen geworfen werden.“
„Du brauchst beim Einbruch der Dunkelheit nur hinter das Hochhaus gehen und Guru rufen. Das ist eine Waldohreule, die sowieso jede Nacht auf Jagd ist. Die kann dir sicherlich helfen. Sie soll diesmal ihre Runden beim Hochhaus ziehen. Sie wird es sehen, wenn nachts jemand mit Flaschen wirft. Aber erschrick nicht, du kannst Guru nicht hören, sie fliegt völlig geräuschlos. Rufe sie immer nur abends, wenn es dunkel wird, sie ist ein total hilfsbereiter Kumpel. Alles andere wird dir das Amulett sagen.“
Alban reibt sein weißes Fell an Roberts Fuß und quietscht vergnügt: „Wir freuen uns, dass du eine sinnvolle Aufgabe gefunden hast und wir wünschen dir viel Erfolg für die Lösung!“ Damit verschwinden sie wieder in einem Kellerverschlag.
Gespannt läuft Robert in die Grünanlage hinter dem Hochhaus. Er will zum Grillplatz, wo er sich unbeobachtet fühlt. Er ist fast erschrocken, als schon auf dem ersten Baum ein großer Vogel sitzt. Es ist eine Eule, die ihn mit großen orangegelben Augen ansieht, als er um die Ecke kommt. Anscheinend wartet sie schon auf ihn, denn sofort spricht sie ihn ohne zu zögern an:
„Hallo Robert, ich habe gehört, dass du Hilfe brauchst. Sag mir, was ich tun soll.“ Robert sieht zum ersten Mal so einen großen Vogel aus der Nähe und ist überrascht, wie zutraulich er ist. Er gibt sich einen Ruck und berührt ganz vorsichtig die graubraunen Federn der Eule und fühlt, wie zart sie wirklich sind. Er hätte es nicht gewagt, die Hand nach so einem Tier auszustrecken, denn unter den dichten Federn an den Beinen sind kräftig gebogene Krallen zu sehen. Aber er fühlt sofort, dass die Eule keine Gefahr ausstrahlt. Dass sie mit ihm redet, ist auch nicht mehr ganz so überraschend, denn durch Alban und Arix ist Robert schon ein wenig damit vertraut, sich mit Tieren zu unterhalten.
„Hallo Guru, und ich freue mich, dass ich mit dir reden kann, dass wir Freunde sein können.“ Robert schaut Guru mit warmen Augen an. „Auf keinen Fall will ich dich in Zukunft in Gefahr bringen, wenn ich dich um Hilfe bitte!“
Robert ist stark beeindruckt. Mit einem Vogel Verabredungen zu treffen, ist das Größte, eine ganz neue Erfahrung! Sie vereinbaren, dass Guru darauf achtet, wer sich nachts in den oberen Stockwerken des Hochhauses zu schaffen macht, vor allem muss die Eule darauf achten, in welchem. Völlig geräuschlos fliegt Guru weg. Morgen Abend werden sie sich wieder treffen.
Robert freut sich auf diese Nacht. Endlich hat er eine sinnvolle Aufgabe, die gar nicht so leicht zu lösen sein wird. Ungeduldig versucht er schnell einzuschlafen. Doch so einfach geht das nicht. Lange liegt er wach und denkt über seine Gespräche mit den Ratten und mit Guru nach. Doch irgendwann übermannt ihn endlich die Müdigkeit und er schläft ein. Plötzlich, Robert weiß nicht ob er wach ist oder ob er träumt, sieht er vor sich ein helles weiches Licht schweben. Es hat eine ovale Form, etwas größer als sein Amulett. Es steht ruhig vor seinem Gesicht und Robert hat schlagartig die Gewissheit: Das muss das Amulett sein!
„Ja, Robert, ich bin das Amulett. Du hast deine Testaufgabe gefunden, darum komme ich wie versprochen zu dir. In Zukunft bin ich immer für dich da, wenn du genau weißt, was du willst. Du kannst dich aber nicht ausschließlich auf meine Hilfe verlassen, auch deine Kreativität ist gefragt. Ich erwarte von dir, dass du dir schon genau überlegst, wie du deine zukünftigen neuen Kräfte einsetzen willst. Heute gebe ich dir Hilfestellung, um diesen Flaschenwerfer zu stellen. Als Erstes hast du die Fähigkeit, dass du dich mit Tieren unterhalten kannst. Das hast du schon ausprobiert. Nutze diese Eignung und plane die Hilfe der Tiere gut ein! In diesem speziellen Fall wird der Flaschenwerfer, wenn du ihn identifiziert hast, zu nicken beginnen, wenn es dir gelingt, in ihm Angst und Unruhe zu erzeugen. Er muss ein schlechtes Gewissen bekommen. Wie du das machst, musst du dir genau überlegen. Er wird mit dem Nicken dann nicht aufhören können. Tag und Nacht nicht. So lange, bis er sagt, dass er es ist, der diesen Unfug macht, und bis er den Schaden, den er angerichtet hat, wieder gutgemacht hat.“
„Wie kann ich mich denn mit ihm verständigen?“, fragt Robert neugierig.
„Du kannst nachts, wenn er schläft, im Traum mit ihm reden. Du kannst ihn bedrohen und beunruhigen. Das musst du so lange machen, bis er begriffen hat, dass zwischen seinem Nicken und seinem Flaschenwerfen ein Zusammenhang besteht. Er muss sich fürchten, wieder ins Bett zu gehen. Um Ruhe zu haben und mit dem Nicken aufhören zu dürfen, wird er letztendlich alles tun, was du von ihm verlangst.“
„Wie geht das denn, wie kann ich ihm im Traum erscheinen?“
„Rede einfach nachts laut zu ihm, als ob er vor dir stehen würde. Du kannst ihm Albträume verursachen. Sage einfach als Beispiel: „Eine große Schlange wird sich um deinen Körper wickeln, und er wird genau diese Szene im Traum erleben. So, und nun lasse ich dich mit deiner ersten Aufgabe alleine.“
Den ganzen nächsten Tag gehen Robert die Worte des Amuletts nicht aus dem Kopf. Der Werfer muss ein schlechtes Gewissen bekommen, dann kann er ihn fassen. Aber wie macht man das, jemandem ein schlechtes Gewissen zu verursachen?
Ungeduldig wartet er auf den Abend. Endlich ist es so weit: Er trifft Guru in den Grünanlagen, beim Grillplatz. Robert hat das Gefühl, einen alten Freund zu treffen. Dass auch Guru so fühlt, erkennt er daran, dass sie sich ihm ohne Scheu auf die Schulter setzt und dicht an seinem Ohr berichtet:
„Gegen Morgen hat sich in der obersten Etage ein grauhaariger Mann blicken lassen. Er hat an dem Fenster neben dem Müllschlucker lange gestanden und hat nur beobachtet. Alles war ruhig und kein Mensch war zu sehen. Plötzlich hat er sich gebückt und zwei Flaschen mit Schwung nach unten geworfen.“ Guru dreht ihren Kopf ohne den Körper zu bewegen und sagt: „Robert, genügt dir das?“
Robert überhört die Frage, weil er ganz fasziniert gesehen hat, wie die Eule ihren Kopf ohne Anstrengung drehen kann. Das schaut aus, als ob der Hals ein eigenes Gelenk hat, schießt es ihm durch den Kopf. Guru merkt, dass er mit seinen Gedanken nicht da ist und wiederholt die Frage.
„Ja, ja, vielen Dank, Guru. Du hast mir sehr geholfen.“ Zufrieden fliegt die Eule weg.
Nachdenklich Robert fährt wieder in den elften Stock hoch. Seine Eltern sind beim Fernsehen. Erstaunlicherweise ist auch sein Vater schon zu Hause, sonst macht er um diese Zeit immer noch seine Kundenbesuche. Robert setzt sich an seinen Computer und überlegt, was er tun kann. Ein merkwürdiger Typ muss das sein, der da in der Nacht Glas aus dem neunzehnten Stock wirft. Was könnte man machen, damit dieser Mensch ein schlechtes Gewissen bekommt? Wenn er an den Unbekannten nur appelliert, wie groß der Schaden ist, den er den anderen zufügt, wird das nichts nützen. Das wird dem völlig egal sein, der lacht sich höchstens eins.
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