„Als ich zwanzig war, bekam ich meinen ersten Heiratsantrag und ich wusste nicht was ich machen sollte. Da bin ich im Feld spazieren gegangen. Der Mond stand am Himmel und ich hab ihn angeguckt, als wenn er mir einen Rat geben könnte, er hat ja auch so ein Gesicht. Und dann habe ich eine leise Stimme gehört. Die kam nicht vom Mond, auch nicht vom Himmel. Nicht von vorne, nicht von hinten und nicht von der Seite. Die Stimme war in mir. Und die Stimme sagte, mach das. Es ist richtig. Und da hab ich unseren Fennand geheiratet.“
Schallendes Gelächter schlug ihr entgegen und ein älterer Bauer rief: „Du meinst aber nich', dass du der liebe Gott bist, Elsbeth, oder etwa doch?“
Bevor „Elsbeth“ antworten konnte, erfüllte plötzlich ein entsetzliches Klirren den Raum und etwas Brennendes traf die selbst ernannte Prophetin am Kopf. Wie ein geölter Blitz rannte der Polizeibeamte nach draußen, um den Werfer des Brandsatzes zu erwischen, aber er war nicht schnell genug. Friedel Muesmann, Kathrins Hauptverdächtiger konnte es diesmal nicht gewesen sein, aber vielleicht steckte auch eine Bande von mehreren Tätern dahinter. Sie musste herausfinden, mit wem Muesmann regelmäßig Kontakt hatte. Der Polizist, der unverrichteter Dinge zurück gekehrt war, stellte immerhin einen Zettel sicher, der zusammen mit einem Stein, dem Brandsatz hinterher geflogen war. Darauf stand: „Aber der Herr war nicht im Feuer“.
Der Pfarrer beendete die Veranstaltung mit den Worten: „Ich weiß nicht, wer hier wütet und warum, aber ich bitte Sie alle eindringlich, morgen wieder zu kommen. Wenn wir die Bibelwoche abbrechen, haben der oder die Täter ihr Ziel erreicht. Das sollten wir ihnen nicht gönnen. Ich werde um zusätzlichen, polizeilichen Schutz bitten, so dass solche Anschläge, wie in den letzten drei Tagen nicht mehr vorkommen.“
Kathrin zögerte den Heimweg so lange wie möglich hinaus. Sie wandte sich schließlich an Pastor Friedewald: „Denken Sie nicht auch, dass es einer sein muss, der weiß, welcher Bibeltext drankommt?“
„Aber das ist doch nicht schwer, Kathrin.“, antwortete der Pfarrer. „Das steht ja im Programm, das kann doch jeder lesen.“
„Stimmt.“, gab sie kleinlaut zu. „So genau habe ich mir das gar nicht angeguckt.“
„Hast du denn jemanden in Verdacht?“
„Na ja, Montag und Dienstag dachte ich schon, dass es der Muesmann ist, weil der so krass drauf ist, aber der kann es ja heute nicht gewesen sein.“
„Das kann ich mir aber auch beim besten Willen nicht vorstellen.“, entgegnete der Pfarrer. „Ich habe zuerst an Streiche von Jugendlichen gedacht, aber das war ja am Dienstag schon deutlich kein Spaß mehr. Ich sehe mir gleich noch mal den Text für morgen an und überlege, was für einen Unsinn die Täter sich vielleicht diesmal ausdenken könnten, dann ist die Polizei besser vorbereitet.“
Donnerstag, 01.04.1982:
Der Polizist, der am Mittwoch ehrenamtlich die Gemeinde beschützt hatte, wurde diesmal von einem jungen Beamten aus der Kreisstadt unterstützt, einem gewissenhaften, aufstrebenden Streifenbeamten, der eine Kommissar-Laufbahn plante. Stefan Keller hatte sich eingehend berichten lassen, was in den vergangenen drei Tagen vorgefallen war und war mit dem Pfarrer den heutigen Text durchgegangen, mit dem Ergebnis, dass es nochmals zu einem Brandanschlag kommen konnte. Er würde das umliegende Gelände während der Veranstaltung bewachen und vor Beginn am Eingang eine Taschenkontrolle veranstalten, insbesondere bei den zahlreichen Jugendlichen, die heute erwartet wurden, denn Donnerstags traft sich normalerweise der Jugendkreis.
Das erste Kapitel im zweiten Buch der Könige war heute Gegenstand der Erörterungen und die immerhin elf Jugendlichen, die sich überwiegend widerwillig zur Bibelwoche geschleppt hatten, waren dankbar für die mögliche Sensation, die die Langeweile der an endlose Schulstunden erinnernden Veranstaltung vertreiben könnte.
In der Biblischen Geschichte befragt der König von Israel die falschen religiösen Führer, als er von einer Krankheit gequält wird. Da sucht Eliah ihn auf und erklärt, dafür werde Gott ihn mit dem Tode bestrafen. Nun soll Eliah von 50 Männern verhaftet werden, die auf sein Wort von einer Feuersbrunst verschlungen werden. Das wiederholt sich noch zwei Mal und am Ende stirbt der König Ahasja.
Karl Bredemeier fand, dass diese Geschichte ein wunderbarer Beweis für die unbeugsame Macht Gottes sei und wanderte umgehend auf Kathrins Liste der Verdächtigen. Mit wachsamen Luchsaugen blitzte er die Jugendlichen herausfordernd an und sagte: „Jetzt äußert ihr euch doch auch mal dazu.“
Die Mehrheit zuckte mit den Schultern, nur Marc meinte: „Also ich hätte auch gern so Superkräfte, wenn mich eine Hundertschaft verhaften will, dann lasse ich einfach Feuer regnen und die können mir gar nichts. Obwohl das hier ja nur 'ne halbe Hundertschaft ist. Aber das ist auch schon nicht schlecht.“
Etliche ereiferten sich über die Respektlosigkeit der Jugend von heute, nur Hannelore Rathert erklärte: „Ich finde diese Geschichte ganz furchtbar, die liest sich ja wie eine Aufforderung, Menschen, die an etwas Anderes glauben, nicht als Menschen zu sehen, sondern als Schlachtvieh, das ruhig sterben darf. Wenn das in allen Religionen so wäre, hätte die Menschheit sich bald gegenseitig ausradiert.“
„Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht.“, unterstützte Pastor Friedewald sie. „Ich weiß nicht, welches Motiv die Person oder die Gruppe antreibt, die uns in diesen Tagen attackiert, aber ich gehe davon aus, dass auch die sich im Recht fühlen. Doch es kann nicht richtig sein, Menschen abzuschlachten, weder aus Gier noch im Namen Gottes. Ich sehe den Propheten in einem Lernprozess. Im 1. Buch der Könige tötet er noch aus Eifer. Hier nur noch, um sich zu verteidigen.“
„Aber er hätte sie doch einfach auch nur KO gehen lassen können.“, meinte Birte aus dem Jugendkreis. „So wie Mr. Spock das immer macht. Wieso muss der die Soldaten gleich umbringen? Die haben sich doch nicht ausgesucht, dass sie ihn verhaften, die handeln doch nur auf Befehl des Königs.“
„Ja, das ist ein guter Gedanke.“, gab der Pfarrer dem Mädchen Recht und Friedel Muesmann platzte nun endgültig der Kragen. Schlimm genug, dass die Jugend die Heilige Schrift so achtlos auseinander pflückte, jetzt machte der Pfarrer auch noch mit. Die Lebhaftigkeit der Diskussion überbot alles, was die vorangegangenen Tage zu bieten gehabt hatten.
Als der Pfarrer den Schlusssegen sprach, gingen alle friedlich auseinander, erleichtert darüber, dass diesmal nichts passiert war. Die Polizisten verabschiedeten sich ebenfalls und versprachen, trotzdem am Freitag noch einmal dabei zu sein, denn offenbar hatte ihre Anwesenheit das Schlimmste verhindert.
Der Jugendkreis stand noch auf dem Parkplatz zusammen und sah der älteren Generation beim Abflug zu. Sie mussten alles herauslassen, was sich innerhalb der vergangenen neunzig Minuten in ihnen angestaut hatte und sie dachten noch lange nicht an Aufbruch. Darum war es auch nicht klar, ob speziell ihnen oder zufälligen Opfern das Feuerwerk galt, das plötzlich lautstark und brennend auf sie herab regnete. Birte war für die nächste halbe Stunde gehörlos und in entsetzlicher Panik, Mark hatte kleine Verbrennungen im ganzen Gesicht und Kathrin konnte vor lauter Entsetzen nicht mehr aufhören zu weinen. Der Täter war wieder durch die Dunkelheit geflüchtet und wie jedes Mal hatte er eine Botschaft hinterlassen: „2. Könige 1,10“. Eine Stunde später sah Stefan Keller in der Bibel nach: „Bin ich ein Mann Gottes so falle Feuer vom Himmel und fresse deine 50 Mann. Da fiel Feuer vom Himmel und fraß ihn und seine 50 Mann.“
Auch wenn es keine Toten gab, so handelte es sich um nichts anderes als Terror und der Terror hatte Methode.
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