1 ...7 8 9 11 12 13 ...32 „Ich komme gerade von Ihnen.“, hechelte sie. Der Kellner kam und Magnus bestellte ein Bier für sie, da sie momentan nicht sprechfähig schien.
„Aha. Wollten Sie mich besuchen?“, fragte er neutral, als wenn er jeden Tag Besuch von wildfremden Menschen bekäme.
„Ja. Ich weiß, ich hätte mich vorher anmelden sollen, hatte aber Ihre Telefonnummer nicht. Habe Ihnen einen Zettel in den Briefkasten geworfen.“ Magnus zog die Brauen diesmal zusammen.
„Worum geht es denn, Mrs. … ?“
„Oh, Entschuldigung, mein Name ist Bryant, Holly Bryant.“ Der Name sagte ihm nichts, wie er rasch feststellen konnte, trotzdem fragte er nach.
„Holly?“ Holly lächelte verschämt.
„Eigentlich Hollanda.“
„Oh. Na, dann. Worum geht es Ihnen denn?“ Die Brauen sprangen wieder in die Höhe und Holly wurde nervös.
„Ja, äh, weitestgehend um meine Familie.“ Magnus beugte sich zu ihr, so dass sie sein Gesicht mit den grauen Bartstoppeln und der etwas zu langen Nase genauer sehen konnte und in die grauen Augen, die ihr gleichzeitig bekannt und unheimlich vorkamen, blicken konnte. Die Ähnlichkeit war verblüffend.
„Bryant?“, fragte er.
„Auch.“, erwiderte sie verwirrt und verwirrend. Sie wusste nicht, wohin sie sehen sollte und so sah sie das Paar hilfesuchend an, doch das konnte ihr nicht helfen und sah neugierig zurück. Wegen der einbrechenden Dunkelheit fiel ihre Gesichtsröte nicht sehr auf.
„Zwei Familien?“
„Mehrere, ja. Es geht um mehrere Generationen.“ Jetzt wurde Magnus etwas mulmig zumute und Holly bemerkte eine Veränderung in ihm: waren seine Augen zunächst wohlwollend und fast milde auf sie gerichtet, sandten sie nun eisige Blicke aus. Sie lachte nervös und rettete sich, indem sie „Können wir das nicht morgen besprechen? Ich habe einen Mordshunger.“ von sich gab und einen bittenden Blick auflegte.
„Ich hole Sie morgen Abend um sieben ab.“, bestimmte Magnus, ohne weiter nach dem Grund ihres bevorstehenden Besuches zu fragen. „Fragt sich nur, wo.“
„Wie bitte?“
„Wo wohnen Sie?“
„Ich komme aus USA.“ Er schüttelte ungeduldig den Kopf.
„Wo Sie hier wohnen.“, erläuterte er sich selbst.
„Ach so …“
„Sie wohnt in unserem Hotel.“, informierte die junge Frau und Holly lächelte verlegen und etwas beschämt, denn sie wusste ja, dass Montanus einen Konzern leitete und ihr Hotel eher eine Absteige war. Der wiederum brummte etwas in seinen Stoppelbart.
Magnus empfahl Holly noch eine bestimmte Speise und schwieg dann weitgehend, so dass sich die Unterhaltung zwischen den beiden Israelis und Holly abspielte.
„Warum seid ihr hier? Diese Gegend ist doch kein Tourismusmagnet.“, meinte Holly und ließ sich ihren Burger schmecken.
„Och, hier gibt es schon was zu sehen, aber wir sind wegen Magnus hier.“
„Ist er eine Touristenattraktion?“, lachte Holly, der es half, dass Magnus wie abgetaucht war. Er hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und wirkte teilnahmslos. Doch das täuschte. Seine Sinne waren geschärft und er hatte nachzudenken. Außerdem beobachtete er diese junge, attraktive Amerikanerin genau, aber ohne dass sie das merkte.
„Nein, wir haben es doch schon gestern erklärt.“
„Muss ich wohl nicht mitbekommen haben. Ihr wisst schon, der Flug und alles …“, zwinkerte sie.
„Ja, vor allem das letzte.“, lachte die Frau, die sich als Esther vorgestellt hatte.
„Wir sind Juden … und unsere Großmutter war auch eine Jüdin, ist ja klar.“, erklärte Benjamin, „Magnus‘ Großvater hat sie vor dem sicheren Tod in einem KZ bewahrt und sie jahrelang versteckt gehalten. Nun ist sie gestorben und hat uns gebeten, dem Enkel ihres Retters einen Brief zu bringen.“ Holly hatte genau zugehört und mit dem Kauen aufgehört. Sie warf einen Seitenblick auf Magnus, der abwesend schien. Sie hatte davon gehört, dass es Deutsche gegeben hatte, die Juden gerettet hatten. Schindler hieß einer von ihnen, sie hatte den Film gesehen. Ein Vorfahr dieses Montanus rettete eine Jüdin, ein anderer, so ihre Vermutung, rettete zwei Sklaven. An die These ihrer Familie wollte sie gar nicht denken. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass schon wieder ein frisches Bier vor ihr stand, doch sie trank einen großen Schluck; sie hatte Durst und das Bier schmeckte. Es hatte jedoch auch den Nachteil, alkoholisch zu sein, und nach dem Exzess von gestern und bei ihrem leeren, sich jetzt erst füllenden Magen, blieb es nicht aus, dass sie sich betrunken fühlte.
Kurz danach wollten die beiden Israelis ins Hotel, da sie morgen früh abreisten.
„Ich bringe euch eben hin, wollen Sie auch mit?“, fragte Magnus, der wieder unter den Lebenden zu weilen schien. Nach dem dritten Bier war Holly alles egal.
Vor dem kümmerlichen Hotel verabschiedete sich Magnus von dem Geschwisterpaar, indem er es in die Arme schloss und so eine ganze Weile dastand.
„Vergesst Ruth nicht. Vergesst es nicht. Vergesst nicht, was geschehen ist. Ich habe versagt.“, flüsterte er.
Dann ließ er sie los und stieg ohne ein weiteres Wort in sein Auto, um davonzufahren.
„Warum hat er gesagt, dass er versagt hat?“, wollte Esther irritiert wissen.
„Ich weiß es nicht.“, antwortete Benjamin. „Aber hast du das auch gespürt?“
„Was meinst du?“
„Als er uns in seinen Armen hielt. Es war ein eigenartiges Gefühl.“ Sich dachte kurz nach und nickte. „Als wenn einen etwas durchströmt.“
Holly erwachte am Morgen frisch und ausgeruht. Das Zimmer war zwar nicht größer als gestern, die Luft genauso stickig, aber sie hatte keinen Kater und sie hatte eines erreicht: sie hatte einen ersten Schritt getan. Zwar war es Zufall gewesen, Magnus Montanus zu treffen, aber es war passiert und heute würde sie mit ihm sprechen. Sie nahm sich vor, sich gut vorzubereiten und stand auf, um in ihr ein-Quadratmeter-Bad zu gehen, als sie vor der Tür auf dem Boden einen Zettel bemerkte, den sie aufhob und las.
Bye, Holly. Nett, dich kennengelernt zu haben. Grüße Magnus noch mal von uns. Er ist sehr speziell. Esther und Benjamin
Ja, da hatten sie wohl recht. Speziell schien er zu sein. Sein Großvater hatte eine Jüdin vor den Nazis versteckt und sein … Urururgroßvater zwei Sklaven befreit. Solche Taten der Altvorderen verpflichteten natürlich. Sie würde ihn mal fragen, was er selbst schon für Heldentaten vollbracht hatte. Oder war er es gewesen, wie Onkel Dick der Familie eingeredet hatte? Onkel Dick, eigentlich Großonkel Dick, der in den 60ern begonnen hatte, sich für die Familiengeschichte zu interessieren und fast sein Geschäft ruiniert hätte, weil er nichts anderes tat, als in der Gegend herumzufahren und Verwandte zu besuchen, um ihnen Informationen oder schriftliche Belege zu entlocken, die er dann behandelte wie Reliquien.
Nach dem Frühstück ging Holly an die Luft. Sie hatte gestern, auf dem Rückweg von Montanus ein nettes Fleckchen entdeckt, wo sie sich niederlassen und sich vorbereiten wollte. Bekleidet mit einem bunten Rock und einem Shirt mit Spaghettiträgern, saß sie nun auf einer Bank, hinter sich einen plätschernden Bach und vor sich die Felder, und schlug die Mappe auf.
Sarah Montanus hatte ihrer Enkeltochter den Mann, dessen Namen sie und ihr Mann angenommen hatten, genau beschrieben. Die Enkelin hatte mehrere Porträts angefertigt. Die Enkelin war eine gute Zeichnerin, sie wurde als Erwachsene die erste schwarze Polizeizeichnerin im Staate New York, worauf die Familie noch heute stolz war. Die Bilder zeigten einen Mann Anfang bis Mitte vierzig, mit nackenlangen, grauen Haaren und einem grauen, recht kurzen Bart. Die Nase war etwas lang, die Augenbrauen wiesen darauf hin, dass sie im Alter buschig werden wollten. Wenn man sich die Frisur und den Bart kürzer vorstellte, war die Ähnlichkeit mit dem Magnus Montanus von heute frappierend.
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