Unruhig steht er auf, er kann nicht mehr einschlafen und überlegt, was da in seiner Wohnung geschehen ist. Das kann doch nicht sein, das gibt’s doch nicht! Kaltes Grauen beschleicht ihn, nochmals streift er durch sämtliche Räume, natürlich kann er nichts finden. Schlafen kann Reben auch nicht mehr, dafür hat er viel zu viel Angst. Den Rest der Nacht verbringt er schlaflos, er wagt es nicht mehr, ins Bett zu gehen.
Am nächsten Morgen trifft Robert seine beiden Freunde im Treppenhaus.
„Sag mal, Robert, hast du den Reben gesehen, wie der immer so komisch mit dem Kopf wackelt? Mensch, der Kerl hat doch bestimmt ne Macke, vielleicht ist er auch schon ganz übergeschnappt! Wie verrückt läuft der immer durch die Gegend“, lacht Tim spöttisch. Auch er kann diesen Typ nicht leiden, aber wer mag den schon.
„Es sind neue Leute in den siebten Stock im Hochhaus eingezogen. Ich glaube, das sind Russen oder Polen. Ich habe zwei Männer und eine Frau gesehen, die mit mir im Fahrstuhl hochgefahren sind. Irgendetwas stimmt mit denen nicht“, erzählt Chris.
„Die Frau hat ganz verweinte Augen gehabt und alle haben wortlos vor sich hin gestarrt. Es war eine hübsche blonde Frau mit einem Super - Mini. Weißt du noch, Robert, als vor drei Jahren der Tankstellenpächter verhaftet wurde, weil im Keller der Tankstelle Rauschgift gefunden wurde? Er war schon lange süchtig und hat auch damit gedealt. Niemand hätte gedacht, dass bei uns so etwas möglich sein könnte! Wir wollen die Leute etwas beobachten, vielleicht kommen wir einer Bande auf die Spur. Machst du mit?“
„Übrigens, Robert, das mit dem Rauchen kannst du vergessen! Wir haben das auch nur mal ausprobiert. Wir wissen auch nicht, ob wir wirklich damit anfangen werden“, grinst Tim. „Außerdem fehlt uns das Geld dafür.“
„Okay, ich mach mit, reden wir morgen nach der Schule wieder darüber, okay? Rauchen ist sowieso Mist.“ Robert hat es heute nämlich ziemlich eilig, wieder ins Hochhaus zurück zu kommen, er will sehen, was Reben macht. Aber der Typ ist zäh, er geht auch an diesem Tag nicht zur Polizeiwache. Den ganzen Tag lässt er sich nicht blicken. Sicherlich verkriecht er sich in seiner Wohnung und hofft, dass das Nicken von selbst aufhören wird. Robert freut sich schon diebisch auf die kommende Nacht: Warte nur, Freundchen! Ich mach dir die Hölle heiß! Diese Nacht wirst du nicht so schnell vergessen.
Er lässt Reben sofort wieder träumen. Im Traum geht er nachts wieder auf den Flur zum Müllschlucker, um seine Flaschen runter zu werfen. Plötzlich hört er hinter sich ein leises Geräusch. Als er sich umdreht, steht wieder die unheimliche, dunkle Gestalt hinter ihm. Er kann wieder kein Gesicht erkennen, er sieht nur Dunkelheit und drohende Schwärze hinter der Kapuze. Die Gestalt hebt, ohne ein Wort zu sagen, den rechten Arm, und Reben fliegt mitsamt seiner Flasche ins Leere.
Schweißgebadet wacht der Werfer auf und springt voller Panik aus dem Bett. Er kann es nicht fassen, was ist da los, wieso träumt er immer so schrecklich? Oder ist es kein Traum, geschehen diese entsetzlich Dinge wirklich? Er fürchtet sich davor, wieder ins Bett zu gehen und einzuschlafen. Diese ständige Nicken macht ihn schon ganz fertig, und nun kann er auch nicht mehr ruhig schlafen, die gruselige Traumgestalt quält ihn immer wieder. Er traut sich schon nicht mehr auf die Straße, die Menschen drehen sich nach ihm um. Er kommt sich vor, als ob er im Zoo zur Schau gestellt würde, sein Nicken ist einfach unübersehbar. Doch er ist so fürchterlich todmüde, dass er sich aufs Bett legt und nickend, trotz seiner Angst wieder einschläft. Schon träumt er erneut. Wiederum kommt etwas durch die verschlossene Tür in sein Schlafzimmer. Nachdem er erschrocken Licht gemacht hat, sieht er wieder dieselbe hohe dunkle Gestalt. Als er voll Panik aus dem Bett springen will, kann sich plötzlich nicht mehr bewegen. Die schwarze Gestalt hat einen großen Beutel bei sich, in dem sich irgendetwas hektisch bewegt. Sie sagte mit ihrer hohlen Stimme: „Du wirst so lange keine Ruhe mehr haben, bis du alles zugegeben hast. Was du gerade jetzt hier erlebst, ist nur der Anfang!“
Reben sieht voller Entsetzen, wie sich der dunkle Beutel öffnet und Hunderte von Kakerlaken auf ihn fallen. Es sind große, fette, schillernde Tiere, die wie verrückt über ihn herfallen und auf ihm herumkrabbeln. Hektisch schlägt er um sich und versucht, die Tiere abzuschütteln. Einige kann er zerquetschen, aber es wird dadurch nur noch schlimmer. Dieser klebrige Brei aus Insekten, der sich kaum wegwischen lässt, erzeugt bei ihm noch mehr Abscheu und Ekel. Er schreit und schreit ganz laut und kann nicht mehr aufhören. Sogar als er aus dem Traum erwacht, schreit er noch weiter. Immer noch sieht er diese großen, schwarz glänzenden Insekten vor sich, wie sie sich gierig auf ihn stürzen. Ekelhaft!
Langsam wird Robert selbst müde. Immerhin muss auch er wach bleiben, um diesem Reben die quälenden Träume zu senden. Früh am Morgen beobachtet er im Eingangsbereich wieder gespannt die Fahrstuhlanzeige. Erneut kommt der Fahrstuhl ganz früh runter, und Reben rennt heftig nickend in Richtung Polizeistation. Sein grünlich schimmerndes Gesicht erinnert Robert an die OP-Kittel seiner Mutter.
Als der Mann Stunden später zurückkommt, ist er wieder ganz normal. Das Nicken hat aufgehört. Robert kann sich denken, warum. Er könnte jauchzen voller Begeisterung, diese Aufgabe wäre erfolgreich erledigt! Den Typ kann er jetzt abhaken, der ist bestimmt geheilt und wird in Zukunft gewiss keinen Schaden mehr anrichten. Robert sieht noch, wie Reben mit gesenktem Kopf rasch in den Fahrstuhl steigt, und weg ist er.
„Den Zettel anzukleben, um dem Werfer ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, ihm Angst zu machen, war eine sehr gute Idee von dir“, sagt das Amulett in der nächsten Nacht im Traum. „Damit hast du auch bewiesen, dass du kreativ bist. Sein schlechtes Gewissen hat ihn so verunsichert, dass er sich nicht mehr getraut hat, nochmals Flaschen auf den Parkplatz zu werfen.“
Robert wacht ausgeruht und entspannt auf. Er freut sich irrsinnig über das Lob und überlegt schon eifrig, was er weiter tun könnte. Er vermutet eine neue Möglichkeit bei den Fremden, von denen Chris und Tim erzählt haben. Irgendetwas stimmt da wirklich nicht. Er war jetzt schon öfter im Flur der siebten Etage, hat aber hinter der Wohnungstür der Neueingezogenen nichts gehört, als er gelauscht hat. Ein Namensschild ist auch noch nicht angebracht, sie haben noch nicht einmal einen Fußabstreifer vor der Tür liegen. Am Nachmittag trifft Robert sich wieder mit Chris und Tim. Sie verabreden, sich um diese Leute zu ein wenig zu kümmern. Jeden Tag soll ein anderer für die Beobachtung zuständig sein. Beginnen wird Chris, dann kommt Tim an die Reihe, danach Robert. Fast ist es wie bei einem von den Krimis in der Glotze. Vielleicht haben sie Glück, und es wird noch ein spannender Fall, Robert kommt sich richtig cool vor!
Sie haben beobachtet, dass die Männer einen Fiat als Lieferwagen und einen roten Mercedes fahren. Also, wenn die zwei Autos da sind, müssen auch die Leute da sein. Robert braucht mehr Informationen, bisher weiß er so gut wie nichts. Also reibt er sein Amulett und geht in den Keller. Diesmal ist Alban alleine da.
„Bei den neuen Mietern im siebten Stock stimmt etwas nicht. Meine Freunde und ich wollen sie beobachten. Ihr Keller ist so dicht verrammelt, dass ich nicht durchblicken kann. Könnt ihr das erkunden und mir sagen, was da drin ist?“
Alban quietscht leise:
„Warte Robert, ich bin gleich wieder da, das ist überhaupt kein Problem für uns.“
Geräuschlos huscht die weiße Ratte weg. Es vergehen keine zwei Minuten, schon ist sie wieder da.
„Der Keller ist fast leer. Es sind nur einige Regale montiert, dann steht da ein Karton mit Büchern. Außerdem steht eine Liege zwischen den Regalen. Robert bedankt sich zufrieden und sagt zu Alban, wie schön es ist, solche Freunde wie ihn zu haben. Chris hat am ersten Tag seines Einsatzes nichts entdeckt. Es war langweilig, er hat sich den ganzen Tag sinnlos herumgedrückt, ist ständig ums Hochhaus geschlichen, und nichts ist geschehen. Natürlich ist so etwas frustrierend. Heute hat Tim Dienst. Er sieht den Lieferwagen kommen und läuft sofort ins Treppenhaus. Unbefangen steht er bei den Briefkästen und tut so, als ob er die Werbeprospekte lesen würde. Er hört erregte Stimmen näher kommen. Es sind Ausländer, jedenfalls sprechen sie nicht Deutsch. Als die Leute Tim sehen, sind sie ruhig. Es sind zwei Männer, begleitet von drei jungen Frauen. Sie steigen in den Fahrstuhl, und Tim sieht, dass sie in den siebten Stock fahren. Den Rest des Tages sieht Tim sie nicht mehr. Auch das Auto bleibt auf dem Parkplatz unbenutzt stehen. Eigenartig, so viele Menschen in einer Vierzimmerwohnung. Da muss doch auch noch die junge blonde Frau dabei sein, die sie anfangs gesehen haben? Die mit den verweinten Augen und dem tollen Minirock.
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