folgte Marie ihrem Freund durch die luxuriöse Glastür hindurch in den großen
Garten, auf dessen penibel gepflegtem Rasen schon seine Freunde warteten, mit
denen er sich zum Fußballspielen verabredet hatte. Als Marie die Jungen sah,
verdüsterte sich augenblicklich ihr Gesichtsausdruck. Sie waren allesamt mindestens
genauso groß wie Leo, der im Sommer einen irren Wachstumsschub gemacht hatte
und wahrscheinlich alle älter als er. Jeder von ihnen trug Stollenschuhe und das
Trikot der Fußballmannschaft, in der sie spielten. Marie fühlte sich unwohl. Sie war
drei Köpfe kleiner als die anderen und dazu kam, dass sie, falls sie überhaupt
mitspielen würde, wozu ihr soeben alle Motivation schwand, Schwierigkeiten
bekommen würde, den Ball zu treffen. Ein einziges Mal in ihrem Leben hatte sie
Fußball gespielt und das war in Sinistro, einer Nachbarschule von Firaday gewesen
und zwar anlässlich eines großen Turniers. Jetzt raunte sie Leo leise zu: „Vielleicht
hätte ich gar nicht kommen sollen.“ „Ach Quatsch.“, Leo machte eine wegwerfende
Handbewegung. „Du bist hier doch sowieso schon halb zu Hause. Du kannst
kommen und gehen, wann du willst und wenn die Typen damit ein Problem haben,
werde ich ihnen meine Meinung sagen.“ Marie schmunzelte. Trotzdem musste sie
sich ein wenig später Mühe geben, Leos Freunde nicht allzu argwöhnisch zu
mustern. „Hey!“ Ein großer, braunhaariger Junge klopfte Leo auf die Schulter.
„Lange nicht gesehen. Gut, dass du wieder mal zu Hause vorbeischaust.“ „Wir
hatten ja keine Ahnung, wo du die ganze Zeit über warst, bis uns deine Mutter das
von so einer komischen Schule im Ausland gesteckt hat. Hat sie dich echt dahin
abgeschoben? Ist ja voll krass.“, meinte ein anderer. „Ich wäre froh, wenn ich auf
ein Internat gehen könnte.“, tönte ein blonder Junge mit großen, braunen Augen,
„Dann müsste ich meine Alten nicht mehr Tag für Tag ertragen.“ Von allen Seiten
Zustimmung. Nur Marie rümpfte die Nase. Der Junge neben ihr roch übelst nach
Schweiß, was bestimmt daran lag, dass er sich bereits aufgewärmt hatte. Die
durchsichtige Körperflüssigkeit rann ihm in Bächen übers Gesicht. Dann kam, was
kommen musste. „Und wer ist die da?“, einer der Jungen deutete auf Marie. Dann
verzog er das Gesicht. „Etwa deine Freundin? Also wirklich Leo, da hätte ich mehr
von dir erwartet. An der ist doch nichts Besonderes.“ Gelächter brandete auf. Marie
stand, von einem Fuß auf den anderen tretend, da und überlegte, was sie sagen
sollte. „Ich bin Marie.“, erklärte sie schließlich mit erhobener Stimme und fixierte
den Jungen, der so blöd gefragt hatte, mit einem vernichtenden Blick. Das schien den
Riesen zu verwirren, denn er senkte langsam seinen Blick. Davon angespornt setzte
Marie hinzu: „Und ja, ich bin Leos Freundin, aber nicht so, wie ihr denkt. Ich stehe
nicht wirklich darauf, mich vor sabbernden Jungs zu positionieren und mich von
ihnen knutschen zu lassen, wenn ihr das meint.“ Verächtlich starrte sie vom einem
zum anderen. Eine äußerst unangenehme Stille breitete sich über die Anwesenden
aus. Nur Leo schien belustigt. Grinsend schüttelte er den Kopf. „Sie meint das nicht
so.“, versuchte er Maries Verhalten vor seinen Freunden zu rechtfertigen, „Sie ist
nur ein bisschen...“, er suchte nach den richtigen Worten, fand aber keine. Also
umschrieb er das, was er meinte. „Sie hat einfach einen etwas anderen Sinn für
Humor. Also passt lieber auf, was ihr sagt, sonst wird es euch todernst genommen.“
Er grinste dümmlich. Für das, was er dann sagte, hätte Marie ihn am liebsten
kopfüber in eine der Mülltonnen gesteckt, die überall am Straßenrand verteilt
standen. „Sie hat übrigens schon alle Schullektüren gelesen, die für dieses Jahr auf
dem Lehrplan stehen. Und sie kennt den Duden auswendig!“ Marie spürte, wie die
Röte in ihren Wangen aufstieg. Nicht aus Scham. Nein, es war ihr total egal, was
Leos Freunde von ihr dachten, sondern einfach nur aus Wut. Unsanft stieß sie Leo in
die Seite und zischte: „Träum weiter!“ Fast hätte sie sich als Nächstes umgedreht
und wäre beleidigt nach Hause gegangen, aber da brach auf einmal schallendes
Gelächter los. Einer der Jungen, der große mit den braunen Haaren, hatte
angefangen zu lachen und nacheinander stimmten alle anderen mit ein. Marie hielt
verwirrt inne, bis der Braunhaarige sie grinsend und unter Lachtränen ansah und
sagte: „Cool, dann braucht Leo sich in der Schule ja nicht mehr anstrengen, wenn
du neben ihm sitzt. So eine Freundin hätte ich auch gerne.“ Er grinste. Dann fragte
er: „Lass mich raten, du kannst kein Fußball spielen, richtig?“ Marie schüttelte
genervt den Kopf. Dann sagte sie: „Wieso, muss man das können? Dem Ball
hinterherrennen kann ich schon, aber mit dem Treffen ist das so eine Sache. Ich geh
dann wohl lieber.“ Sie hatte sich schon umgedreht und ein paar Schritte gemacht, als
sie plötzlich spürte, wie sie jemand am Arm festhielt. „Wieso denn so eilig?“, wieder
war es der Braunhaarige, der sie ansprach. Insgeheim fragte Marie sich, warum er
sie nicht einfach in Ruhe lassen konnte. „Spiel doch mit.“, gab er schließlich den
Grund für sein Verhalten preis, woraufhin er einige entgeisterte Blicke von seinen
Kumpels erntete. Als er sie bemerkte, fragte er provozierend: „Was denn? Lasst sie
doch mitspielen, das wird bestimmt lustig.“ Sein kindisches Kichern verriet, dass er
es ernst meinte. Marie verzog das Gesicht und schaute zu Leo. Der sah sie bittend
an. „Also schön.“, gab sie schließlich nach, woraufhin ihr der Braunhaarige
grinsend auf die Schulter klopfte. „Gut.“, sagte er, „Ich bin übrigens Marco. Letztes
Jahr haben Leo und ich zusammen im Verein Fußball gespielt. Das war, als er noch
so groß war wie du.“
Wasser. Die kühle Flüssigkeit rann ihr in Sturzbächen die Kehle hinunter. Sie konnte
gar nicht genug davon bekommen. Ihr war schrecklich warm und ihre Knie waren
grün vor Pflanzensaft. Mehrmals war sie über ihre eigenen Füße gestolpert und hatte
den Rasen geküsst. Sehr zur Freude der Jungen. Doch mittlerweile war sie von allen
akzeptierte worden. Sie saßen jetzt schwitzend und keuchend neben ihr im Gras und
stürzten den Inhalt ihrer Wasserflaschen hinunter. Trotz der Erschöpfung war die
Stimmung ausgelassen. Vor allem Marco schien glänzende Laune zu haben. „Warum
kannst du eigentlich auf einmal so gut spielen?“, fragte er Leo, „Bei dem letzten
Spiel, an das ich mich erinnere, wurdest du schon nach einer Minute ausgewechselt,
weil du dich mit der Gegnermannschaft kein bisschen messen konntest. Habt ihr auf
eurem Internat auch ein Fußballteam?“ Leo schüttelte den Kopf. „Wir haben
Bibelkicker.“, erklärte er. Jetzt lagen von einem Moment auf den anderen vier
verdutzte Blicke auf ihm. „Bibelkicker?“, wiederholte der braunäugige Junge mit
den blonden Haaren, „Was soll das denn bitte sein? Kickt ihr da ein altes Buch vor
euch her?“ Seine Kumpels lachten bei dieser Vorstellung. „Nein.“ Leo seufzte. Dann
fing er an zu erklären. „Bibelkicker ist so ähnlich wie Fußball, nur ohne Torwart.
Oder besser gesagt: Der, der am weitesten hinten steht, verteidigt das Tor, ihr wisst
schon.“ Die anderen nickten. „Ja und?“, fragte einer der Jungen dann ungeduldig,
„Was hat das jetzt mit der Bibel zu tun?“ „Warte doch mal ab.“, beschwerte sich
Leo, „Ich bin doch noch gar nicht fertig mit Erklären. Jedes mal, wenn ein Tor
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