geschossen wird, wird eine Karte mit einer Frage gezogen, die sich nun mal auf die
Bibel bezieht. Wenn die Mannschaft die Frage beantworten kann, zählt das Tor, wenn
nicht, dann eben nicht.“ Leo wartete ab, wie seine Freunde darauf reagieren würden.
Marco und der Blonde runzelten unwillig die Stirn, während die beiden anderen gar
keine Reaktion zeigten. „Du immer mit deiner Bibel.“, maulte der Blonde
schließlich, „Ich dachte, das wäre langsam vorbei. Ich hab den
Konfirmandenunterricht gerade erst hinter mir, jetzt will ich endlich meine Ruhe
haben von diesem Schwachsinn.“ Leo verdrehte die Augen. Er hatte keine Lust,
darüber zu streiten. „Warum fragst du dann?“, gab er nur mürrisch zurück. Der
Blonde zuckte mit den Schultern. Zehn Minuten später machten sie sich bereit für ein
zweites Spiel. Der Ball flog über die Wiese hinweg und hinterließ hin und wieder
Abdrücke auf dem ebenmäßigen Rasen, genauso wie die Stollenschuhe, die sich
erbarmungslos in den Boden bohrten. Irgendwann knallte eine Autotür. Leos Eltern
waren wiedergekommen. Sein Vater war auf einer Besprechung gewesen und seine
Mutter beim Frisör. Als Leo sie sah, wie sie sich durch den Garten auf den Weg zum
Haus machten, rief er ihnen ein kurzes: „Hallo!“, zu, das seine Mutter mit einem
freundlichen Kopfnicken erwiderte. Dann verschwand sie im Haus. Sein Vater
hingegen kam auf die Jugendlichen zu. Während er ging, hatte er seinen Blick fest
auf den Boden gerichtet, aus dem das Gras an manchen Stellen herausgerissen
worden war und wo sich jetzt Löcher aus braunem, schmierigem Erdboden in die
vorher so glatte Rasenfläche gefressen hatten. Als Leo ihn kommen sah, dachte er
sich erst nichts dabei. Er spielte einfach weiter und passte Marie gerade den Ball zu,
die daraufhin versuchte, ihn ungelenkt an Marco weiterzugeben. Da spürte er, wie
ihn jemand herumriss. Kurz darauf starrte er in die blauen, ernsten Augen von Herrn
Schneider, dem Chef einer großen Firma, die Autoreifen herstellte. „Was soll das
hier?“, fragte er leise. Leo merkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Ein
unangenehmes Gefühl machte sich in ihm breit. „Was?“, fragte er und erwiderte den
durchdringenden Blick seines Vaters, nichtsahnend, was für ein Problem dieser hatte.
Eine Sekunde später hielt Leo sich die Ohren zu. Der Mann vor ihm hatte
unvermittelt angefangen und brüllen und das direkt vor seinem Gesicht. „Bist du
wahnsinnig?“, schrie er, „Ich habe den Rasen erst vor kurzem von unserem Gärtner
neu bepflanzen lassen und du verschandelst ihn, indem du hier mit deinen Freunden
Fußball spielst!“ Plötzlich hatte sich die ruhige, willensstarke und durchdringe
Maske des soliden Geschäftsmannes in ein rotes, vor Wut verzerrtes Gesicht
verwandelt. Sein Vater hatte sich vor seiner Familie nie gut beherrschen können und
Leo und seine Brüder schon so manches mal zusammengebrüllt. Jetzt packte er
seinen Sohn am Arm. „Du sagst deinen Freunden jetzt sofort, dass sie nach Hause
gehen sollen und für den Schaden hier kommst du auf. Weißt du eigentlich, wie teuer
so etwas ist?“ Erst jetzt begriff Leo. Vage erinnerte er sich daran, wie sein Vater ihm
vor einigen Tagen stolz von seinem neuen Projekt, der Erneuerung des Rasens,
berichtet und ihn gebeten hatte, zum Fußballspielen die kleinere Rasenfläche auf der
Hinterseite des Hauses zu benutzen. Leo war nur mäßig interessiert gewesen und
hatte deshalb nur mit einem Ohr zugehört, seinem Vater dann aber versprochen, ihm
das Projekt nicht zu versauen. Und jetzt? Jetzt hatte er es einfach vergessen. Wie
hatte er nur so dumm gewesen sein können… Hektisch schaute er von seinen
Freunden, die wie erstarrte dastanden, wieder zu seinem Vater und von ihm aus
schließlich zu Marie. Er wusste, dass sie die einzige von seinen Freunden war, die
sein Vater mochte. Und wahrscheinlich war sie auch die Einzige, die er überhaupt
kannte. Von Leos Fußballfreunden wusste er ja nicht einmal die Namen. Würde
Marie nicht irgendetwas für ihn gerade biegen können? Oder hatte er durch seine
dumme Aktion jetzt auch noch ihr Ansehen vor seinem Vater zerstört? Jetzt schaute
er wieder in das harte Gesicht seines Erzeugers. „Es tut mir Leid.“, stammelte er,
„Ich habe es einfach vergessen.“ „Ja, ja, vergessen!“, tönte sein Vater und bäumte
sich vor ihm auf, „Ich vergesse mich auch gleich!“ Dabei machte er den Eindruck,
als würde er sich wirklich jeden Augenblick auf seinen Sohn stürzen, was er bis jetzt
allerdings noch nie getan hatte. Trotzdem hatte Leo keinen Zweifel daran, dass
genau das heute passieren würde, wenn seine Freunde nicht schnellstmöglich von
hier verschwänden. Er schluckte. „Tut mir Leid, Leute.“, sagte er dann mit belegter
Stimme, „Ihr müsst jetzt gehen...“ In diesem Moment wusste er, dass ein großer Teil
der lockeren Freundschaft, die er mit einigen von ihnen gepflegt hatte, zerstört war.
Die vorwurfsvollen, stummen und anklagenden Blicke der Jungen, als sie sich auf
den Weg nach Hause machten, blieben in seinem Gedächtnis haften. Jetzt war nur
noch Marie da. „Tut mir wirklich Leid, Herr Schneider.“, sagte sie leise, aber nicht
ängstlich. „Ich sage noch meiner Schwester Bescheid und dann gehe ich, wir müssen
jetzt sowieso nach Hause.“ Leo betrachtete Marie, wie sie so dastand, in ihrem rosa
T-Shirt mit dem schlanken Oberkörper und den schmalen Händen, ihr gegenüber der
massige, vor Wut rasende Mann. Doch irgendwie schien sein Vater auf Marie
wesentlich weniger einschüchternd zu wirken als auf ihn, obwohl er, Leo, nur wenige
Zentimeter kleiner war als der Mann. „Mach das.“, brummte Herr Schneider. Immer
noch war sein Gesicht verfärbt, doch er ließ seine Wut nicht an Marie aus. „Das
Chaos hier ist ja auch nicht deine Schuld, sondern allein die meines Sohnes.“ Mit
einem unbeschreiblichen Ausdruck in den Augen sah er Leo an. Dann wandte er sich
ab. Das hinderte seinen Sohn allerdings nicht daran, die letzten Worte noch
aufzuschnappen. Sie klangen in seinem Herzen nach wie das Geräusch von
zerberstendem Ton. „Nicht einmal das kriegt er auf die Reihe.“
Marie schüttelte in Erinnerung an den gestrigen Tag den Kopf. Sie mochte Herrn
Schneider. Sie mochte seine besondere Art, die auf die meisten eher abstoßend
wirkte, weil sie nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Trotzdem wusste sie,
dass Leo darunter litt. Sein Vater hatte oft solche Ausraster. Und zum Schuldigen
machte er immer den Sohn, der ihm als Erstes über den Weg lief. Meistens war das
Leo. Hinzu kam, dass er fast immer arbeitete und nur wenig Zeit für seine Familie
hatte. Seufzend ließ Marie sich auf ihr Bett fallen. Insgeheim fragte sie sich, ob sie
auch solche Probleme mit ihrem Vater gehabt hätte, wenn er noch leben würde. Er
war vor vielen Jahren umgekommen und hatte seine Kinder nicht aufwachsen sehen.
Aber so war das nun mal. Es klopfte. Marie stieß genervt Luft aus. Dann stand sie auf
und öffnete die Tür des nunmehr ziemlich kahlen Zimmers. Vor ihr stand ein blondes
Mädchen in einer teuren Jeans mit Glitzersteinchen und einem bunten, bauchfreiem
Top. Ihre Haare waren von pinken Strähnen durchzogen und eine Wolke von süßlich
duftendem, teuren Parfüms umgab sie. Es war Sarah-Annabell, Leos Schwester. Sie
war genauso alt wie Maries Schwester Michelle und klingelte regelmäßig bei ihnen,
um mit ihr zu spielen. Wenn Marie ehrlich war, fühlte sie sich in der Gegenwart
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