Absenders und die fremd aussehende Briefmarke, mit der er den Brief versehen hatte.
Das waren also Dinge aus der anderen Welt. Leo lebte in einem Land namens
Deutschland, von dem Jonas vorher noch nie etwas gehört hatte. Sein Heimatland Iria
war zusammen mit ein paar anderen Länder schon seit hunderten von Jahren vom
Rest der Welt abgeschnitten und er hatte keine Ahnung, wie die Piloten der
Flugzeuge, die die Schüler immer zu Ferienbeginn und -ende zwischen Iria und der
anderen Welt hin- und herflogen, das bewerkstelligen konnten. Aber er hatte sich
vorgenommen, irgendwann hinter dieses Rätsel zu kommen. Kurz darauf hielt er ein
liniertes Blatt Papier in den Händen, das aussah, als sei es aus einem Schulblock
gerissen worden. Der linke Rand war unsauber abgetrennt und an einigen Stellen
hing noch der Papierstreifen mit den kleinen Löchern, die eigentlich dazu bestimmt
waren, die einzelnen Blätter an einen Ringhefter zu binden. Er erkannte Leos
Handschrift sofort wieder und fing gespannt an zu lesen.
Hallo Jonas,
ich dachte, ich sollte mich mal wieder bei dir melden. Ich hoffe, du
hast schöne Ferien und deine Familie treibt dich nicht zu sehr in den
Wahnsinn. Meine nervt mich nach wie vor, aber seit letztem Jahr ist
die Situation bei uns zu Hause viel besser geworden. Du kannst dir gar
nicht vorstellen, was für Augen meine Brüder gemacht haben, als ich
angefangen habe, ihnen von all unseren Erlebnissen zu erzählen. Ich
glaube, sie waren sogar ein ganz kleines bisschen neidisch. Jedenfalls bin
ich jetzt dank dessen, was passiert ist, hier zu Hause eine Art Held.
Und als diesen respektiert mich sogar meine kleine, aufmüpfige
Schwester! Außerdem habe ich langsam kapiert, dass ich mich nicht von
ihr beeinflussen lassen muss. Es ist unglaublich, aber es gelingt mir
mittlerweile immer besser sie zu ignorieren, auch wenn sie mir von früh
bis spät mit glitzernden Plastikponys und Nagellack vor meiner Nase
herumwedelt. Ich sehe keinen Grund mehr, mich darüber aufzuregen.
Wenn mich aber jemand in den Wahnsinn treibt, dann ist das Marie.
Jedes Mal, wenn wir uns treffen, erzählt sie mir, wie sehr sie Firaday
vermisst. Und natürlich dich und Hedwig. Diese Verrückte kann es kaum
abwarten, endlich wieder die Schulbank zu drücken! Aber das ist ja
nichts Neues. Wie geht es dir? Wie geht es Hedwig? Ist ihr Haar
immer noch so dunkelrot wie früher? Meins hat nämlich ein wenig an
Farbe verloren. Das versuche ich mir zumindest einzureden, denn hier
nennt mich jeder zweite „Karottenkopf“ und das kann man irgendwann
nicht mehr hören. Was machst du so? Es wäre cool, wenn du mir
zurückschreibst.
Leo
Schmunzelnd sah Jonas von seiner Lektüre auf. Das war wieder mal typisch für Leo.
Er ging wegen alles und jedem an die Decke. Und dann war da natürlich noch Marie,
die immer die besten Noten hatte und manchmal Gefahr lief, ihre Nase etwas zu tief
in ihre Schulbücher zu stecken. Und Hedwig. Es war schon eine Ewigkeit her, dass er
mit ihr gesprochen hatte. Sie war die Ferien über zu Hause und bis jetzt hatte er
einfach noch nicht daran gedacht, sie anzurufen. Wortlos stand er auf und griff nach
dem Telefon. „Jonas!“, die vorwurfsvolle Stimme seiner Tante ließ ihn innehalten.
„Du musst etwas essen! Was ist denn mit dir? Bist du krank?“, besorgt musterten ihn
die sonst immer so fröhlich funkelnden Augen seiner Tante. Jonas schüttelte den
Kopf. „Ich will nur Hedwig anrufen.“, sagte er schnell. Seine Tante nickte. „Okay.“,
meinte sie, „Aber danach isst du mit uns!“ Ohne weiter darauf einzugehen, wählte
Jonas Hedwigs Nummer. Dann ging er raus auf die Terrasse und schloss die Tür
hinter sich, um zu verhindern, dass der gesamte Hofstaat mithörte. „Hallo?“, nach ein
paar Sekunden meldete sich eine tiefe Männerstimme am Apparat. Hedwigs Vater.
„Hallo Emil. Kann ich mit Hedwig sprechen?“ „Ach, du bist es Jonas!“, die Stimme
am anderen Ende klang erfreut. Jonas kannte Hedwigs Eltern gut. Ihre Familien
waren befreundet gewesen, schon lange Zeit bevor seine Mutter an Krebs erkrankt
und vor fast genau einem Jahr gestorben war. Seitdem hatte Jonas ab und zu ein paar
Tage bei Hedwig und ihrer Familie übernachtet. „Wie geht es dir?“ Emil schien
ehrlich interessiert. Und Jonas wusste, dass er eine ehrliche Antwort erwartete. „Ganz
gut.“, meinte Jonas. „Der Strand ist schön. Aber mit der Zeit wird es echt langweilig,
immer nur das Gleiche zu sehen...“ „Du hast recht.“, Emil lachte, „Vielleicht ist es
doch ganz gut, dass die Schule bald wieder anfängt. Dann habt ihr wieder etwas zu
lachen. Ist sonst alles in Ordnung?“ Jonas zuckte innerlich zusammen. Er kannte
diesen bohrenden Unterton nur allzu gut. Jetzt holte er tief Luft. „Ja, alles bestens“,
sagte er und hoffte, Emil würde sich mit dieser Antwort zufrieden geben. Das tat er
wohl oder übel auch. „Warte kurz.“, sagte er, „Ich hole Hedwig.“ „Hallo Jonas!“ Die
aufgeregte Stimme seiner Freundin war wie frisches Wasser auf ausgetrockneten
Lippen. „Hast du das in den Nachrichten gesehen?“, fragte sie mit bebender Stimme.
Jonas sog scharf Luft ein. Zwar hatte er schon seit einer Ewigkeit kein Fernsehen
mehr geguckt, weil seine Familie wie die meisten anderen Irianer gar keinen
Fernseher besaß, aber er konnte sich denken, wovon Hedwig sprach. Dennoch hatte
er nicht die geringste Lust, ihr es jetzt auch noch erläutern zu müssen. Deshalb fragte
er leichthin: „Was denn?“ „Die haben antike Schriften gefunden!“, Hedwigs Stimme
überschlug sich fast, „Irgendwo weiter im Norden. Das ist ungeheuerlich! Die
könnten aus der Zeit von Jesus stammen und berichten von seinem Wirken auf der
Erde.“ „Ach, echt?“, Jonas zog die Stirn in Falten. Es kam ihm seltsam vor, dass
gerade jetzt, wo in Iria ein Umbruch in alle Richtungen stattfand, ein neues
Evangelium gefunden worden sein sollte, von dem vorher nie ein Mensch gehört
hatte. „Ja!“ Hedwig war total begeistert. Er konnte sie sich lebhaft vorstellen, wie sie
dastand; mit geröteten Wangen und weit offenen Augen. „Das ist doch noch ein
weiterer Beweis dafür, dass es Jesus tatsächlich gegeben hat. Und auf diese Weise
können wir noch mehr von ihm erfahren.“ „Meinst du?“, fragte Jonas etwas
zögerlich, „Ich habe gehört, dass der Inhalt dieser Schriften einige heftige Streits
ausgelöst hat. Selbst hier, in einer Touristengegend, kriegen sich die Leute darüber in
die Haare, weil der Stoff echt ganz schön provozierend ist. Außerdem, was meinst du
damit, „ein Beweis dafür, dass es Jesus tatsächlich gegeben hat“? Willst du mir weiß
machen, dass es ihn jetzt nicht mehr gibt?“ Hedwig verdrehte die Augen, was Jonas
natürlich nicht sehen konnte und wodurch eine kurze Pause entstand.
„Entschuldigung, das war dumm formuliert.“, lenkte sie ein, „Natürlich gibt es ihn
immer noch. Aber halt nicht als Mensch, hier, bei uns. Du weißt schon, was ich
meine.“ Jonas nickte ohne ein Wort zu sagen. Nach einer Weile des Schweigens
fragte er: „Wie geht’s dir?“ „Gut.“, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.
„Ich spiele jeden Tag mit Erwin. Er kann jetzt schon ein paar super Tricks, die ich dir
unbedingt zeigen muss, wenn wir wieder in der Schule sind. Und wie geht’s dir? Du
bist irgendwie so ruhig.“ „Gut.“, antwortete Jonas sporadisch. Dann gab er sich einen
Ruck. „Weißt du“, fing er an, „mir macht die ganze Entwicklung hier im Land
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