Auch gut gestohlen wird der "Uni-Ausschuss" holen.
Aber es gibt immer noch die völlig schamlose Variante. Unter der Überschrift "Der Plagiator von Budapest" heißt es in der BZ vom 30. März 2012, Ungarns Präsident Pal Schmitt verliere seinen Doktortitel und sein Amt. Von 215 Seiten waren 180 Seiten wörtliche Zitate und natürlich nicht ausgewiesen. Siebzehn weitere Seiten waren aus einer zweiten Quelle.
Zurück zu Aristoteles. In etwas gesuchter Art wäre es denkbar, von dem „Humanum der Sprache“ zu sprechen, um die aristotelische Definition zu umgehen, die da besagt, die Sprache sei das Wesensmerkmal des Menschen. Diese Definition kennnt jeder Fachwissenschaftler. Sich so durchsichtig an Aristoteles anzulehnen, würde bedeuten, gerade auf den hinzuweisen, dessen Name nicht erwähnt wird. Man kann sich nicht sehr gut Zitate zu eigen machen, indem man sie geringfügig abändert. "Wer immer eifrig sich bemüht …" (statt „strebend“) Ist das noch Goethe oder bin ich das schon. Sprachlich ist beides korrekt. Aber stilistisch vermisst man doch den Klassiker. So selten ist die trickhafte Verwendung von fremden Ideen nicht, bei denen die Umformulierungen amüsant sein können. Irgendwann erfüllen sie dann aber den Tatbestand des Plagiats.
Die sprachliche Abänderung eines Zitats, um es für sich zu reklamieren, fällt mit Sicherheit auf, wenn es um das Abkupfern von Buchtiteln geht, die im Wissenspool wohl bekannt sind. Wer aus dem Titel eines Psychologen "Flüchten oder Standhalten" (Horst-Eberhard Richter) ein "Fliehen oder Standhalten", sogar „Fliehen oder Stehenbleiben“ macht, um den Gedanken zu usurpieren, fällt mit Sicherheit auf.
Die Sprache ist schließlich zu allem fähig, selbst zu Kapriolen wie diesen. Das Großartige ist, dass man trotzdem versteht, was gemeint ist. Die meisten Menschen sagen ja auch, was sie meinen. Manchmal aber mit abenteuerlichen Begriffen. Das kann so weit gehen, dass man sich herausgefordert sieht, ihnen mit Wohlwollen entgegen zu kommen, das heißt, sich mehr anzustrengen, sie zu verstehen als sie sich Mühe geben, klar zu sein. Es ist nicht eigentlich Sache des sprachlichen Ausdrucks, durch Unklarheiten kostbare Aufmerksamkeitsenergie zu binden, vor allem, wenn kein Witz und keine geistreiche Pointe damit verbunden sind.
Das geistige Haschmich ist dann die zu vermutende Überlegung: Wer sich gedanklich klar erkennbar anderweitig inspirieren lässt und sprachlich so dicht am Vorbild handeln will, muss wohl denken, nach 2300 Jahren ist auch bei einem Aristoteles schließlich das Copyright abgelaufen oder, wer will sich nach 2300 Jahren noch an die Wortwahl seiner Definitionen erinnern. Es gehört zur Grundausstattung der akademischen Welt, dass man weiß, woher und von wem bestimmte Begriffe unserer Ideengeschichte stammen und in welchen gedanklichen Situationen man auf ihre Quelle hinweisen muss. Die "Idee" ist Allgemeinwort, "Entelechie" ebenso, bei " a priori", "Phänomenologie" oder "Zufall und Notwendigkeit" kann man schwanken und die Ursprünge nennen. "Unschärferelation" ist fest an einen Namen gebunden. Dann kann man auch sehen, dass ein Begriff wie "Evolution" frei verfügbar ist, da er schon im Mittelalter gebräuchlich war und ausreichend nivelliert (die Bedeutung ist nicht mehr scharf abgegrenzt) ist.
1.1.2 Plagiat und Fachtermini
Die Handschlagmillionen kommen manchem fast schon wie nicht ganz saubere "Wegnahme" fremden Eigentums vor, legal schon, aber irgendwie nicht legitim, er denkt an die Oma mit ihren Steckrüben und die Einkommensschere, die immer größer wird. Die meisten Akademiker haben nichts damit zu tun. Sie sind eher pingelig, wenn man ihnen schon ein Wort, einen Begriff wegnimmt. Kompetenz ist etwas sehr eigenes, Originalität ganz bestimmt. Einem Autor einen schönen Begriff – "ratiomorpher Apparat" zum Beispiel – wegnehmen, könnte für ihn schmerzlicher sein als für einen anderen ein Millionenverlust auf dem Konto. Denn es ist ein Diebstahl an seiner Kompetenz, Originalität, Individualität. Es muss hier noch einmal darauf eingegangen werden. Übernehmen ist erlaubt, solange man weiss, was man da tut. Oder man muss sagen, "meine Ideenlehre ist ganz anders, ihr monistischer Ansatz gehört ganz mir."
Der Biologe Konrad Lorenz (gest. 1989) benutzt den Ausdruck "Ratiomorpher Apparat" als Wortschöpfung des Psychologen Egon Brunswik (gest. 1955), auf den er hinweist, um bestimmte Phänomene der Wahrnehmung in ihrer Analogie zu rationalen Vorgängen zu bezeichnen (ratio = Verstand und morph = in eben dieser Form). Er erwähnt ausdrücklich Brunswik. Später wird der Ausdruck benutzt, ohne den, der ihn prägte, zu nennen. Konrad Lorenz hat den Begriff "Fulguration" für spezielle, plötzliche Evolutionsmomente reserviert, da ihm "Emergenz" das falsche Bild zu liefern schien. Wer "Fulguration" (lat. fulgor = Blitz) verwendet, muss nicht, wie es scheint, unbedingt auf Lorenz hinweisen, da es eine Abstammung aus dem Mittelalter hat, häufig wird es aber getan, weil Lorenz den Begriff revitalisiert hat. Das kann man auch als Kompliment an den Autor sehen, wenn seine Begriffsschöpfung sich eingebürgert hat und gängige Münze geworden ist. Man muss prüfen. Ad hoc formulierte Wörter wie "Abwimmelaktionen" und "Abwimmler" für Krankenkassen, die nicht ganz korrekt alte und kranke Antragssteller zurückweisen, wird man, der Zeitung kann man es entnehmen, wohl nicht mit dem Namen des Autors nennen müssen. (BZ, Bernhard Walker, 17. Mai 2011 , Überflüssig und empörend ). Aber Wortschöpfungen eines Humanwissenschaftlers, "bis sie Allgemeingut" geworden sind, werden schon aus Vorsicht länger als unbedingt notwendig, "urheberrechtlich" ausgezeichnet. "Ansich-Sein" (Hegel), "Dasein" (Heidegger) und andere wird man ohne weiteres benutzen können. "Haus des Seins" (Heidegger), "Epoché" (Husserl, Abschneiden von unwesentlichen Merkmalen) verwendet man wohl am besten mit Nennung ihres Autors. Bei "Delegationsmodus", (wenn die Kinder noch lange an der langen Leine von den Eltern geführt werden und das tun, was sie sagen, so bei dem Psychologen Helm Stierlin zu lesen) und bei einem schon lange in Gebrauch stehender Ausdruck wie "Archetyp" wird man schon allein, um den Sinn zu präzisieren, auf den Urheber hinweisen, muss es aber wohl nicht.
Die genannten Fachtermini sind Beispiele auch dafür, dass sie nicht individualisiert werden können als seien sie Eigennamen. Diese Freiheit gibt es nicht beim Sach- und Fachwort, was aber auch einen Teil seiner Sachlichkeit ausmacht. Nur in der gesprochenen Sprache, in Poesie und Prosa, können ohne weiteres ganze Geschichten, ganze Narrative mit einem einzigen Ausdruck verbunden werden, mit auf die Spitze getriebener Einmaligkeit.
Für die gesprochene Sprache gibt es durchaus eine Dimension, die die Einmaligkeit des Ausdrucks zu behaupten erlaubt, das sei hier angefügt. Denkbar ist, dass eine begnadete Sprecherin ein Wort wie "norddeutsche Zementfabrik" so ausgestaltet, dass man an den Südseestrand von Honolulu denkt. Was die Wörter, auch die Sätze sonst noch wissen, beschreibt die Sprachforschung mit dem Begriff "suprasegmental". "Du hier?" kann, je nach Intonation Erstaunen oder höchstes Erstaunen ausdrücken. Den Worten ist etwas drauf gepackt, ein Extra zum reinen Inhalt. Eine "Melodie", die den Ton macht, die etwas bedeutet. Es ist kein Plagiat, wenn man den eines anderen nachäfft, nachahmt, wenn man zur Erheiterung beitragen möchte. Wer einen ausdrucksstarken Sprecher wie Bruno Ganz nachahmt, um es ihm gleich zu tun, verfällt nicht einer Mode, auch nicht einer Manier, sondern bewegt sich Richtung Plagiat, für das es aber keinen Kontrollausschuss gibt. Es sei denn, man spricht von Geschmack.
Noch einmal zum Thema "Humanum" der Sprache. Selbst, wenn es inzwischen andere und ebenfalls prägnante Definitionen für den Menschen gibt, der Erfinder eines wichtigen Gedankens bleibt in Erinnerung und behält ein Urheberrecht. Die Sprüche der Bibel, "Herr, er will mich fressen" erkannte man früher sofort als Bibelzitat, trotzdem wurde durchaus die Fundstelle mitgeliefert ( Altes Testament, Tobias 6, Vers 3), um den Nachdruck zu erhöhen, mal aber nicht. "Der Untergang des Abendlandes" (Eduard Spranger, Philosoph, Pädagoge). "Unschärferelation" (Werner Heisenberg, Physiker), "Prägung" (Konrad Lorenz, Biologe), "Die skeptische Generation" (Helmut Schelsky, Soziologe), "Flüchten oder Standhalten" (Horst E. Richter, Psychoanalytiker), "Die Risikogesellschaft"((Ulrich Beck, Soziologe), sind Ausdrücke, die von einem bekannten Urheber stammen und sehr viel, in der Art eines Schlagwortes, Gedankliches zusammenfassen. Man kann sie, anders als "Atom", "Idee", nicht benutzen, ohne auf den Urheber hinzuweisen oder an ihn explizit zu "denken", auch wenn man in leicht veränderter Form dessen Gedanken adoptieren und als eigene Schöpfung in den Text einbringen will. Es fällt in einer Untersuchung nicht immer auf, dass fremde Ausdrücke und Gedanken nicht ausgewiesen werden, weil die Korrektoren nicht die ganze Literatur kennen. Aber es sind da Computerprogramme, die sie aufdecken.
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