dieses Mädchens etwas unwohl. Leo hatte ihr oft erzählt, wie sie ihn Tag für Tag in
den Wahnsinn trieb und je öfter Marie beobachtete, wie sie mit ihrer Schwester
umging, desto mehr hatte sie zugeben müssen, dass das, was Leo der Kleinen
unterstellte, keineswegs aus der Luft gegriffen war. Herrisch und arrogant hatte er sie
genannt und noch vieles mehr. „Was ist denn?“, fragte Marie und bemühte sich, nicht
zu abweisend zu klingen. „Michelle hat gesagt, du hast so viele Bücher. Kann ich mir
die mal angucken?“ Es war mehr ein unwillig aufgebrummter Befehl als eine Frage.
Marie murmelte nur: „Natürlich.“ Und versuchte dann, so schnell wie möglich zu
verschwinden. Vorher fiel ihr Blick noch auf die beiden Mädchen. Da wo Sarah-
Annabell selbstsicher, launisch und kindisch war, war Michelle eher in sich
zurückgezogen, nachdenklich und manchmal eine Spur zu erwachsen. Hoffentlich
geht das gut!
„Wann muss ich wieder los?“ Eljosch Kanidis war es, als säße er auf heißen Kohlen.
Vor einer halben Stunde erst war er wieder nach Hause gekommen und jetzt stand
urplötzlich seine persönliche Beraterin und Managerin auf der Matte, um ihn auf den
nächsten Termin vorzubereiten. Und das nach einer durchwachten Nacht! „In einer
Stunde findet das Gespräch mit Herrn Borost im Verhandlungssaal statt. Bis dahin
solltest du alle relevanten Fakten überflogen haben und für einen angeregten
Austausch gewappnet sein. Und du sollten duschen!“ Kristina verzog das Gesicht.
Sie kannte Eljosch jetzt schon seit Jahren. Eigentlich war sie mehr als nur seine
engste Vertraute, was die Arbeitsangelegenheiten betraf. Sie ihm zu einer Freundin
geworden. Und als solche konnte sie sich sogar erlauben, den Präsidenten von Iria
persönlich von zu Hause abzuholen, um ihn daran zu hindern, einen wichtigen
Termin in den Sand zu setzen. Er schnaubte. Und während er versuchte, sich seiner
stinkenden Socken zu entledigen, wetterte er: „Wenn Emanuel noch bei uns wäre,
wär das alles nicht passiert. Er wüsste, wie man mit so einer Situation umgehen soll.“
Wütend stampfte er auf, wodurch er in die warme Kaffeepfütze trat, die sich soeben
aufgrund seiner Unachtsamkeit auf den Fußboden ergossen hatte. „Wie konnte er uns
nur im Stich lassen? Das ist verantwortungslos. Am liebsten würde ich ihn verklagen,
zur Rechenschaft ziehen und dann...“ „Und ihn dann wieder bei jeder wichtigen
Entscheidung im Land zu Rate ziehen, ich weiß.“, Kristina schürzte die Lippen. „Ich
vermisse ihn auch. Aber das ist keine Ausrede, um nicht zur Arbeit zu gehen. Jetzt
beeil dich.“ Eine Dreiviertelstunde später saß der Präsident von Iria im
Verhandlungssaal und war mit voller Konzentration in die Papiere vertieft, die er
studierte. Es blieb ihm viel zu wenig Zeit, um sich richtig auf das Gespräch
vorbereiten zu können. Er war ja schon froh, selbst nicht zu spät gekommen zu sein.
Aber wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass keine Zeit der Welt ihm
tatsächlich die Möglichkeit gegeben hätte, sich auf Borost vorzubereiten. So ein
Mann wie er machte immer nur Ärger. Eljosch räusperte sich. Er war perfekt gestylt,
jede einzelne Strähne seines langen Haares saß richtig. Und er würde heute, wie an
jedem anderen Tag auch, wieder erfahren, ernst und durchsetzungsfähig wirken, so,
wie man es von einem Staatsoberhaupt eben erwartete. Aber in seinem Inneren
rumorte es. Die Tür sprang auf. Herein kam ein asketisch wirkender, dünner Mann in
Anzug, dessen elegantes Erscheinungsbild durch seine eisblau gefärbten Haare
gänzlich ins Lächerliche gezogen wurde. Borost. Es war ihm schleierhaft, wie eine
Bürgerinitiative so einen zu ihrem Sprecher hatte wählen können. Er kam zehn
Minuten zu früh. „Guten Tag, Herr Präsident.“, sagte er und reichte dem
Angesprochenen die Hand. Eljosch machte sich nicht die Mühe, von seinen
Unterlagen aufzublicken. „Sie sind zu früh.“, stellte er fest, ohne sich jegliche
Emotionen anmerken zu lassen. „Ich weiß.“, bestätigte Borost, „Ich bin ein bisschen
früher dran, weil ich sie warnen wollte.“ Er hatte sich mittlerweile einen Stuhl
genommen und sich dem Präsidenten direkt gegenüber gesetzt. Seine langen
Fingernägel ließ er ungeduldig über den Tisch kratzen. Eljosch blickte auf und
fixierte sein Gegenüber. Ohne mit der Wimper zu zucken. Doch Borost gab sich nicht
einmal Mühe, dem Blickkontakt standzuhalten. Wahrscheinlich ist er wieder bekifft,
ärgerte sich Eljosch und zog die Mundwinkel nach unten. „Sie warnen den
Präsidenten?“ Er fand sich gut in seiner Rolle als Autoritätsperson. Sehr gut sogar.
Hätte er sich selbst gegenüber gesessen, er hätte es mit der Angst zu tun bekommen,
so kalt und schneidend war sein Ton. Doch Borost war zu unaufmerksam, um dies
überhaupt wahrzunehmen. Oder aber er hatte Nerven aus Stahl. „Um sie zu warnen,
ganz Recht.“ In Borosts Stimme lag Abscheu und er machte keinen Hehl daraus, dass
er den Präsidenten abgrundtief hasste. „Ich habe mir nämlich Unterstützung
mitgenommen.“ Sofort dachte Eljosch an bezahlte Schlägertrupps, die ihm auflauern
würden, wenn er nicht das machte, was dieser Lackaffe vor ihm von ihm verlangte.
Die kommen eh nicht an mich dran, dachte er grimmig. „Die Presse ist bei mir.“
Eljosch zuckte zusammen. Für einen kurzen Moment verlor er die Fassung. „Sie
haben was?“, fragte er, ohne seine Überraschung ganz verbergen zu können. „Unser
Gespräch hier werden heute Millionen von Menschen mitverfolgen.“, eröffnete
Borost, „Sie haben doch sicherlich nichts dagegen, oder?“ Eljosch holte tief Luft.
Und ob er etwas dagegen hatte! Er wusste ganz genau, dass es für ihn übel aussehen
würde, wenn Borost die Reporter in der Hand hielt. Er war ein Meister der
Täuschung und ganz egal, was er ihm heute antworten würde, es würde zu seinen
Ungunsten ausgelegt werden. Und selbst wenn Borost die Leute nicht geschmiert
hatte, die Presse war ein nicht zu zähmendes Tier, das im einen Moment ein
Regenwurm und im nächsten ein Tiger sein konnte. Außerdem hatte Eljosch die
letzten 36 Stunden nicht geschlafen und seine Vorbereitung war miserabel gewesen.
Na super! Pressebesuche musste man anmelden, das, was Borost hier machte, war
illegal. Gerade wollte er ihm das unter die Nase reiben und die Besprechung absagen,
als er daran dachte, was für Konsequenzen das haben würde. Also blieb er cool.
„Natürlich habe ich nichts dagegen.“, versicherte er, „Unsere Bürger sollen ja
schließlich über alles, was in der Politik passiert, Bescheid wissen und mitreden
dürfen, richtig?“ „Richtig.“, Borosts schmieriges Lächeln zeigte ihm, dass er verloren
hatte.
Der Qualm nahm ihm fast den Atem. Er versuchte, die Luft anzuhalten und durch die
grauen, dichten Schwaden davonzurennen. Doch es gelang ihm nicht. Er konnte sich
einfach nicht losreißen, sosehr sein Körper sich auch gegen die Stricke, die ihn
hielten, aufbäumte. Er war gefangen. Er hörte das Knistern der Flammen, konnte
aus den Augenwinkeln Feuerzungen hervorschnellen sehen. Dann sah er nur noch
weiß. Ein blendendes Weiß, genauso schrecklich wie der Schmerz, der ihn durchfuhr.
Er schrie. Es war grauenvoll. Sein ganzes Dasein war nur noch Schmerz.
„Suro? Suro!“ Von einem Moment auf den anderen war er hellwach. „Ja?“, fragte er
perplex, noch während sein Oberkörper hochschoss, „Was ist denn?“ Er blickte in
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