»Das ist Gotteslästerung«, riefen sie und hielten ihn fest. Sie schickten einen zu Saul, von dem sie gehört hatten, dass er diese abtrünnigen Juden verfolge.
Saul schickte sofort auch jemand zu mir, ich solle unverzüglich zur Synagoge der Griechen gehen. Ich machte mich auf den Weg. Wir kamen gleichzeitig dort an. Wir sahen sofort, dass die Männer heftig auf einen einredeten, den sie festhielten, und ihn beschimpften. Saul fragte sie, was sie mit dem Mann vorhätten.
»Er ist des Todes schuldig«, sagten sie. »Er hat Gott gelästert.«
»Ist er einer von denen, die der Sekte jenes Jesus angehören, der gekreuzigt wurde?«, fragte er.
Als sie bejahten, gingen wir mit ihnen hinaus.
»Er hat nichts anderes verdient,«, sagte Saul zu mir.
Draußen vor der Mauer zogen sie Stephanus die Kleider ab und legten sie Saul vor die Füße. Dann hoben sie Steine auf und warfen sie auf Stephanus.
»Warum wirfst du nicht auch Steine auf ihn?« fragte mich Saul, als ich wie er nur zuschaute. »Als Hauptmann warst du doch wohl auch nicht so zimperlich.«
Ich glaube, er wollte mich prüfen, ob ich für sein Vorhaben, diese Sektierer zu vernichten, geeignet sei.
Also nahm ich auch einen Stein und warf ihn auf Stephanus.
Unaufhörlich prasselten die Steine auf ihn. Er war schon längst auf die Knie gesunken und konnte den Geschossen nicht mehr ausweichen.
Stephanus rief laut: »Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!« Und schwer am Kopf getroffen, fiel er zu Boden.
Wir hörten, wie er sagte: »Herr, laste ihnen diese Sünde nicht an.«
Weiter flogen Steine auf ihn, selbst dann noch, als er bereits tot war.
Saul hatte regungslos zugeschaut.
»Recht ist ihm geschehen«, sagte er zu mir. »Allen sollte es so ergehen, die Gott lästern.«
Als wir die Stätte dieser Hinrichtung verließen, musste ich an die letzten Worte des Gesteinigten zurückdenken. Wie war das möglich, dass einer, der so hingerichtet wird, für seine Mörder um Verzeihung bittet? War sein Glaube so groß oder war er einfach verblendet? So weit also trieben es diese Apostel mit ihrer Irrlehre, dass die Menschen sich blindlings ins Verderben stürzten.
Dachte auch Saul so?
Auf jeden Fall, so durfte es nicht weitergehen. Dieses Übel musste an der Wurzel ausgerottet werden. Wir wollten dafür sorgen, dass diese Sekte restlos vernichtet würde.
In der Nacht darauf hatten einige fromme Männer den toten Körper des Stephanus an einen geheimen Ort gebracht und beerdigt.
Einige Tage später saßen die Apostel des Abends beisammen hinter verschlossenen Türen. Sie waren beunruhigt über das, was sie gehört hatten. Drei der sechs Mitarbeiter von Stephanus, die wie jener versuchten, die Juden zum Glauben an Christus zu bewegen, wurden bedroht und waren aus Jerusalem geflohen.
Saul, so wurde bekannt, habe eine Schar junger Leute um sich gesammelt, die nun unter seiner Führung Juden, die sich hatten taufen lassen, aus ihren Wohnungen schleppten und sie ins Gefängnis brachten, wo sie geschlagen worden seien. Es hieß, einige seien im Gefängnis gestorben und andere, die sich gewehrt hätten, seien auf der Straße erschlagen worden.
Angst hatte sich breit gemacht. Wer konnte, der floh aus Jerusalem.
»Und was sollen wir tun?«, fragten einige der Apostel.
»Wir bleiben in Jerusalem«, antwortete Petrus. »Doch wir müssen vorsichtig sein. Wir wollen Saul in den nächsten Tagen keinen Anlass geben, um auch uns gefangen zu nehmen.«
»Ich bin gleicher Meinung wie Petrus«, sagte Johannes. »Beten wir zum Herrn, er wird uns schützen und uns weisen, was wir tun sollen. Vertrauen wir auf ihn. Er hat uns aus dem Gefängnis errettet. Er wird auch weiterhin dafür sorgen, dass uns nichts geschieht.«
»Jesus hat uns vorausgesagt, dass wir verfolgt und um seinetwillen getötet werden«, warf Jakobus ein. »Wäre es nicht besser, doch auch aus Jerusalem zu fliehen?«
Petrus antwortete ihm: »Er wird uns nicht sterben lassen, ehe wir seinen Auftrag erfüllt und allen Juden seine frohe Botschaft verkündet haben.«
Auch Maria, die Mutter von Jesus, und die andern Frauen glaubten, es wäre das Beste, vorerst in Jerusalem zu bleiben und abzuwarten, was der Herr mit ihnen vorhabe.
Unter jenen, die fliehen wollten, wählten die Apostel sieben Männer als Evangelisten.
»Verlasst Judäa und geht nach Samarien und Galiläa oder nach Syrien«, hatten ihnen die Apostel geraten. Dort sollten sie die Botschaft Jesu weiter verbreiten.
Unter ihnen war auch einer mit Namen Philippus. Er sagte:
»Ich werde nach Samaria gehen. Viele unserer Freunde sind nach Samarien geflohen. Ich möchte bei ihnen sein. Ich fühle es, es ist meine Aufgabe, sie dort zusammenzuführen und mit ihnen eine Gemeinde aufzubauen.«
»So geh und tu, was du tun musst. Der Heilige Geist ist mit dir«, sagte Petrus.
Am nächsten Morgen, ehe es Tag wurde, verließ Philippus die Apostel und machte sich mit dem Segen aller auf den Weg.
In der Stadt Samaria angekommen, suchte Philippus zuerst jene zusammen, die aus Jerusalem geflohen waren. Dann begann er zu predigen, und die Menschen liefen herzu, wenn er von Jesus als dem Messias sprach, und lauschten seinen Worten. Viele ließen sich taufen. Und Philippus heilte viele Lahme und Blinde und von bösen Geistern Besessene.
Saul hatte sein Versprechen gehalten. Ich verlor allerdings meine Stellung als Hauptmann, aber ich sollte sein militärischer Berater werden. Die Soldaten, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, standen unter seinem Befehl.
Vom Hohenpriester hatte Saul die Vollmacht erhalten, gegen die Anhänger der Sekte rücksichtslos vorzugehen und sie vor Gericht zu bringen. Wo wir sie fanden, drangen wir in die Häuser ein, nahmen sie, wenn nötig mit Gewalt, gefangen und führten sie vor die Richter.
Gerne hätte Saul auch die Apostel gefangen genommen. Aber Gamaliel, den Saul hoch achtete, hatte ihn gewarnt. Man habe die Apostel auf seinen Rat hin laufen lassen, und er wolle nicht, dass man ihm Wortbruch vorwerfen könne. Wie er ihm bereits erklärt habe, regle sich die Sache nach einiger Zeit von selbst.
Saul respektierte das, obwohl er meinte, man müsse das Übel mitsamt den Wurzeln ausreißen, und die Wurzeln seien schließlich die Apostel.
Umso leidenschaftlicher ging Saul gegen die andern vor, und ich tat es ihm gleich. Wir wussten, dass viele dem Tod überantwortet wurden.
Als die meisten geflohen waren und wir kaum mehr jemand gefangen nehmen konnten, gingen wir zum Hohenpriester.
»Wir haben unsere Arbeit in Jerusalem getan, so gut wir konnten«, sagte Saul. »Aber viele sind geflohen. Wir wissen nicht, wohin sie gegangen sind. Es scheint, dass die meisten nach Norden gezogen sind. Wir nehmen an, dass sie unser Land verlassen haben.«
Saul glaubte nicht, dass sie sich in Samaria oder Galiläa aufhielten. So weit reichte nämlich die jüdische Gerichtsbarkeit.
»In Damaskus gibt es eine große jüdische Gemeinde«, fuhr Saul fort. »Es ist wahrscheinlich, dass sie dort Zuflucht suchen. Ich bitte darum, dass Ihr mir Briefe an die Synagogen mitgebt, in denen Ihr bittet, Männer und Frauen, die der neuen, verderblichen Lehre anhangen, nicht aufzunehmen, sondern mir zu übergeben, damit ich sie gefesselt nach Jerusalem zurückbringen kann, wo sie dann abgeurteilt werden können.«
Der Hohenpriester war einverstanden, ließ Briefe an die Vorsteher der Synagogen in Damaskus aufsetzen und überreichte sie Saul.
Wir rüsteten uns für den weiten Weg. Außer Saul und mir waren noch fünf berittene Soldaten, die Ketten und Seile mitführten, um die Gefangenen sicher nach Jerusalem zurückschleppen zu können. Wir zogen in Betracht, in Damaskus Wagen zu kaufen, auf denen wir sie dann anketten würden. So verließen wir Jerusalem und zogen hinab gegen Jericho. Von dort ging es weiter im Jordantal hinauf zum See Genezareth.
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