Die innere Stille gab es nicht, ganz abgesehen von der nötigen Schlafstille, die durch nächtliche Granateinschläge und den Antwortabschüssen aus den schweren Haubitzen unterbrochen war. Jäh wurde der Schlaf zerrissen, und Angst und Schrecken wälzten sich durch die Betten. Es gab das Ringen ums innere Stillhalten, den Kampf um die innere Disziplin, sich still zu verhalten, ohne Koller und ohne Rückzugs-, Rückkehr- und andere Fluchtgedanken.
Tagsüber starrten Armut, Hunger und Erbärmlichkeit in die übermüdeten Augen, dass die Knie weich wurden und der Kopf vorzeitig resignierte. Vieles am reißend-stechenden Gestrüpp und sonstig nutzlosen Beiwerk gehörte dazu, um die Situation widerspenstig zu machen, sie zunächst gefühlsmäßig in den Griff zu bekommen. Im Denken des Fremden ist vieles undenkbar. Und weil sich die Dinge im Verstand verhaken, haken auch die Worte, bevor die Bildersprache sich verständlich machen kann. Oft reichen die Worte nicht, um die Bedeutung der Situation vor Ort verstehbar zu machen mit ihren Fallen, Intrigen, den Engpässen und Dunkelheiten, wie sie als Komplex der Dinge vorlagen, um sie in ihrer Nacktheit sichtbar und in ihrer Dürftigkeit ruchbar zu machen. Die >Wortgebrechlichkeit<, ohne dass es gleich ein Wortbruch sein muss, wird noch bedeutsamer, wenn verschiedene Sprachen im gleichen Raum gesprochen werden, dass einer den andern nicht versteht.
Es gibt Bereiche, die sich mit Worten trotz Einstreuung meist unnützer Fremdwörter nicht abdecken lassen. Die Deckungsungleichheit ist die Regel, wo sprachliche Angleichungsversuche auch vergleichsweise erfolglos bleiben. Sprachlosigkeit setzt ein, wenn die Dinge davoneilen und sich zuspitzen bis auf die Höhe der makabren Entscheidung.
Die Wortverlegenheit ist der Fall, wenn freundliche und bedeutende Impulse kommen und gehen, ohne dass dazwischen gesprochen wird. Vieles Reden über Dinge, die zu tun sind, ist dagegen ein Hinweis dafür, dass es sich um die Verspätung handelt, wenn der Zug des Impulses schon davongefahren ist. Und wenn der Zug erst abgefahren ist, verlieren die Worte die Wirklichkeit des Gegenwärtigen. Sie liegen neben den Gleisen, wo sie verschrumpeln und verwehen, vom Wetter verwittern und der Rest vom Boden vertilgt werden. Das gilt nicht weniger für den Großteil des Lebens, weshalb vieles an ihm nicht stimmt.
Ich hatte Worte vertrocknen, schrumpeln, verwehen, verwittern und vertilgen lassen, ohne dass sich im Leben etwas verändert hatte. Da ging die Sprachverlegenheit in die Sprachlosigkeit hinein, deren vorgedachte Wortbündel irgendwo hängengeblieben oder aus dem Fenster geworfen worden waren, wo sie unbedacht und unbeachtet liegengeblieben sind und mit den angehängten Hoffnungen und Enttäuschungen vom Boden verschluckt und unter den Schuhsohlen zerrieben worden waren. Da kann man mit Worten nur noch hinterherreden, was an Kraft, Absicht und Genauigkeit an das aus dem Fenster Geworfene, Zertretene und schließlich Verlorengegangene bei weitem nicht heranreicht.
Irrläufer kommen neben Tausenden von Läufern vor, sie gibt es inner- und interkontinental. Dagegen sind Fensterstürze in Afrika selten. Diese beziehen sich mehr auf die höheren Stockwerke auf der nördlichen Halbkugel. Sie sind in Europa häufiger als in Afrika, weil in Afrika die Hütten mit den Strohdächern ebenerdig geblieben sind. Die Hütten sind türlos, dass sie mit eingezogenen Köpfen in gebückter Körperhaltung zu betreten sind. Ein oder zwei kleine Öffnungen gibt es zum Hinaussehen. Glasfenster des Kleinformats sind dagegen die Ausnahme. Wie es mit den Kralen bestellt ist, so ist das afrikanische Denken anders als das europäische, wenn es >Schwarz< im Sinne alter afrikanischer Sitten und Gebräuche gedacht wird, wo die Anbindung – wenn überhaupt – am materiellen Gegenstand im Gegensatz zur europäischen Gewichtung weniger bedeutend und nur sehr locker ist. Wie gesagt, das im Sinne des alten afrikanischen Denkens.
Die afrikanische Gewichtung der Dinge war seit der ersten Betrachtung des Bodens und seiner Menschen nicht von den Augen zu wischen. Angestrengt und geduldig standen dünnbeinig und arm gekleidet in Warteschlangen und schweißumwölkte Trauben in ihrer Dürftigkeit die alten Menschen, die alt aussehenden jungen Menschen und die Mütter und Großmütter mit den mageren Kindern auf ihren Rücken und den Babys auf den Armen oder vor den schlaffen Brüsten. Die Warteschlangen bildeten sich kurz nach Sonnenaufgang vor der Rezeption und danach in der Wartehalle. Ihre Länge nahm mit den Stunden zu und hielt sich bis kurz vor Sonnenuntergang, wenn die Sperrstunde für die Menschen der schwarzen Haut einsetzte, dass sie nicht zu ihren Dörfern und Krälen zurückkehren konnten.
Für die Nacht legten sie Tücher, Pappen und Zeitungspapier auf den Betonboden vor der Rezeption, um mit ihren Kindern und Babys und den gebrechlichen Alten dort zu schlafen. Die Betrachtung Afrikas und seiner Menschen erschütterte durch die Kargheit in der Erbärmlichkeit mit den dünnen Armen und Beinen und den aufgetriebenen Wasserbäuchen von Kindern mit den großen Augen in den eingefallenen Gesichtern. Zur Beschreibung des Zustands dieser Menschen wirken Worte oberflächlich und unglaubhaft, besonders wenn sie aus der Sprache kommen, die zu lange für belanglose Alltagsdinge nördlich des Äquators beansprucht worden ist. Die Sicht mit der unverwischbaren Einsicht in die Armut drückte den harten Denkstempel des Niedergangs durch die soziale Verformung in der Entartung und völligen Hilflosigkeit ins Hirn. Die drängende Frage der Rückkehr zu jenen Gemeinschaftsstrukturen ließ sich nicht beantworten, wo die Achtung vor dem Wert und der Würde des Menschen noch gilt.
Der Schreckensblick der Tristesse gehörte zum Erscheinungsbild der mageren Menschen auf dem steinig kargen Boden. Da verflog gleich beim ersten Hinsehen jeder Zweifel an der Nichtzugehörigkeit oder Nichtzusammengehörigkeit. Es wurde klar, dass das Eine zum anderen gehört, es mit sich mitbedingt, dass das Eine ohne das andere nicht sein kann, beziehungsweise es nicht aus seinen Klauen lässt. Nicht im Traum ließ sich zwischen beiden eine Trennungslinie von oben nach unten oder von links nach rechts ziehen. Im Gegenteil: Dürre Gestalten trugen auf den Köpfen große Körbe mit Sand und Steinen davon, und das eben nicht nur im Traum. Sie kamen mit Kannen und verbeulten Eimern auf ihren Köpfen zurück, in denen sie das Wasser von weitab gelegenen Brunnen herbeischafften, das zum Trinken, Kochen und Waschen gebraucht wurde. Es gab bezüglich der Schattenbilder keinen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit. Nur dass im Traum das Gewicht weniger schwer war. Jedenfalls gab es in dem Afrika nichts, was sich von der Haut und vom Hirn so ohne weiteres abheben ließ.
Nach Eintreffen der begrenzten und diskriminierenden Arbeitserlaubnis im System der anachronistisch verbohrten Apartheid ging es ins Innere des Hospitals mit dem sandig-körnigen Reiben und Quietschen des ‘Räderwerks’ in der Bewältigung der Tag- und Nachtarbeit. Verletzt und getötet wurden Erwachsene und Kinder in ihrer Unschuld und Unerfahrenheit vor den Gefahren der versteckten Minen. Es waren Kinder, die statt zur Schule zum Hüten der Ziegen aufs dürftige Grasland geschickt wurden, wo die Vierbeiner das letzte Gras aus dem Boden rissen und die Büsche und erreichbaren Baumäste kahlfraßen. Dazu stellte der Vierbeiner die Vorderfüße auf den Rücken des anderen Vierbeiners und streckte den Hals, so weit es ging. Auch kletterte er aufs Dach der Hütte oder auf die Ladefläche der Eselskarre, um an die letzten Blätter heranzukommen.
Mit Zugang zum Hospitalinnern wuchs das Staunen vor dem alten Gerät und den verrosteten, verbogenen und anderswie für den chirurgischen Gebrauch minderwertigen oder unbrauchbaren Instrumenten. Die Türen zu den Krankensälen klemmten. Viele Türen waren ohne Schlösser und Klinken. Die Fenster hatten Risse oder waren zerscherbt. Die wenigen noch ganzen Scheiben waren verschmiert. Nicht anders sah es in den Sälen aus. Die Betten waren aus alten Rohrgestellen und hatten Rostflecken und waren mit braunen Decken dürftig überzogen. Aus alten, fleckigen, angerissenen Schaumgummimatratzen kam ein penetranter Uringeruch. Im Duschraum waren die Wandfliesen verschmiert oder gerissen oder ganz herausgebrochen. Die Asbestdecken hatten Wasserflecken, und die Wasserhähne über den Waschbecken klemmten und tropften. Das Tropfen der Brause ließ sich nicht abstellen. Die Toiletten stanken, und der Gestank überstieg die Grenze des Ekels, wenn die Schüsseln verstopft waren. Die erste Betrachtung verschlug die Sprache wie nach einem heftigen Hammerschlag. Der verwahrloste Zustand der Gebäude, die überfüllten Säle und die minderwertigen und unbrauchbaren Geräte waren für die Augen und den Verstand beispiellos. Es traf zu, dass es Dinge im Verband mit Menschen gab, für deren Ausmaße die Worte nur mühsam zu finden, geschweige denn auszusprechen sind. Das ist dann der Fall, wenn der Nagel auf die >Köpfe< der Ursachen dieser Missstände treffen soll.
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