Wer später hier über Lucy liest, wird begreifen, dass unser Wahrnehmen im Detail und im Ganzen ein Lernprogramm war, das eine der ersten Erfindungen des Menschen auf dem Weg seiner geistigen Entwicklung notgedrungen sein musste und auch war. Von der ersten lichtempfindlichen Zelle als punktuelle Errungenschaft, die den Gesamtorganismus günstig steuert, zum Hominiden, der über Blickwendungen und die Wahrnehmung des Weißen in den Augen der Artgenossen das Bündeln von Aufmerksamkeit in seiner Horde erreicht, wenn diese Hypothese des Psychologen Michael Tomasello denn so stimmt, sind immer Kontexte angesprochen, in denen Detail und Überblick eine entscheidende Rolle spielen. Per Transfer werden sie zum Universalschlüssel, der das detailliert bewusste Beobachten mit den Fähigkeiten des sogenannten ratiomorphen Apparates verbindet. Er steuert über festgelegte Automatismen Reaktionen und unsere Wahrnehmung selbst, die nicht unserem Willen unterliegt. Wer 20 Minuten braucht, um die Cafeteria zu finden, lernt zwei Kollegiengebäude und den Grad durchschnittlicher Höflichkeit von Hausmeistern und Kommilitonen kennen. Er macht aber auch aus einem Labyrinth die bekannte Westentasche, in der er sich zukünftig zurecht findet. Viel Überblickswissen muss man sich gerade in der ersten Zeit schlicht erlaufen, Schritt für Schritt, wozu Lucy, unser begabter Vorfahr, tausende von Jahren brauchte, um die Technik, auch für uns, zu erwerben.
Drum sei ihr hier eine kurze Abschweifung gewidmet. Da immer wieder eine neue Kandidatin gefunden wird, die unsere Urahnin genannt werden muss, muss auch mit weiteren Merkmalen gerechnet werden, die ihr zukommen. Die 30jährige Mama Sediba (2010 im Südafrika gefunden) lebte vor 2 Millionen Jahren und bereitete schon das Sprachzentrum vor. Sie konnte aufrecht gehen, in den Bäumen schwingen und selbst gefertigtes Werkzeug benutzen: ein Lebewesen an der Schwelle zwischen Mensch und Affe.
(Johannes Dieterich, Lebewesen zwischen Affen und Mensch , BZ 9. 9. 2011).
Lucys Oma? Die Zeitspanne beträgt zwischen den letzten Australopithecinen (Südaffen, 2 bis 4 Millionen Jahre) und den ersten Exemplaren der Gattung Homo mit 1,9 Millionen Jahre so viele Jahre an Generationen, dass noch mancher Fund der Anthropologen hineinpasst.
Nicht in jedem Fall, aber in der Welt der Überraschungen, wie sie die akademische bereit hält, gibt es den naiven Approach und den altklugen. Wer die Cafeteria, die Seminarbibliothek sucht ohne zu fragen, wer die Tücken des Zentralkatalogs in eigenwilliger Hartnäckigkeit knackt, darf einen hohen Ertrag an Entdeckerfreuden für sich verbuchen. Aber die Suchkosten sind dagegen abzuwägen. Hier liegt eine der frühen Gelegenheiten, etwas über persönliches Zeitmanagement zu lernen, das per Transfer vielseitig im Studium verwendbar ist. Wer es freilich fertig bringt, erst am Ende seines Studiums herauszufinden, wo der Eingang zur Universitätsbibliothek ist, wird sicher nicht Professor, aber ein Meister der Improvisation ist er schon.
Der altkluge Approach folgt dem Prinzip der guten Vorbereitung. Der Studierende weiß Bescheid, noch bevor er sie in Anspruch nimmt, welche Anlaufstellen am Lehrstuhl welches geistige Profil aufweisen. Welche Personen und Themen für ihn besonders relevant sein könnten. Er macht sich Notizen über Uhrzeiten von Sprechstunden, von mündlichen Tipps, die ihm behaltenswert erscheinen. Niemand will eine Gebrauchsanleitung für sein Leben selbst. Es soll ja Menschen geben, die vor dem ersten Kuss das Kamasutra studieren und dann, wenn es so weit ist, im falschen Kapitel landen. Eine persönlich entwickelte Mischung von Spontaneität und Klugheit macht Freude, wenn alles unauffällig "läuft".
Wer sein Studium als Kunstwerk auffassen möchte, pointillistisch oder expressiv, nur nicht Stillleben, sollte sich um den rechten Musenkuss bemühen. Wenn der Geist blitzen soll, muss er eine sinnvolle Basis haben: Rechtschreibung und Kommaregeln sollte man nicht verachten. Selbständig abgefasste Arbeiten setzen sie voraus. Wer sich im letzten Augenblick um sie kümmert, gerät leicht in Zeitnot.
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