Selbst in der Muttersprache machten Worte große Augen, wenn sie den Verschrägungen und Verzwingungen des Lebens konfrontiert wurden. Da kamen Worte herüber, die über die Brücke der vertrauten Sprache nachgereicht wurden. Beim Hineinhören trafen diese Worte oft nicht zu. Sie fielen, als seien die Brückenpfeiler weggesprengt worden, nach dem Herausdenken schon ins Wasser, bevor sie die Zunge ausgestoßen hatte oder sie an der Zahnfestung steckengeblieben waren. Worte konnte man sich sparen, wenn die Treffsicherheit auf den Kern mehr unwahrscheinlich als wahrscheinlich war. Man sollte Worte, weil sie verkehrt sein werden, früh genug ins Hirn zurückheben, selbst dann, wenn man sich in der Muttersprache zuhause zu fühlen glaubt. Was sollte man sagen, wenn man sich in den Augen des andern bereits spiegelt und das nachgesetzte Wort auf dem Spiegel verschwimmt und sich verzerrt? Nichts sollte man sagen, solange die Augenspiegelung noch im Gange war. So ging vieles über die Hutschnur bei Sachen, ob Haupt- oder Nebensachen, die eigentlich darunter waren.
Auch wenn das Netz der Muttersprache einem vertraut war, rutschten trotzdem Worte oder Wortteile durch die Maschen. So rutschte beim Auseinanderbrechen des Wortes >Abfall< das Teil >Ab< oder das Teil >fall< durch das Silbenfilter, was meist dann geschah, wenn man es nicht wollte. Wie sich in der Musik Tonreihen von Akkorden unterscheiden, das Horizontale im Fugalen gegen das Vertikale des Akkords absetzt, so ging es in der Sprache mit den Worten >aufstehen< und >liegenbleiben<���’ oder >schwimmen< und >hochklettern<. Im Leben kommt es beim Sprechen auf die richtige Atmung an. Das Ankoppeln der Worte muss so ausgesprochen werden, als bewege sich alles im Fluss. Da ist es das Kommen und Gehen, das doch fließend bleibt, wenn ein Wort dem andern in enger Anbindung hinterherfließt. Sie werden auf den Sprachwellen getragen und das bis weit weg. Das Sprachbett ist da, bevor die Worte zu fließen beginnen. Die Konturen sind vorgegeben, auch wenn sie unausgesprochen sind, als schwebe die Sprache über den Dingen, verbindet die Worte und löst sie voneinander bis ins Silbige zurück. Auch ist denkbar, dass Sprache in den Dingen drinsteckt. Es war oft schwer, das treffende Wort für die Situation im An- und Abkoppeln zu finden. Es musste gesucht, der Faden geschnürt und in der richtigen Höhe gefühlt werden, wenn das Wort aus dem Ganzen wie aus einem Fels oder dem Eisberg herausgebrochen oder >losgeeist< werden sollte, um über die Brücke zu kommen, wobei es auf dem Gleis vom einen Brückenende zum andern gefahren wurde. Es war die Mitteilung, dass es das Leben auf beiden Seiten der Brücke gab, dass auf beiden Seiten das Leben geatmet wurde. Man konnte es über die Brücke herüberhören, um in der Antwort das Wort zurückzusprechen.
Aus der Vielbödigkeit der Sprache trotz des Zurufs:
Sprache,
bleib mir nah,
ich möchte noch erzählen,
wie’s war, als ich in die Steppe ging.
Sprache,
auch du bist verwundet
nach dem, was geschehen ist.
Auch du bist wirklichkeitsverwundet.
Sprache,
führ mich zum Wort zurück
oder lass mich ein neues finden,
um aus der Antwortlosigkeit herauszukommen.
Sprache,
wenn du verstummst,
verglüht der Stein
und mit ihm der Mensch,
der fürchterlich erschrak,
als er hindurchging,
dir das Vermächtnis anvertraute,
weil er selbst die Sprache verlor.
Sprache,
sag, wie Reden gesprochen wurden
mit den tausend Finsternissen.
Sag an, was nach den Reden kam,
als Augen in Tränenmeeren versanken,
dass Kinderstimmen mit ihren Müttern verstummten. * 1
In der Sprache steckt die Rache der Rechtfertigung und des Widerspruchs ebenso drin wie das Ach des Erstauntseins mit dem Aber des Zweifelns. Es führt über den Nennweg des Gegenstands in der Sache, in dem das Verhalten drinsteckt hin zur Definition in der Relation von Ding und Idee in der Ganzheit seiner Sinnhaftigkeit. Aus dem Problem der Wortfindung mit den hundert Prozent der Treffgenauigkeit wird ableitbar, dass das Maß der Dinge in der Vollständigkeit mit Worten nur begrenzt zu fassen ist. Der Großteil mit dem Nicht-mehr-Messbaren liegt weiter in der Idee, als sei er in ihr zurückgeblieben. Deshalb gibt es noch die Hoffnung, dass neue Entdeckungen an den Tag kommen und mit Hilfe der bisherigen Erfahrungen in den Raum des Nenn- und Messbaren befördert werden.
In der Sprache der Entdeckungen, der Literatur und der Kunst lauert aber auch der Teufel in Menschengestalt, um zu töten und das zu zerstören, was durch Schöpfungen der Menschheit zugute kam. Oft sprechen Verräter und Mörder, und das nicht nur in der Grammatik, dieselbe Sprache wie die Menschen der ehrlichen Absicht und Arbeit, des Anstands und Respekts mit der spontanen Hilfsbereitschaft. Es gibt stille und verstummte Gräben, Schneisen und Schächte, die nicht zu übersehen sind. Es bleibt eine Binsenwahrheit, dass sich die Sprache in sich selbst wegstürzt, wenn es mit dem Leben nicht mehr stimmt, beziehungsweise die Sprache mit dem Leben nicht mehr übereinstimmt. Nicht anders ist es mit dem Begriff >Heimat<, der seine Flecken und Löcher dann bekommt, wenn die Sprache heimatlos und die eines Emigranten geworden ist. Da werden Zusammenhänge mit Kürzeln und der Bildsprache zugedeckt, weil die Worte im Kopf und auf der Zunge, wie sie in der Kindheit und Jugend noch gesprochen wurden, nicht mehr gesagt werden können, ohne die Agenten als die scharf abgerichteten Hunde der Diktatur auf den Hals zu bekommen.
Wenn der Ernst, der tödliche, im bunten Gewand des Clowns daherkommt und seine Witze zum Besten gibt, dann ist auch die Endphase erreicht. Die Sprache des zweiten Bodens kommt zum Tragen, wenn vom >Kartoffelputzer< auf dem Diamantenfeld die Rede ist. Ein verbales Funkeln entzündet noch keinen Blitz, und ein Blitz macht noch keinen Trompetendonner, der furchtbar dröhnen soll, damit der Sturzregen einsetzt, um das Ungeziefer zu ertränken, die Luft klar und den Weg frei zu machen für das, was für die Menschen nützlich ist. Wenn hier von den Menschen die Rede ist, dann sind es jene, die hilf- und wehrlos, die verletzt und krank waren. Es sind die Menschen mit den >leeren< Händen, die verbraucht und schwach geworden sind, um aus den Tiefen des Elends und der Armut herauszukommen.
Unter der weißen Vorherrschaft musste sich der Schwarze von dem Gedanken freimachen, dass es für ihn und seine Familie ein Leben geben wird, in dem es Sicherheit und die Chancen des Aufstiegs und überhaupt die Aussichten auf ein besseres und lebenswerteres Leben für seine Kinder gibt. An den bescheidenen Wohlstand sollte er gar nicht denken, das sollte er sich aus dem Kopf schlagen. Er ist nicht in dieser Welt, um so etwas erwarten zu dürfen, weil es nicht dem burischen und nicht dem europäischen Denken entsprach.
Dass der Herren- und Herrschaftsgeist, der mit der Zerstörung afrikanischer Traditionen einherging, sich tief in die weißen Hirnwindungen eingegraben hatte, konnte deshalb nicht verwundern. Dass die Herrschsucht die Köpfe aber bis zum Wahnsinn trieb und nach dem Ableben in den von Alzheimer geschrumpften Windungen neben anderen Verkalkungen noch nachweisbar war, das ging dann doch zu weit. So war die weiße Macht-Parabel vom Anfang bis zum Ende ein Kreis, auf dem Bildung und Einbildung als zwei Punkte auf dem Kreisumfang hintereinander herjagten, sich aber nie berührten und schon in der ersten Differentialgleichung ins Nichts verschwanden. In einer solchen Parabel musste die Sprache der Vernunft doch noch gesucht werden. So schüttelte ich am Ende eines Gespräches mit dem weißen, noch zivilen Superintendenten den Kopf und stellte ihm die Frage: “Was hilft es den Schwarzen, die sich auf eine Ewigkeit ohne Hoffnung einzustellen haben?”
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