„Ja, das Weinkontor haben wir immer noch. Hin und wieder bin ich dort, wenn ich mal in den USA bin.“ Kein weiterer Kommentar.
Einen weiteren Grappa lehnte Holly ab, was ihn nicht hinderte, sich noch einen doppelten zu genehmigen. Wenn er so weitermacht, dachte Holly, ist er gleich blau, vielleicht bekomme ich dann die Wahrheit aus ihm heraus. Holly legte das nächste Bild auf den Tisch.
„Washington 1963. ‚I had a dream‘, Martin Luther King. Meine Großtante Patty, damals verlobt mit Dick Bryant, war dabei. In ihrer Nähe befand sich aber auch ein durchgeknallter weißer Rassist, der eine Waffe zog und in die Menge schießen wollte. Ein Mann“, sie legte das Bild auf den Tisch, „ der aussah wie Sie, entwand ihm die Waffe, nachdem ein Schuss gefallen war, der aber scheinbar niemanden verletzte. Patty verdankt ihm sein Leben.“ Holly sah ihn herausfordernd an und er sah mit einem unschuldigen Blick zurück.
„Kann mein Vater gewesen sein, aber er hat nie darüber gesprochen; er war ein bescheidener Kerl.“ So einfach ist das also.
„Gibt’s eigentlich auch Mütter in ihrer Familie?“ Aufgrund des Alkohols klang Holly unwillentlich ein wenig aggressiv.
„Sicher, aber die haben sich immer sehr im Hintergrund gehalten.“ Ende der Information. Holly legte das nächste Foto auf den Tisch.
„Tennessee, 1985. Abraham Montanus wird vom KKK entführt und soll misshandelt werden. Ihr … Vater ist geschäftlich dort unterwegs und erfährt von seinem Namensvetter Lyndon Montanus, Abrahams Vater. Er sucht ihn gerade an dem Tag auf, als Abe entführt wird und bietet seine Hilfe an. Gemeinsam machen sie sich auf, den Jungen zu finden; Ihr Vater ist bewaffnet, zerschießt die Peitsche, mit der Abraham verprügelt werden soll und erschrickt die Kapuzenmänner durch ein paar Schüsse, die Party ist aus. Hat er davon auch nichts erzählt?“ Die Zweifel waren deutlich herauszuhören.
„Nein.“, beschied er sie knapp.
„Will Montanus will einen Magnus Montanus Ende des zweiten Weltkrieges in den Alpen getroffen haben; in einem Berggasthof – zusammen mit einer Partnerin, der ersten, die erwähnt wird.“
„Da sehen Sie‘s.“ Er sah sie triumphierend an und nun auf den Boden und faltete die Hände, die Ellenbogen auf seinen Oberschenkeln. Holly trank Wein.
„Unsere Familien treffen immer wieder aufeinander, seit einhundertfünfzig Jahren.“, resümierte sie.
„Und jetzt sitzen Sie hier.“, stellte er nachdenklich fest.
„Und jetzt sitze ich hier.“ Er sah sie an und sie glaubte, einen seltsamen und gleichzeitig vertrauten Ausdruck in seinen Augen zu erkennen. Sie kannte genau diesen Ausdruck von ihrer Tochter. Holly verscheuchte mit einem Kopfschütteln einen Gedanken.
„Es ist schön, dass Sie mir das alles erzählt haben, ich wusste es nicht. Jetzt kann ich auf meine Vorfahren noch ein wenig stolzer sein.“, gab er vor.
„Die sahen alle so aus, wie Sie.“, gab sie Bekanntes bekannt.
„Das ist bei uns so.“, war seine lapidare Antwort auf ihre Provokation.
„Das ist ungewöhnlich. Das ist sogar unmöglich. Über Generationen hinweg verändert sich das Aussehen.“, behauptete sie etwas lauter.
„Bei uns eben nicht.“, erwiderte er trotzig. Sie trank ihr Glas in einem Zuge leer und setzte es mit einem Knall ab.
„Ich glaube das nicht.“ Jetzt bin ich auf Dicks Linie, erkannte sie, und wusste nicht, ob das richtig, oder gut war. Sie goss ihr Glas erneut voll, wobei sie etwas von dem Wein verschüttete.
„Ihr Problem.“, gab er zurück.
„Mein Problem?“, schrie sie.
„Sicher.“
„Ich denke, Sie haben ein Problem.“ Montanus lehnte sich entspannt zurück.
„Das müssten Sie mir dann mal erklären.“, erklärte er herausfordernd.
Dann stand er auf und ging mit einem Kopfnicken, das sie überheblich fand, mit dem Geschirr hinein.
„Mist.“, befand sie. Etwas hatte sie falsch gemacht. Entschlossen stand sie auf und folgte ihm.
Sie fand ihn in der Küche. Er räumte gerade das Geschirr in die Spülmaschine und sah sie aus einer gebückten Haltung an. Sie erschrak, denn einen solchen Gesichtsausdruck hatte sie noch nie gesehen. Auch bei ihrer Tochter nicht. Es lag einerseits eine unendliche Traurigkeit darin, die fast schon schmerzvoll zu sein schien. Andererseits drückte er auch eine starke Entschlossenheit aus, einen unbedingten Willen. Die dritte Facette kannte sie allerdings von ihrer Tochter; es war der Ausdruck von Wissen. Holly lehnte am Türrahmen und sagte: „Es tut mir leid.“ Montanus richtete sich auf und sah sie an. Sein Blick war jetzt anders. Eisig. Undurchschaubar. Abweisend. Er zeigte drohend mit dem Finger auf sie.
„Sie kommen hierher, um mir schöne Geschichten zu erzählen. Gut. Interessant, dass unsere Familien in der Vergangenheit – und auch heute – einige Berührungspunkte hatten und haben. Prima, dass meine Vorfahren Ihren Vorfahren hier und da mal behilflich gewesen waren. Das ehrt sie und mich. Dass meine männlichen Vorfahren so aussahen, wie ich aussehe, ist ein Fakt und dafür kann ich nichts. Es ist eben so. Es gibt keine Veranlassung, mir das vorzuwerfen, oder ein Problem daraus zu machen.“
„Deshalb habe ich mich ja entschuldigt. Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, dass diese Ähnlichkeit eigentlich unmöglich ist?“ Montanus lachte gekünstelt.
„Es ist manchmal lästig, für seinen eigenen Großvater gehalten zu werden.“
„Onkel Dick meint, es gibt nur einen Magnus Montanus und es gab nur einen Magnus Montanus.“ Montanus lachte nicht.
„Natürlich gibt es mich nur ein Mal, und meinen Großvater gab es auch nur ein Mal.“
Holly schüttelte ungeduldig den Kopf.
„Er meint, dass Sie ihr Großvater sind.“ Er lachte einmal kurz.
„Bitte?“ Sie schüttelte den Kopf heftig.
„Nein, natürlich nicht, sondern dass Ihr Großvater und Sie eine Person sind.“
„Aha.“ Er bückte sich wieder und fuhr fort, Geschirr einzuräumen.
„Dass Sie damals Tom und Sarah gekauft und freigelassen haben.“ Er erhob sich wieder und sah sie an.
„Sehe ich aus, als sei ich … über einhundertfünfzig Jahre alt?“
„Nein.“
„Danke.“ Er wollte sich wieder bücken.
„Er meint, Sie sind unsterblich.“, verhinderte sie dies.
„Machen Sie sich nicht lächerlich.“, rief er unwillig und aufrecht.
„Es ist Onkel Dicks Meinung.“, distanzierte sie sich.
„Ist Ihr Onkel Dick gesund?“, erkundigte er sich, scheinbar besorgt und tippte sich mit dem Finger an den Kopf. Holly trank aus ihrem mitgebrachten Glas und wurde wütend. Diese Temperamentsschwankungen hatte sie von ihrer Mutter.
„Danke, es geht ihm gut.“, antwortete sie schneidend.
„Ich meine, weiß er, was er da denkt?“ Der Finger fuhr wieder an die Stirn.
„Ein großer Teil meiner Familie denkt so.“, antwortete sie trotzig und trank Wein.
„Dann sollte die ganze Familie mal zum Arzt.“, riet er.
„Beleidigen Sie meine Familie nicht.“, schrie sie ihn an.
„Sie sind irre.“ Es war nicht ganz klar, ob er Holly meinte, oder ihre gesamte Sippschaft, aber Holly sah rot. Sie stellte ihr Glas ab, ergriff ein kleines Küchenmesser, das auf der Anrichte lag und stieß es ihm knapp unterhalb des Schulteransatzes in die Brust. Sein Gesicht verzerrte sich, was aber eher an der Überraschung als an einem Schmerzempfinden zu liegen schien. Fast gleichzeitig schlug Holly mit schreckgeweiteten Augen die Hände vor den Mund. Montanus sah sich scheinbar unbeteiligt den Messergriff an, ergriff diesen dann und zog es aus seinem Körper. Blut sickerte aus der Wunde, als er es herausgezogen hatte. Er warf das Messer in die Spüle und sah Holly an. In seinem Blick war keinerlei Vorwurf, sie sah nur wieder diese unendliche Tiefe, dann rannte er entschlossen aus dem Raum. Holly streckte die Hände nach ihm aus, aber er war schon auf der Treppe.
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