„Schön ruhig haben Sie es hier.“, meinte Holly.
„Ja, es ist ruhig. – Möchten Sie etwas trinken? Ich habe auch etwas zu essen vorbereitet, wenn Sie mögen.“
„Ich hatte gestern und vorgestern etwas viel Alkohol. Und ja, Hunger hätte ich schon.“
„Ich hole mal Wasser und Wein. Sie können das mixen, wenn Sie wollen. Ich trinke Bier.“
„Das müssen Sie ja wohl.“, lachte sie.
„Nein, nein, nicht wegen des Geschäfts, ich mag es eben.“ Er brachte die Getränke und setzte sich dann an die Kopfseite des Tisches, rechts neben sie.
„Das Essen dauert noch ein paar Minuten.“ Holly schaute an der imposanten Hausfassade hoch.
„Leben Sie hier alleine?“, fragte sie ohne Hintergedanken. Montanus räusperte sich.
„Ja.“
„Ist das nicht ein wenig einsam?“, lächelte Holly ihn an.
„Man kann alleine sein, ohne sich einsam zu fühlen.“ Das klang fast ein wenig trotzig.
„Sind Sie allein, haben Sie keine Familie oder Freunde?“ Nachdem sie die Worte gesprochen hatte, überfiel Holly ein schlechtes Gewissen. Sie war eine Fremde, hatte sich praktisch selbst eingeladen, der Mann hatte für sie gekocht und jetzt stellte sie ihm solche Fragen. Mit ausdruckslosem Gesicht sprang Montanus auf und eilte in das Haus, um wenig später mit Tellern und einer Auflaufform wiederzukommen. Holly hatte schon gedacht, ihre Unterredung sei beendet worden wegen ihrer vorlauten Fragen.
„Entschuldigung.“, murmelte sie.
„Wie bitte?“, fragte er verwirrt.
„Meine Fragen; ich wollte nicht persönlich werden.“
„Greifen Sie zu. – Ist schon gut. Es ist ja durchaus ungewöhnlich, dass jemand wie ich alleine lebt, aber Sie müssen sich keine Sorgen machen, ich bin wirklich nicht einsam. Ich habe ein paar Freunde, wirkliche Freunde, überall auf der Welt. Ich komme viel herum, wissen Sie.“
„Es schmeckt köstlich.“, meinte sie mit vollem Mund und meinte es auch so.
„Danke.“
„Sind diese Freunde Ihresgleichen?“ Einen kurzen Moment schien er mit der Antwort zu zögern, ja, er schien sich für einen Bruchteil einer Sekunde ertappt zu fühlen. Dann hellte sich seine Miene unmerklich auf.
„Unternehmer, meinen Sie?“ Holly nickte kauend und Montanus lachte.
„Nein, glücklicherweise nicht.“ Sie runzelte die Stirn.
„Warum ‚glücklicherweise‘? Was sind denn das für Leute, Ihre Freunde, meine ich?“ Montanus schüttelte kauend den Kopf.
„Alle möglichen Leute. Alle Hautfarben, jedes Alter, jede Schicht. Wissen Sie, ich kümmere mich nicht so sehr um das Unternehmen, für mich gibt es Wichtigeres.“ Für Satte gibt es auch Wichtigeres als Essen, dachte Holly. Da war sie wieder, seine – Abgehobenheit?
„Was ist wichtiger?“, fragte sie mit Neugier. Er sah sie seltsam an.
„Nun, ich bin sehr an Geschichte interessiert, Politik, Philosophie.“ Er interpretierte ihren Ausdruck, und zwar richtig. „Ich kann mir das leisten, das wollen Sie doch hören, nicht wahr?“ Holly fühlte sich ertappt und sah nieder.
„Entschuldigung, ich wollte Ihnen keinen Vorwurf machen. Ich …“
„Schon gut. Ich kann mir denken, dass ich einem Klischee entspreche. Aber ich habe mir selbst nichts vorzuwerfen. Diesen Luxus gönne ich mir erst seit einem kurzen Abschnitt meines Lebens.“ Den weitaus größten Teil davon habe ich mit Überlebenskampf und Versteckspielen verbracht, dachte er.
Holly schob ihren leeren Teller von sich und lehnte sich zurück.
„Puh, ich bin satt; das war sehr gut.“ Montanus schob ebenfalls den Teller nach vorn und betupfte sich die Lippen mit einer Serviette.
„Digestif?“, fragte er und trank sein Bier leer. Holly nickte verunsichert.
„Dann nehmen wir einen Grappa.“ Grappa. Was war das?
Er räumte ab und erschien mit zwei kleinen, langstieligen Gläsern, einer kleinen Flasche und einem neuen Bier. Holly verzog das Gesicht etwas, als die Flüssigkeit sich ihre Speiseröhre herunterbrannte.
„Was kann ich denn nun für Sie tun, Mrs. Bryant?“ Montanus lehnte sich entspannt zurück.
Holly nahm noch einen Schluck Wein ohne Wasser, um sich Mut zu machen, überlegte kurz und begann, wie sie es sich ausgedacht hatte, was im wesentlichen hieß, zunächst die harmlosere Variante zu erzählen.
„Mein Name ist Bryant, weil meine Großmutter mütterlicherseits einen Bryant geheiratet hat. Ihr Familienname hingegen war Montanus …“ Der Gastgeber hatte sich anscheinend an seinem Bier verschluckt.
„Entschuldigung.“, hustete er in seine Serviette und griff zur Zigarettenschachtel.
„Keine Sorge, wir sind nicht verwandt.“, lachte Holly und fuhr fort: „Die Namensgleichheit liegt ganz einfach daran, dass der Mann und die Frau, die am Anfang unserer Familiengeschichte stehen, als Sklaven einem Mann gehört hatten, der diesen Namen trug. Damals trugen die Sklaven die Nachnamen ihrer Besitzer.“ Sie wartete auf eine Reaktion, erhielt aber keine, außer, dass er sie bemüht ausdruckslos ansah. Sie zog Maddys Bilder aus ihrer Tasche und bekam schon wieder ein schlechtes Gewissen, als Montanus aufsprang und hineinging. Kurz darauf wurde es hell auf der Terrasse und er setzte sich wieder, so dass sie ihm die Bilder hinlegen konnte. Er beugte sich vor und schaute auf die Blätter, doch Holly schien es, als sähe er gar nicht richtig hin, als husche sein Blick nur flüchtig – pro forma? – darüber, er reagierte aber nicht.
„Dieser Mann hieß Magnus Montanus, wie Sie. Er hatte die beiden freigekauft.“ Jetzt, direkt angesprochen, musste er reagieren.
„Ja.“ Er machte eine Pause und sein Blick kehrte sich nach innen. Er war hundertfünzig Jahre jünger und verabschiedete sich von Sarah und Tom. Noch nie in seinem Leben hatte er so schmerzlich Abschied nehmen müssen. Minutenlangen Umarmungen folgte herzzerreißendes Weinen. Xavier musste Sarah davon abhalten, dem Zug hinterherzulaufen. Viele Jahre hatte Sarah ihm geschrieben, bis er umziehen musste und ihre Briefe nicht mehr kamen. Dafür kamen seine zurück, weil offenbar auch jenseits des Atlantiks Veränderungen stattgefunden hatten. Sarahs Briefe füllten zwei Karteikästen in seinem Tresor. Er hatte Mühe, seine Gesichtszüge zu kontrollieren, musste alle Willenskraft aufwenden, um die Tränen zurückzuhalten, doch irgendwann ging das nicht mehr. Zu viele Gefühle verbanden ihn mit Sarah und ihrem Freund. Montanus erhob sich mit abgewendetem Gesicht zum dritten Mal und ging zum dritten Mal hinein und ließ Holly ratlos zurück. Er begab sich in den Keller, schloss sich ein und ließ seinen Gefühlen ihren Lauf.
Nach unendlichen zehn Minuten kehrte er, scheinbar gelassen, wieder zurück und sah ein fragendes Gesicht.
„Sie müssen mich entschuldigen, aber im Keller musste etwas gerichtet werden und das Single-Dasein lässt mich manchmal die Höflichkeit vergessen. Wo waren wir stehen geblieben? – Ach ja. Nun, es ist möglich, nein, sogar wahrscheinlich, dass es sich um einen Vorfahren gehandelt hat, denn unser Name ist nicht so häufig und die Verbindung mit dem Vornamen wird in unserer Familie seit Jahrhunderten weitergegeben. Aber ich weiß nichts darüber, tut mir leid.“, bedauerte er. Holly legte ein anderes Foto auf den Tisch.
„Burt und Edna King, Edna eine geborene Montanus, waren begnadete Köche. Sie träumten von einem eigenen Restaurant, hatten in einem schwarzen Viertel New Yorks jedoch nur eine Imbissbude. Eines Tages erhielten sie die Chance, ein Restaurant in einem besseren Viertel zu mieten. Sie kratzten ihr Geld zusammen, richteten es neu ein und eröffneten ihr Lokal. Doch es kamen keine Gäste, die Fenster wurden eingeschlagen, Burt angegriffen. Das alles, weil sie Schwarze waren und nicht in dieses Viertel gehörten. Dann eröffnete ein paar Häuser weiter eine erlesene Weinhandlung mit Weinen und Schnäpsen aus Europa. Zur Eröffnung kam der Boss selbst. Er hörte von Burt und Edna und orderte das Eröffnungsbuffet bei ihnen. Es wurde ein voller Erfolg. Der Boss aß jeden Abend bei Burt und Edna und schon bald kamen die Gäste, die das Buffet kennengelernt hatten und sahen, dass Weiße auch bei Schwarzen essen können. Die Übergriffe hörten auf. Der Weinhandel belieferte Burt und Edna zu Vorzugspreisen. Der Boss des Weinhandels hieß Magnus Montanus.“ Holly goss sich noch ein Glas Wein ein und Montanus holte sich noch ein Bier.
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