1 ...8 9 10 12 13 14 ...32 Die verwackelte Schwarzweißaufnahme aus den Zwanzigern, die Burt und Edna mit ihrem ersten weißen Gast zeigte, war kaum zu gebrauchen, aber die beiden hatten Stein und Bein geschworen, dass das der Mann gewesen war, den Maddy gezeichnet hatte.
28. August 1963, Washington DC. Er war einer von 250.000 Demonstranten, die Martin Luther King hören wollten. Am Rande der Demonstration versuchte ein Weißer, schwarze Demonstranten zu erschießen, was ihm aber nicht gelang, weil ihm ein anderer Weißer die Waffe entreißen konnte. Dieser andere Weiße war Montanus. Patty, die spätere Frau von Großonkel Dick, hätte genau in der Schusslinie gestanden und verdankte ihm somit ihr Leben. Sie hatte nie erzählt, was tatsächlich passiert war, obwohl sie unmittelbar dabei gestanden hatte. Ein anderer Demonstrant hatte die Szene fotografiert, bei der Montanus dem Verrückten die Waffe entwand. Es war möglich, dass er verletzt worden war, aber auch dazu schwieg sich Patty aus. Dennoch war deutlich ein dunkler Fleck auf Montanus‘ Hemd zu erkennen. Er hatte die gleichen grauen Haare wie hundert Jahre zuvor, nur waren sie etwas länger, und den gleichen Bart. Holly lachte.
Tennessee, zweiundzwanzig Jahre später, das Jahr, in dem sie geboren wurde. Abraham Montanus, der vierzehnjährige Sohn von Eleanore und Lyndon Montanus, wurde vom Klan entführt. Sie banden ihn mit dem Bauch voran an ein Holzkreuz und wollten ihn auspeitschen; anschließend wollten sie ihn mit dem brennenden Kreuz auf einem öffentlichen Platz aufstellen. Wahrscheinlich wäre er an den Verletzungen und Verbrennungen gestorben. Magnus Montanus, der geschäftlich in der Gegend zu tun hatte und von den Namensvettern gehört hatte, die er an diesem Tag kurz besuchen wollte, um zu erkunden, woher die Namensgleichheit kam, erfuhr von der Entführung und machte sich mit Lyndon und ein paar anderen Männer auf die Suche, weil die Polizei davon ausging, dass Abraham einfach von zu Hause ausgebüxt war. Da Lyndon die geheimen Treffpunkte des Klans in der Gegend kannte, fanden sie sie schnell. In dem Augenblick, in dem ein Kapuzenmann die Bullenpeitsche erhob, um den ersten Schlag zu tun, schoss Montanus die Peitsche am Schaft entzwei, die Prügel fielen aus. Als er dann noch einigen die Zipfel von den Kapuzen schoss, war der ganze Zauber vorbei. Mehrere Fotos zeigen ihn mit der glücklichen Familie. Im Grunde sah er genauso aus, wie der Magnus aus dem Jahre 1963.
Daneben gab es noch einige Berichte ohne Fotos. Ein schwarzer GI aus der Familie wollte Montanus zu Kriegsende in den Alpen gesehen haben, was sich mit der Geschichte der Israelis deckte.
Onkel Dick vertrat nun dezidiert die Auffassung, dass es sich um ein und denselben Mann gehandelt habe und hatte den größten Teil der Familie davon überzeugt. Der kleinere Teil meinte, es handele sich um Vorfahren des jetzigen Magnus. Hollys Mom wollte von allem nichts wissen.
Holly selbst fand Dicks These absurd und selbst die zweite Variante kam ihr reichlich verwegen vor. Allerdings wäre eine solche frappierende Ähnlichkeit über Generationen hinweg schon sehr, sehr ungewöhnlich, wenn nicht gar ausgeschlossen. Das wiederum öffnete dann der ersten Möglichkeit Tür und Tor. Holly schüttelte sich. Der Gedanke daran machte ihr Angst. Sie sah sich das Foto von 1963 noch einmal an.
Die Biografie des aktuellen Montanus war öffentlich, schließlich gehörte ihm ein Getränkeimperium. Die Firma gab es schon seit dem Mittelalter, als die Menschen in Süddeutschland anfingen, Bier zu brauen. Offensichtlich hatte der damalige Montanus eine Möglichkeit gefunden, auch im Sommer Eis zur Kühlung zu beschaffen, was ihm einen Vorteil gegenüber Konkurrenten einbrachte. Mittlerweile war der Konzern weltweit aktiv, wobei sich Montanus – und das schon seit Generationen – aus dem operativen Geschäft heraushielt.
Merkwürdig war, dass es in seinem Leben anscheinend keine Frauen gab. Keine Mutter, keine Ehefrau – nichts. Und es gab keine Angaben über Schulbesuch, Studium und dergleichen. Das Merkwürdigste aber war das Fehlen eines Geburtsdatums. Alles rankte sich nur um die Firma. Wann er eingetreten war, welches seine Erfolge waren, wann er sich zurückgezogen hatte. Das gleiche bei seinem Vater und seinem Großvater.
Er mied die Öffentlichkeit, zumindest mediale Auftritte. Allerdings war bekannt, dass der Rat der Montanus‘ von der Politik gesucht wurde, und das über Generationen. Sie hatten deutsche Bundeskanzler und Parteiführer beraten, einer tauchte mal im Umfeld John F. Kennedys auf und hatte sich von ihm in ‚historischen Fragen‘, wie es hieß, beraten lassen.
Ein Radfahrer mit einem hechelnden Hund zog vorbei und grüßte, wobei er den Blick nicht von Holly abwenden konnte und dabei beinahe in das Feld fuhr. Holly musste lachen. Sie wusste, dass sie die Männerblicke anzog. Ihr kurzes, schwarzes Haar, der dunkle Teint, die schwarzen Augen und die Stupsnase, die hohen Wangenknochen und ihre schlanke Figur machten sie sehr attraktiv. In der Ferne lief ein Jogger. Ihre Mutter war nahezu hundertprozentig schwarz. Hollys Vater war ein Latino gewesen, wie ihre Mutter sagte. Mom hatte damals eine wilde Zeit, und das war stark untertrieben. Sie hatte unzählige Lover und das Produkt einer ungeschützten Nacht war Holly geworden. Danach hatte ihre Mom verhütet. Oder verhüten lassen. Holly musste wieder lachen. Denn ihre verrückte Mutter hatte die Angewohnheit besessen, die Inhalte der benutzten Kondome in Reagenzgläser zu füllen und in einer speziellen Kühlbox zu lagern.
Beide, Mutter und Tochter, bekifft und beschwipst, beschlossen dann eines Nachts, dass Holly, wenn sie denn den Wunsch nach einem Kind hegen sollte, sich mit dem Inhalt eines dieser Reagenzgläser künstlich befruchten lassen sollte. Holly wusste noch, wie sie ein Glas aussuchte, das ihre Mom aber nicht hergeben wollte, aber Holly wollte es unbedingt haben, weil es als einziges mit keinem Namen beschriftet war. Alle Gläser trugen Aufkleber mit männlichen Vornamen, auf dieses war lediglich ein großes ‚M‘ gekritzelt.
Ein Freund ihrer Mutter führte dann den Eingriff durch und Stefania war das Produkt. Stefania. Holly hielt Stefania für ein Wunderkind. Sie war in ihrer Entwicklung ihrem Alter weit voraus, sie war … weise. Die Kleine war immer guter Dinge, war immer freundlich, nie vorlaut, hörte gut zu und sah … Dinge. Der einzige Mensch, der mit Stefania nicht zurechtkam, war Hollys Mutter. Sie hatte es immer abgelehnt, auf Stefania aufzupassen. Selbst als die Kleine noch ein Baby war. Holly hatte den Eindruck, dass Kyonna ihrer Enkelin aus dem Weg ging, wann immer das möglich war.
Hollys Blick fiel auf ein aktuelles Foto von Magnus Montanus und vor ihrem inneren Auge hatte sie das Gesicht ihrer Tochter. Etwas irritierte sie, sie wusste aber nicht, was. Die Nase. Stefania war ein süßes kleines Mädchen mit dichten, drahtigen, dunkelbraunen Haaren und braunen Augen. Allerdings war ihre Nase eine Idee zu lang. Wie bei diesem Montanus. Ihre Nasen hatten sogar in etwa die gleiche Form. Die Augen. Montanus‘ Augen waren grau, aber der Blick glich dem Stefanias. Holly lachte auf und ganz tief in ihrem Bauch entstand etwas, das mit Glücksgefühlen nicht viel zu tun hatte. Sie verscheuchte einen absurden Gedanken.
Der Schmerz hatte die junge Frau hellwach gemacht. Der Schmerz, der ihre bloßen Füße erfasst hatte, nachdem sie nur ein paar Schritte durch den Schnee gegangen war. Getrieben wurde. Getrieben wie ihre Leidensgenossinnen. Getrieben zu einem gewissen ungewissen Ende. Sie hatten ihr keine Zeit gelassen nach ihren Schuhen zu suchen, die irgendwo unter dem mehrstöckigen Bettgestell lagen, das fast die ganze Länge der Baracke ausmachte, neben vier weiteren. Im Lager war das noch nicht so schlimm gewesen, das mit den Schuhen. Oder eher das ohne Schuhe, aber hier? Hier lag Schnee und es war kalt. Nach fünfzig Metern hatte sie angefangen zu wimmern, dann hatte sie vor Schmerzen geschrieen, und nur ein Stoß mit dem Karabiner eines der Wächter hatte ihr Schreien wieder in ein Wimmern verwandelt. Sie wusste von den Experimenten der Lagerärzte, die Gefangene in kalten Winternächten nackt draußen angebunden hatten, schließlich hatte sie deren Schreie selbst gehört. Am nächsten Morgen hatte sie dann zu denen gehört, die die steifgefrorenen Leichen wegtragen mussten.
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