das ungeduldige Gesicht seiner Chefin, Professor Ferono. Ihr Blick sagte alles. Er
war eingeschlafen, hier, im Lehrerzimmer. Wie das nur? Aber die Angelegenheit,
wegen der Professor Ferono ihn sprechen wollte, schien wichtig zu sein, sodass ihm
eine peinliche Szene erspart blieb. „Ist der Satz Englischbücher für die neue fünfte
Klasse endlich geliefert worden? Ich warte schon seit Tagen darauf.“ Er stöhnte. „Ja,
kann sein.“ Ihm war gerade nicht nach nachdenken zumute. Da fiel ihm wie von
selbst etwas ein. „Doch, warte mal. Ich glaube, da ist ein Paket angekommen, unten
in der Eingangshalle.“ Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, verschwand Professor
Ferono. Sie hastete in den großen, mit rotem Teppich ausgekleideten Raum, der nur
durch die an den Wänden hängenden Fackeln und dem eisernen Kronleuchter erhellt
wurde, der einige Zentimeter von der Decke baumelte. Das Licht war warm und
gemütlich. Angestrengt suchten ihre Augen den Fußboden nach einem Paket ab. Und
fanden es. Dort stand es, direkt in der Mitte. Sie lief darauf zu, stolperte, fing sich
wieder. Dann nahm sie eine Schere aus der Tasche ihres roten Lehrerumhangs und
ritzte damit das Klebeband auf, mit dem das Päckchen sorgfältig verschnürt worden
war. Das gelang ihr nicht sofort. Noch während sie daran herumbastelte, hörte sie,
wie in einem der beiden Türme eine Tür knallte. Danach vernahm sie, wie Schritte
die Treppe hinunter polterten. Sie musste nicht einmal aufsehen, um zu wissen, dass
es ihr Neffe war. „Was ist das?“ Interessiert kam Jonas auf sie zu. „Englischbücher.“,
antwortete Professor Ferono knapp und hoffte, ihn mit dieser Auskunft in die Flucht
zu schlagen. Doch weit gefehlt. Stattdessen gab Jonas ein langgezogenes „Aha“ Von
sich und fragte: „Kann ich dir helfen?“ Wenig später standen sie beide da und
versuchten das Paket zu öffnen, während Lisa Frau Igwanodow, der Reinigungskraft
der Schule, zur Hand ging, um alles für die Rückkehr der anderen Schüler
vorzubereiten. Nach zehn Minuten hatte Jonas Ungeduld gesiegt und verleitete ihn
dazu, so sehr an dem Deckel zu ziehen, dass er schließlich mit einem ekligen Ritsch
aufsprang. Dabei rief er triumphierend „Ha!“ Gerade wollte er nachschauen, ob die
Englischbücher der neuen fünften Klasse genauso hässlich waren wie seine eigenen,
als ihn ein Geräusch stutzig machte. In dem Karton knisterte und raschelte es. Es war
ein Geräusch, als würden abertausende Blätter aneinander gerieben werden. Dann sah
er verdutzt zu, wie aus dem offenen Karton plötzlich ein Schwarm kleiner, blauer
Terminkalender herausflog. Zuerst hielt er sie für Drohnen, doch dann musste er
schreckensbleich feststellen, dass es sich tatsächlich um kleine Papierheftchen mit
silbernen Flügelchen handelten, die sich innerhalb weniger Sekunden im ganzen
Raum ausgebreitet hatten und ihn mit ihrem unverwechselbarem Rascheln erfüllten.
„Tolle Englischbücher. Warum hatten wir so welche nicht?“ Kopfschüttelnd musterte
er seine Tante, die mit offenem Mund versuchte, die kleinen fliegenden Dinger
wieder einzufangen. „Aber… das hatte ich doch gar nicht bestellt!“ Doch für Reue
war es jetzt zu spät. Schon ließ sich ein kleiner Terminkalender auf ihrer Schulter
nieder. „Guten Tag.“, die Stimme war sanft und hoch, „Der Terminkalender ist stets
zu Ihren Diensten.“ „Können die sprechen?“ Jonas kam aus dem Staunen gar nicht
mehr heraus, während er die kleinen Flugkörper fasziniert anstarrte. „Was ist denn
hier los?“ Gerade war Lisa in die Halle gekommen und konnte über das Chaos, das
sich da vor ihr erstreckte, nur entgeistert den Kopf schütteln. „Wer hat hier gerade
geredet? Jonas, warst du das?“ „Nein… das war der Terminkalender!“ Und schon
ließ sich ein weiteres kleines Flugobjekt auch auf Lisas Schulter nieder und sprach
sie mit derselben Formel an wie zuvor Professor Ferono. Lisa konnte ihren Augen
nicht trauen. „Was soll denn das?“, fragte sie perplex, „Kommen wir so oft zu spät,
dass du eine Armee von Terminkalendern auf deine Schüler loslassen musst?“ „Das
muss ein Missverständnis sein!“ Verzweifelt warf Professor Ferono die Arme in die
Luft. „Die Lieferung ging bestimmt an jemand anderen!“ „Viel Spaß beim
Zurückschicken. Die fängst du nie mehr ein.“, sagte Lisa trocken und verließ
kopfschüttelnd den Raum.
Er hatte alles bestens vorbereitet. In seiner rechten Hand hielt er eine Taschenlampe
und in seiner linken ein Karte. Nur für den Fall, dass er sich entgegen seiner
Erwartungen verlaufen sollte. Aber das würde nicht passieren. Er kannte diesen Wald
in- und auswendig. Auch über seine Bewohner hatte er genug Informationen
gesammelt, um ihnen endlich einmal selbst begegnen zu können. Das würde die
Forschung in diesem Land immens vorantreiben. Und er wäre derjenige, dem man es
zu verdanken hätte. Selbstsicher strich Tilo sich eine lockere Haarsträhne aus der
Stirn. Einer seiner potenziellen Kunden hatte dafür gekämpft, ihn mit einem Team
erfahrener Jäger auf seiner Mission unterstützen zu dürfen. Als ob er das nicht selbst
schaffen würde. Und außerdem: die Gierungen hatten noch nie einen Menschen
angefallen. An sich waren sie harmlose Tiere, hatten aber Eigenschaften, die man
sich in manchen Bereichen würde zunutze machen können. Aber vorher musste man
sie gründlich beobachten und dann einen Plan ausarbeiten, wie man sie am besten
einfangen konnte. Jetzt war er am Waldrand angekommen. Bedrohlich ragten die
finsteren Wipfel der Bäume gen Himmel. Dieser Anblick machte ihm jedes Mal aufs
Neue zu schaffen, auch wenn er das nur ungern zugab. Doch jetzt blieb keine Zeit für
lächerliche Schauermärchen. Er knipste seine Taschenlampe an, deren Licht gegen
das der vom Himmel lachenden Sommersonne ein Witz war und machte einen
beherzten Schritt in den Wald hinein. Noch ehe er sich versah, wurde es vollkommen
dunkel. Trotz des Lichts der Taschenlampe brauchte er einen Moment, bis sich seine
Augen an die Finsternis gewöhnten. Die Luft war feucht und schwül. Schon nach
wenigen Sekunden klebten ihm seine Outdoorklamotten wie maßgeschneidertes
Leder an der Haut. Er atmete tief durch. Das war also sein Wald. Langsam und
bedächtig ließ er den Leuchtkegel der Taschenlampe durch die Umgebung wandern.
Überall standen Bäume mit schwarzen Stämmen und auf dem Boden lag kein
einziger abgebrochener Ast. Stattdessen war ihm, als ginge eine Art Wasserdampf
von dem Untergrund aus, der ihm die Sicht erschwerte und das Licht, das er durch
die Taschenlampe erhielt, beinahe nutzlos machte. Er stieß einen leisen Fluch aus.
Wie sollte er die Tiere bei diesen Lichtverhältnissen beobachten? Langsam tastete er
sich voran. Es war ein komisches Gefühl. Zum ersten mal in seinem Leben konnte er
sehen, wohin er in lief. Oder: viel eher meinte er, sehen zu können, wohin er lief. Bis
jetzt hatte er sich immer im Stockdustern durch den Wald getastet und war jedes Mal
an sein Ziel gekommen. Doch jetzt war es anders. Der Schein der Taschenlampe, so
nutzlos er auch sein mochte, verlieh ihm ungeahnte Sicherheit. Er ging schneller.
Bald würde er am Ziel sein. Er hoffte, dass er sie finden würde. Anderenfalls musste
er dem Wald noch weitere Besuche abstatten, bis er sie endlich fand. Er dachte an
Jemina. Sie würde ganz verrückt sein vor Stolz auf ihn, der zu ihrem Wohl die
schlimmsten Gefahren auf sich nahm und die Gierungen zähmen würde. Er ging
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