Nach dem letzten Lied sprach Pastor Friedewald Kathrin an und raunte ihr zu: „Ich fand es gut, dass du dich gemeldet hast und ich finde auch, dass du Recht hast. Hoffentlich ist dir aufgefallen, dass die Mehrheit der Erwachsenen hinter dir steht. Ein paar Spinner, die übers Ziel hinaus schießen, findest du in jedem Verein.“
Kathrin bekam schon wieder rote Ohren, wusste nicht, was sie sagen sollte und verschwand zur Toilette, denn im Gegensatz zu den ungeduldigen Erwachsenen, hatte sie bis zum Ende durchgehalten. Als sie in den Flur trat, bot sich ihr ein Bild des Schreckens:
Heinrich Brockmeier lag in einer Blutlache und rührte sich nicht. Eben hatte er noch das Waldhorn geblasen und jetzt schien alles Leben aus ihm gewichen zu sein. In ihrer kindlichen Unbeholfenheit lief sie zurück in den Saal und rief um Hilfe.
Glücklicherweise war der Bläser schon wieder bei Bewusstsein. Er war ausgerutscht und mit dem Hinterkopf auf die Fliesen geschlagen. Dabei hatte er sich eine Platzwunde zugezogen und für wenige Augenblicke das Bewusstsein verloren. Merkwürdig war nur, dass er in einer Ölpfütze ausgerutscht war und dass man ihn mit Mehl bestäubt hatte. Mit dem Scheibenwischer hatte jemand an der Windschutzscheibe seines Autos einen Zettel befestigt auf dem stand: „1. Kö 17,14“. Der Pfarrer sah sofort nach und las:
„Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden. -
Wer macht denn so einen Blödsinn?“, fragte er ärgerlich. „Das hätte übel enden können.“
Kathrin radelte mit dem sicheren Gefühl nach Hause, dass sie den Täter kannte und sie war sicher, dass sie ihn in den nächsten Tagen überführen konnte.
Dienstag, 30.03.1982:
Heute erschien neben dem harten Kern der Kirchenchor zum erbaulichen Abend mit dem Propheten Eliah. 1. Könige 18 stand auf dem Programm; Das Gottesurteil auf dem Karmel – eine barbarische Geschichte, in der der Prophet, den Baalspriestern die Machtlosigkeit ihrer Götter und die wirksamen Zauberkräfte seines Gottes demonstriert. Nach dem „Quod erat demonstrandum“ (was zu beweisen war) vollzieht er den aus seiner Sicht vollkommen gerechtfertigten Richterspruch und metzelt hunderte Priester mit dem Schwert nieder.
Gerade schwieg die Menge betroffen angesichts der grausamen Bilder, die durch jedes Kopfkino liefen, da wurde die Tür aufgerissen und ein blutüberströmter Kirchenchorsopran stolperte wie eine Fleisch gewordene Phantasie herein. Helga Wiesemann. Nachdem sie flankiert von mindestens acht Helferinnen und Helfern Platz genommen und sich ein wenig beruhigt hatte, konnte man ihrem Gestotter entnehmen, dass jemand ihr etwas auf den Kopf geschlagen hatte, als sie eben ihr Auto abschließen wollte. Sie hatte im Fallen eine Berührung am Hals bemerkt und als sie wieder zu sich kam, gefühlt, dass sie stark blutete.
„Wir müssen umgehend die Polizei einschalten.“, erklärte Pastor Friedewald. „Ich gehe eben nach drüben und rufe an. Die sollen sofort hier her kommen.“
Zwanzig Minuten später waren zwei Streifenbeamten vor Ort. Mittlerweile hatte Helga Wiesemann einen Zettel in ihrer Manteltasche gefunden, auf dem stand: „1. Kö 18,21“. Diesmal schlug Kathrin die Bibel auf und las vor: „Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten? Ist der Herr Gott, so wandelt ihm nach, ist's aber Baal, so wandelt ihm nach.“
Als die Polizei endlich da war, wagte sie nicht, sich mit ihrem Verdacht an die Beamten zu wenden, schließlich war ihr Hauptverdächtiger im Raum und sie fragte sich, ob er zur Tatzeit kurz draußen gewesen war. Sie konnte es nicht sagen.
Mehr als die Hälfte der verfügbaren Zeit war verbraucht und dem Kirchenchor war die Lust auf ein Ständchen gründlich vergangen. Pastor Friedewald erklärte: „Es wäre unpassend, heute Abend mit dem Programm weiterzumachen wie bisher. Ich kann nur sagen, falls jemand meint, sich hier ein paar derbe Scherze erlauben zu müssen, kann ich nur sagen, das ist überhaupt nicht lustig.“ Sein Ton war scharf und er blickte Kathrin plötzlich mit einem energischen Blick in die Augen. Er hatte doch wohl nicht etwa ausgerechnet sie in Verdacht! Das war ja wieder klar. Sie als einziger Teenager bei der Bibelwoche, das war natürlich verdächtig. Aber sie konnte schlecht die Sopranistin niedergeschlagen haben, weil sie wie alle anderen im Saal gesessen hatte. Ihren Hauptverdächtigen hatte sie dummerweise nicht im Blick gehabt, da hatten die Chormitglieder im Weg gestanden, wenn sie sich zum Gesang erhoben hatten. Am meisten ärgerte sich Kathrin, dass ihre körperlichen Reaktionen auf Pastor Friedewalds Ansprache sie zusätzlich verdächtig machten. Aber sie würde morgen wiederkommen und sich einen strategisch günstigeren Sitzplatz aussuchen. Der Pfarrer erklärte: „Vielleicht können wir aus der vorliegenden Geschichte lernen, dass es ins Verderben führt, sich von Gottes Wegen ablenken zu lassen. Doch ich verstehe diese Abwege anders als Eliah nicht in erster Linie als eine Frage der nach außen demonstrierten Loyalität gegenüber unserer Glaubensgemeinschaft sondern als ein Festhalten an den Lebensregeln, die Jesus uns gelehrt hat und dazu gehört auch, dass wir niemanden verletzten oder verängstigen, weder im Scherz noch aus falsch verstandenem Gerechtigkeitssinn. Jesus hat nämlich auch wider den Richtgeist gepredigt.Und nun möchte ich uns allen zum Abschluss noch einen Segen mit auf den Weg geben.“
Mit Luthers Abendsegen schickte er sie nach Hause und Kathrin studierte jedes einzelne Gesicht. Ihr Hauptverdächtiger blickte demütig zu Boden.
Mittwoch, 31.03.1982:
Auf die dringende Bitte von Pastor Friedewald war heute Abend ein Polizeibeamter während des Bibelabends anwesend. Die besonderen Gäste waren diesmal die Damen von der Frauenhilfe. Der Text des Tages stand im 19 Kapitel des 1. Buches der Könige, indem beschrieben wird, wie Eliah in der Wüste unter einem Wachholderbusch liegend in Depressionen verfällt, entweder, weil die Königin Isebel hinter ihm her ist und ihn hinrichten lassen will oder weil ihm das Ausmaß seiner Schuld bewusst wird. Schließlich kommt ein Engel vorbei und fordert ihn auf, zum Berg Horeb zu gehen, wo Gott zu ihm sprechen wolle. Wider Erwarten erscheint ihm sein Schöpfer weder in einem Sturm noch in einem Erdbeben noch in einer Feuersbrunst sondern in einem stillen, sanften Sausen.
Kathrin hatte sich in die hinterste Ecke gesetzt, wo sie sowohl den Eingang, als auch den Zugang zu den Toiletten perfekt im Blick hatte. Ihr Hauptverdächtiger saß nah an der Tür, die zum stillen Örtchen führte und sie fixierte ihn mit eisernem Blick.
Alles blieb friedlich. Es wurde ein Lied gesungen, der Pfarrer bedankte sich für die Schutz bietende Anwesenheit des Polizeibeamten, las den Bibeltext, erklärte einiges zum Verständnis und fragte schließlich in die Menge, an welchem Ort und in welcher Form, Gott zu dem einen oder zu der anderen gesprochen hatte. Er stieß auf eine Mauer des Schweigens. Menschen, die fünf Tage die Woche Kühe molken, Runkeln hackten, Türen bauten, Wände anstrichen, Eintopf kochten, Lebensmittel verkauften oder im besten Fall als Arzthelferinnen oder Verwaltungsangestellte tätig waren, hielten sich nicht für berufen und hörten anstelle eines wispernden Gottes das Plärren des Radios und ließen sich nach Feierabend vom Fernsehen berieseln. Sie interessierten sich dafür, wer heiratete, fremdging, sich scheiden ließ, wer von wem ein Kind bekam, wer arbeitslos war, Schulden hatte, an einer unheilbaren Krankheit litt, wer gestorben war und was die Beerdigung gekostet hatte. Manchmal – vielleicht drei bis acht Mal im Leben, fragten sie nach einem tieferen Sinn und warum der allmächtige, gütige Gott, dieses oder jenes zuließ. Aber ihn sprechen hören? Das taten nur Spinner. Doch dann meldete sich Elisabeth Reimler, genannt Schwachmaars Elsbeth und die hatte schier Unglaubliches zu berichten.
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