einfach Sorgen. Schon nachdem wir den Schlüssel der Macht vernichtet haben und
sich dieser verbrecherische Geheimbund aufgelöst hat, gab es wieder neue
Spannungen zwischen Nord- und Südirianern. Und das nur, weil es vor vielen Jahren
mal einen heftigen Bürgerkrieg gab. Jetzt wird die ganze längst versunkene Schlacke
wieder hervorgeholt. Und nicht nur deshalb kriegen sich die Leute in die Wolle.
Wohin du auch blickst, überall in Iria siehst du nur Spaltungen, Spaltungen und
Spaltungen. Und außerdem kaputte Familien, so wie meine eine ist.“ Jonas spürte
einen Stich in seinem Brustkorb, als er das sagte. Der Geheimbund, von dem er
gerade gesprochen hatte, hatte aus Menschen bestanden, die einen Pakt mit dem
Teufel geschlossen hatten. In ganz Iria hatten sie unter der Oberfläche Verbrechen
begangen und niemand hatte sie aufhalten können. Sein Vater und seine beiden
Schwestern Chila und Lisa waren Mitglieder des Bundes gewesen. Chila war tot,
Lisa hatte sich zum Glück komplett davon losgesagt und sein Vater, Sigor Maschael,
der eine Zeit lang als Lehrer in Firaday gearbeitet hatte, hatte sich nach dem Zerfall
der Organisation in Luft aufgelöst. Jonas hatte keine Ahnung, wo er sich befinden
mochte. „Och Jonas.“, Hedwig stöhnte, „Nun werd nicht wieder gleich depressiv. Du
hast es doch sehr gut. Genieße die letzten Ferientage mit deiner Tante und deiner
Schwester und mach dir um unsere Politik keine Sorgen. Das wird sich schon wieder
einrenken. Die Politiker und die Presse machen doch sowieso immer einen Wirbel
um nichts.“ Jonas schien immer noch nicht überzeugt. Dennoch fiel ein Teil der
Anspannung der letzten Tage von ihm ab. Dann erzählte er Hedwig, wie er auf einer
Schifffahrt ganz in der Nähe einer Gruppe Delfinen begegnet war. „Delfine?“, wie zu
Anfang war Hedwigs Stimme laut und aufgeregt. Er konnte ihr die Begeisterung
anhören. „Das ist ja der Wahnsinn!“, rief sie, „Warum bin ich nicht mitgekommen,
ich hätte die mal so gerne aus der Nähe gesehen.“ Jonas versicherte ihr, dass sie dazu
in ihrem Leben noch genug Gelegenheit haben würde und legte dann schließlich auf.
Etwas zu spät fiel ihm ein, dass seine Tante ihn ja dazu nötigen wollte, etwas von
dem ekligen Salat zu essen, den seine Schwester zubereitet hatte. Aber jetzt war es
schon zu spät. Er stand wieder neben ihnen am Tisch und würde um eine Portion
Grünzeug wohl nicht herumkommen.
„Michelle!“ Der Ruf hallte durch die gesamte Wohnung. Doch nichts rührte sich.
Entnervt machte sich Marie auf den Weg zum Zimmer ihrer kleinen Schwester,
vorbei an Umzugskartons und halbfertig gepackten Taschen. Als sie eintrat, stach ihr
der Grund, warum ihre kleine Schwester nicht reagiert hatte, sofort ins Auge. Sie lag
auf ihrem Bett und hörte Musik, den Ton hatte sie voll aufgedreht. „Michelle!“,
verärgert riss ihr Marie die Kopfhörer aus den Ohren. Den darauf folgenden Protest
überhörte sie. „Räum dein Geschirr weg.“, sagte sie stattdessen in einem Ton, der
keinen Widerspruch duldete. „Wenn du so weiter machst, stapeln sich deine
schmutzigen Teller bald in der ganzen Küche!“ Murrend stand die Neunjährige auf
und durchquerte den kleinen Flur mit fünft großen Schritten. Doch ehe sie
verschwunden war, erschien auch noch Edmund auf der Bildfläche. Mit seinem
unwiderstehlichen Zahnlückenlächeln grinste ihr kleiner Bruder Marie an. „Kannst
du mir etwas vorlesen?“, fragte er seine Schwester in zuckersüßem Tonfall. Marie
nickte. Wer konnte da schon nein sagen? Dann sagte sie: „Wenn du nach den Ferien
in die Schule kommst, kannst du bald schon alleine lesen.“ Edmund verzog das
Gesicht. In leicht weinerlichem Tonfall gab er zu: „Ich will gar nicht in die Schule
kommen.“ „Warum nicht?“, fragte Marie überrascht, „Du hast dich doch schon die
ganze Zeit darauf gefreut.“ „Ja, aber...“, Edmund verstummte bekümmert. Dann
meinte er: „Aber wenn ich dann in die Schule komme, müssen wir umziehen. Und
ich will nicht umziehen.“ „Aber das ist doch gar nicht schlimm.“, versuchte Marie
ihn aufzumuntern, „Du bekommst ein eigenes Zimmer und wir haben viel mehr
Platz.“ „Trotzdem.“, beharrte der Kleine und verschränkte demonstrativ die Arme.
Marie schüttelte verständnislos den Kopf. Sie war froh, endlich aus dieser mickrigen,
viel zu kleinen Wohnung zu entkommen. Außerdem würden sie sowieso nur ein
Stockwerk tiefer, in eine der größeren Wohnungen ziehen, denn Frau Schneider, Leos
Mutter, hatte es doch tatsächlich geschafft, Maries Mutter einen Job als Sekretärin zu
besorgen. Zwar war ihre Familie nach wie vor von den Sozialleistungen abhängig, da
ihre Mutter nur halbtags arbeiten konnte, aber es war immerhin schon wesentlich
besser als früher, als sie noch jede Woche einem anderen Minijob nachgegangen war
und nie gewusst hatte, was als Nächstes kommen würde. Marie freute sich. Sowohl
auf den Tag des Umzugs als auch auf Edmunds Einschulung, denn danach würde sie
wieder gemeinsam mit Leo in ihre Schule nach Iria fliegen und ihre Freunde Jonas
und Hedwig wiedersehen.
Die letzte Ferienwoche verging schneller als erwartet. Es war immer dasselbe; noch
während man sich fragte, wie man die viele Zeit nutzen sollte, die sich einem nun
bot, verstrich Minute um Minute, bis man schließlich zu nichts mehr von dem kam,
was man sich vorgenommen hatte. In Maries Zimmer stapelten sich Bücher und
Hefte, die Hälfte davon war auf Englisch. Schon tausend mal hatte ihre Mutter sie
dazu gedrängt, diese Berge von bedruckten Seiten endlich in einem der
Umzugskartons verschwinden zu lassen, doch Marie hatte sich geweigert. Ihre freie
Zeit, die sie nicht mit Leo oder ihrer Familie verbrachte, hatte sie dazu aufgewendet,
zu lesen und ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Außerdem hatte sie sich gründlich
Gedanken darum gemacht, welche zweite Fremdsprache sie im kommenden
Schuljahr wählen würde. Zur Auswahl standen Hebräisch und Griechisch, beides
Sprachen, von denen sie immer noch nicht wusste, ob sie sie jemals in ihrem Leben
brauchen würde. Trotz sorgfältiger Überlegungen schwankte sie immer noch
zwischen beiden hin und her. Am Tag zuvor hatte sie sich mit Leo getroffen und mit
ihm darüber gesprochen.
„Wenn ich könnte, würde ich weder Hebräisch noch Griechisch wählen.“, murrte
Leo und zog sich geräuschvoll die Nase hoch, während er versuchte, in seine viel zu
engen Markenschuhe zu schlüpfen. „Bestimmt lernen wir die Sprachen nicht mal so,
wie sie heute gesprochen werden, sondern nur in den alten Dialekten, in denen die
Bibel geschrieben wurde. Und was soll man damit schon anfangen, wenn man kein
Theologiestudium absolvieren will? Kennst du irgendein Land in Iria, in dem
Griechisch gesprochen wird?“ Gerade wollte Marie ihren Freund unterbrechen und
ihn darauf hinweisen, dass sich ein Land niemals in einem anderen befinden könne
und dass Iria bestimmt noch irgendwelche Nachbarländer habe, in denen man
verschiedene Sprachen gebrauchen könne, als Leo schon fortfuhr. „Und kennst du
irgendeine Region außerhalb von Griechenland, in der sich die Leute auf Griechisch
grüßen? Oder willst du etwa Hebräisch wählen, nur um an jüdischen Gottesdiensten
teilnehmen zu können? Das ist doch total dämlich. Wozu müssen wir den Mist
überhaupt lernen?“ „Sei doch froh.“, konterte Marie, „Immerhin musst du so kein
Französisch wählen.“ Leo schnaubte. „Das wäre ja noch schöner.“ Währenddessen
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